Kafkas Sätze (59)

Noch die besten Anfänge sind nichts

Von Andreas Platthaus
 - 16:48

Alles ist in den besten Anfängen.

Das schrieb er am Ende. Er war am Ende, der Kehlkopf drohte zu schwellen und ihn zu ersticken, essen konnte er kaum noch. Am Tag danach war er tot: Franz Kafka starb am 3. Juni 1924. Am Tag zuvor schrieb er den letzten Brief, an die Eltern, und mitten darin steht die Formulierung „Alles ist in den besten Anfängen“.

Das war eine Lüge, und wie schwer muss sie ihm gefallen sein, der diesen Brief sonst so klar schrieb, zumindest solange er konnte, bis ihn die Kraft verließ, ein erstes Mal mitten in dem Satz, der mit „Alles ist in den besten Anfängen“ beginnt. Da wurde er unklar bei dessen Fortsetzung, musste unklar werden, weil er den Eltern als Gewährsmann für diese behaupteten „besten Anfänge“ den Wiener Laryngologen Kurt Tschiassny nannte, der tatsächlich Mitte Mai bei Kafkas Krankheit zum Tode, der Tuberkulose, eine leichte Besserung diagnostiziert hatte, danach aber längst wieder eine Verschlechterung, und der Brief war doch vom 2. Juni.

Der Brief erreichte die Eltern zwei Tage vor dem Leichnam

Kafka wusste, dass es zu Ende ging, und er log, um die Eltern von einem angekündigten Besuch im Hoffmannschen Sanatorium in Kierling abzuhalten, und doch konnte er nicht zu Ende lügen, denn als er den Satz nach einer Respektbekundung für Tschiassny, die – strategisch klug – einen leisen Zweifel an dessen hoffnungsfroher Botschaft derart unterbricht, dass der Zweifel nicht explizit wird, dann zu Ende führt, schrieb er nochmals: „Alles ist wie gesagt in den besten Anfängen, aber noch die besten Anfänge sind nichts; wenn man dem Besuch und gar einem Besuch, wie Ihr es wäret – nicht grosse unleugbare, mit Laienaugen messbare Fortschritte zeigen kann, soll man es lieber bleiben lassen.“

So endet der Satz. Nichts mehr ist von den besten Anfängen übrig, mit dem er begann. Den Brief selbst musste irgendwann Dora Diamant weiterschreiben, weil Kafka zu erschöpft dazu war, und er blieb unvollendet; er erreichte die Eltern wohl am Todestag des Sohnes. Zwei Tage später traf der Leichnam Kafkas in Prag ein.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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