Kafkas Sätze (48)

Kanarienvögel wollen fliegen

Von Charles Simic
 - 12:53

Ein Käfig ging einen Vogel suchen.

Passt gut auf eure Kanarienvögel auf! In Seattle bemerkte die Krankenschwester Elizabeth Bauman, die auf dem Heimweg von der Arbeit eine Autopanne hatte, einen verdächtigen leeren Käfig, der vor einer Tierhandlung herumlungerte.

Eine stark geschminkte ältere Frau, die wegen Ladendiebstahls in einem Berliner Kaufhaus verhaftet worden war, erklärte, sie habe am Vormittag auf der Rolltreppe einen mit teurem Schmuck ausgestatteten Käfig gesehen.

Betrübt über den Tod seines geliebten Kanarienvogels Isolda, warf der Operntenor Arturo Balderachi aus Pisa in einem Wutanfall Isoldas Käfig aus dem Fenster in Richtung des berühmten Schiefen Turms. Siebenmal wurde im vergangenen Monat in New York ein Bußgeld gegen einen abgerissenen Vogelkäfig verhängt, der beim Betteln um Vögel aufgefallen war.

Mme. Santé, die ihren neunundsechzigjährigen Ehemann François dabei überrascht hatte, wie er den Kopf in einen Vogelkäfig stecken wollte, lief mitten in der Nacht in ihrem dünnen weißen Nachthemd auf die Straßen von Paris, um einen Arzt oder Priester zu finden.

Eine aufmerksame Platzanweiserin in Montevideo bemerkte während der Vorführung des alten Hitchcock-Films „Die Vögel“ einen einzelnen Vogelkäfig, der in der ersten Reihe saß. „Da möchte man der nächsten Taube am liebsten einen Tritt versetzen“, brummte eine Frau auf dem Weg nach draußen.

Der Vogelkäfig ist einsam. Er streichelt sich mit einer Vogelfeder und weint sich allabendlich in den Schlaf.

Der angeklagte Käfig

Nachdem Aaron Bosselaar, Lehrer in Amsterdam, einen leeren Käfig vor seiner Wohnungstür gefunden hatte, erstattete er Anzeige gegen einen unbekannten Autor rätselhafter Bücher, die zu verstehen nur einige meldepflichtige Verrückte (wie seine Exfrau Laure-Anne) vorgeben.

Weil seine Eltern kein Geld für einen Vogel hatten, bekam der kleine Alfred Krauss zu Weihnachten einen Scherenschnitt-Papagei geschenkt, den er, wie sie ihm erklärten, jeden Abend vor dem Zubettgehen mit Kuchenkrümeln füttern sollte.

Während die beiden Hausfrauen darüber stritten, welcher ihrer Söhne das Schaufenster eines Beerdigungsinstituts zerdeppert hatte, und dem Richter dabei die Augen zufielen, brachten die Gerichtswachtmeister einen Käfig herein, der beschuldigt wurde, Spatzen dazu animiert zu haben, eine seiner Türen auszuprobieren.

Rodrigo, ein nichtsnutziger surrealistischer Dichter, las im Park sein gerade verfertigtes Gedicht, in dem er seine Liebe zu einem „Käfig voll wilder Tiere“ mit Amanda, einer vielversprechenden Nackttänzerin à la Isadora Duncan, verglich, als auf seinem schwarzen Lockenschopf und seiner grünen Samtjacke der Kot einer Taube landete.

In der Annahme, in dem kenternden Käfig auf der Seine befänden sich zwei Turteltauben, sprang Théophile, ein mitfühlendes Waisenkind aus Lunéville, ihm hinterher in die Seine, doch der Nichtschwimmer ertrank, ehe man ihn retten konnte.

Staunend bemerkte eine Gesellschaft vornehmer Engländer, die auf dem Rasen des Landsitzes Krocket spielten und Martini tranken, einen von einem Käfig gejagten Vogel, konnte aber, bereits deutlich alkoholisiert, nur sprachlos zusehen.

Ein Käfig im Stierkampf

Mein Gott, an der Decke eines vermieteten Zimmers, dessen Bewohner die Wirtin angeblich nie gesehen hatte, hing ein Käfig! Trotz gründlicher Durchsuchung des Anwesens konnte die Polizei weder irgendwelche Habseligkeiten des Toten noch einen Abschiedsbrief finden.

Bislang ist noch nicht untersucht worden, welche psychologischen Auswirkungen ein leerer Vogelkäfig auf Goldfische haben würde, den man in das Aquarium taucht, erklärte Professor Sadoff bei der feierlichen Sitzung der Akademie der Wissenschaften, was nur ein einziger Graubart unter den Teilnehmern mit zustimmendem Kopfnicken quittierte.

