Kafkas Sätze (53)

Schwebende Unentscheidbarkeit

Von Klaus Reichert
 - 10:47

Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch!

Der Satz setzt den Schlussakzent in der Erzählung „Das Urteil“. Er wird von dem greisen, aber immer noch übermächtigen Vater, der im Schlafanzug auf seinem Bett steht, dem Sohn mit lauter Stimme zugerufen. Der Vater fährt fort: „Und darum wisse: Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!“ Der Sohn jagt klaglos davon, durch die Straßen zum Fluss, schwingt sich über das Geländer und vollstreckt das Urteil mit dem leisen Ruf: „Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt.“

Kafka hat die Geschichte in einem Zug, in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912, von abends um 10 bis morgens um 6, ins Tagebuch geschrieben. „Die fürchterliche Anstrengung und Freude, wie sich die Geschichte vor mir entwickelte, wie ich in einem Gewässer vorwärtskam. Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken.“ Das Schreiben dieser entsetzlichen Geschichte gibt ihm Freude, trotz des Gewichts auf dem Rücken, die Freude des Gelingens (das Wort hätte er kaum benutzt), die Freude auch darüber, dass er dem Freund Max Brod „etwas Schönes“ für sein Jahrbuch für Dichtung „Arcadia“ anzubieten hat. Vielleicht macht es ihm auch eine - diebische - Freude, im expressionistischen Jahrzehnt der Vatermörder den Spieß einmal umzukehren. Und so entsetzlich erbarmungslos die Geschichte ist, ist sie auch grotesk-komisch. Vom Komödienspiel des Vaters ist die Rede, und man muss sich ihn im slapstickhaften Arrangement vorstellen, wie er die vernichtenden Sätze mit zahnlosem Mund spricht. Komisch freilich ist nicht mehr die Selbstvollstreckung des Urteils.

Eigentlich, eigentlicher, noch eigentlicher

Aber warum habe ich den Satz eigentlich zitiert? Wegen des merkwürdig schillernden Adverbs „eigentlich“, das sich in keine andere Sprache übersetzen lässt. Es heißt so etwas wie „in Wahrheit“, „in Wirklichkeit“, aber es liegt einerseits „tiefer“ als beide und hat andererseits eine weitere Streuung: „Eigentlich habe ich beschlossen zu gehen“ heißt „Ich habe beschlossen und auch wieder nicht“. Das Wörtchen trägt also seine Negation - halbwegs, vag, ungefähr - in sich. „Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich“ heißt, dass er es (eigentlich) auch wieder nicht war, oder vielleicht doch, in schwebender Unentscheidbarkeit. Doch dann kommt der Peitschenhieb des Laios in agrammatischer Absurdität: „aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch“. „Eigentlicheres“ gibt es manchmal im Deutschen, obwohl es - eigentlich - ein Selbstwiderspruch ist.

Aber „noch eigentlicher“? In welche Tiefen des Eigentlichen soll das führen? Vielleicht in die, aus denen es kein Entrinnen mehr aus der teuflischen Verstrickung ins immer noch Eigentlichere gibt. Kafka selbst hat im Tagebuch den Namen des Sohnes und der vom Vater wie eine lästige Fliege verscheuchten Braut des Sohnes als den eigenen und den Felice Bauers angegeben. In der sich anbahnenden Beziehung zwischen beiden ist er „unschuldiges Kind“ und „teuflischer Mensch“, eigentlich und noch eigentlicher. Es gibt offenbar Lagen, in denen nur das grammatisch „Falsche“ sprachlich möglich ist.

Klaus Reichert, Jahrgang 1938, lehrte Literaturwissenschaft in Frankfurt. Er ist Übersetzer, Lyriker, Essayist und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Quelle: F.A.Z.
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