Der Vorsitzende Mao beschloss, sich bei seinem Geheimpolizeichef zu erkundigen, wie viele leere Käfige es in China gebe und ob sie nachts von ihm unbekannten verdächtigen Personen herumgetragen würden oder ob es sich um die Geister seiner alten Genossen handelte, die er im Laufe der Jahre ins Gefängnis geworfen und der Folter überantwortet hatte.

Nachdem Garfield Jones, genannt „der Schwindler“, eine Bank in Kansas City überfallen hatte, trug er, um in der mittäglichen Menschenmenge nicht aufzufallen, das Geld in einem Vogelkäfig davon, den er klugerweise mit einem dunklen Tuch verhängt hatte, wie es üblicherweise verwendet wird, damit der Vogel seine Nachtruhe findet.

In Andalusien sorgte ein Stierkämpfer namens Pepete, der das wütende Tier mit einem roten Vogelkäfig anstelle der Muleta reizte, für Verblüffung bei Zuschauern, Kampfrichtern und Picadores.

„Vogelkäfige aller Länder, befreit euch von diesen üblen Vögeln!“, rief der junge peruanische Revolutionär, als er mit verbundenen Augen vor das Erschießungskommando geführt wurde.

Der pensionierte Briefträger Kurt Braun, nach seiner Entlassung wegen jahrelangen Hortens von Postsendungen in seinem Keller noch wunderlicher geworden, begegnete, rückwärts die Straße entlanggehend, einem Vogelkäfig, der in der entgegengesetzten Richtung unterwegs war.

Der suizidgefährdete Vogelkäfig

„Ihr lieben Kleinen“, flüsterte der Käfig, „schaut nur, was ich Schönes für euch habe, die Tür, die Leiter, der Spiegel. Wie Prinz und Prinzessin werdet ihr leben, jeden Morgen in eurem Palast aufwachen, goldene Körner zum Frühstück bekommen, und alle Katzen im Viertel werden euch bewundern, während ihr abwechselnd badet und einander zuträllert.“

Auf dem Fenstersims eines Palazzo, hoch über der Piazza, wartete ein Vogelkäfig auf die Schwalben, die im Dämmerlicht des Juniabends um die Domkuppel schießen, weil er sie fragen wollte, was er als Nächstes tun solle.

Der furchtlose Käfig, der über den Atlantik fuhr, um in den Amazonaswäldern einen als außergewöhnlich dumm geltenden Vogel zu fangen, gab wegen der beschädigten Ruderpinne auf und kehrte wohlbehalten in sein Heim in einer Bremer Feuerwache zurück.

In einem siebenbürgischen Dorf fand eine Zigeunerin einen leeren Käfig, den sie mit Tarotkarten und weißen Mäusen füllte, um die Leichtgläubigen anzulocken und zu verblüffen und all jene zu vertreiben, für die selbst Bauernjahrmärkte Teufelswerk sind.

„Wenn du ein Gefängnis ohne einen einzigen Insassen wärst, würdest du dich dann nicht nach einem sehnen?“, sagte der Käfig zum blauen Himmel, während er auf den Schienen lag und darauf wartete, dass der ICE herannahte und nicht ein lokaler Güterzug mit eingesperrten Hühnern und Kartons voll frischer Eier.

Was habt ihr denn gedacht, ihr Dummköpfe, wie der Käfig nach fünfzig Jahren Suche nach einem Vogel aussieht? Jahrelang hat er am Straßenrand auf eine Mitfahrgelegenheit gewartet, unter Brücken geschlafen, in Kneipen von Hongkong bis San Francisco seine Enttäuschung in Alkohol ertränkt, sich mit Juwelendieben, Einbrechern, Bankräubern, Wahrsagern getroffen und ihre Ratschläge angehört, ohne den verdammten Vogel zu finden.

„Immerfort hast du gesucht“, sagte ein weiser Mann in Indien zu dem verzweifelten Käfig. „Wärst du all die Jahre in Tante Zeldas Küche geblieben, wäre eines Tages ein Vogel von ganz allein durch das geöffnete Fenster hereingeflogen, um deine Bekanntschaft zu machen.“

Charles Simic ist „Poet Laureate“ der Vereinigten Staaten. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt „Die Wahrnehmung des Dichters: Über Poesie und Wirklichkeit“ (2007).

Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Fienbork.

Quelle: F.A.Z.
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