Kafkas Sätze (62)

Die Evidenz des Augenblickes

Von Mark Siemons
 - 16:10

Die Götter wurden müde, die Adler wurden müde, die Wunde schloß sich müde.

Das also ist das Ende der Geschichte: Das ewige Hadern mit Schuld und Existenz ist vorbei, die Kämpfe um die richtige Interpretation der Welt haben sich erledigt, die metaphysischen Energien verbraucht. Knapper als in den vier Varianten der Prometheus-Sage, die Kafka in seinem dritten nachgelassenen Oktavheft skizzierte, kann man den Kreislauf einer Kultur kaum fassen. Zuerst das reine Pathos, der absolute Gegensatz: Die Herausforderung der Götter wird mit unaufhörlichem Leiden bestraft, Prometheus ist am Kaukasus festgeschmiedet, während Adler an seiner Leber fressen. Dann die große Verschmelzung: Der Empörer wird eins mit dem Felsen, an den er gefesselt ist. In der dritten Phase der Umschlag ins Vergessen: Der Grund des Konflikts, des ganzen Leidens, gerät aus dem Blick. Und schließlich werden alle „des grundlos Gewordenen müde“.

Ist das nun das Schreckbild einer schönen neuen Welt – oder einfach eine Beschreibung der Gegenwart, die die Spannungen, aus denen sie entstanden ist, bloß noch als Bildungsgut und Unterhaltungsstoff kennt, so dass der Mensch fortan als glücklich erschöpftes „Tier“ (Alexandre Kojève) weiterlebt? Beides wäre denkbar, aber nur unter der Voraussetzung, dass diese Entwicklung als unausweichlich erscheint – zumal, was das eigene Leben betrifft. Wem einmal ein Problem nicht mehr notwendig vorkommt, kann durch kein kulturkritisches oder wertestrategisches Räsonnement dazu gebracht werden, es wieder für notwendig auszugeben.

Griechisches Mythos mit östlichen Mustern

Doch wahrscheinlich ging es Kafka gar nicht so sehr um eine Kritik der Müdigkeit, sondern um etwas viel Allgemeineres. Das zeigt der nächste Satz, mit dem in einer der überlieferten Versionen die Eintragung endet: „Blieb das unerklärliche Felsgebirge.“ Wenn alle Probleme, die durch die verschiedenen Interpretationen der Welt zustande kamen, verschwunden sind, bleibt doch die Welt, die so rätselhaft ist wie zuvor. Das ist kein purer Agnostizismus; die Unerklärlichkeit des Felsgebirges rührt ja nicht zuletzt daher, dass Prometheus und all die Fragen, die sich mit ihm stellen, in den Stein eingegangen und in ihm weiter enthalten sind. Aber es kommt zu einer Verschiebung in der Weise, sich dem Unbehauenen gegenüber zu verhalten: An die Stelle der linearen Erzählung tritt die unbewegte Evidenz des Augenblicks. „An das Unzerstörbare in sich glauben und nicht zu ihm streben“, hatte Kafka in einer anderen Notiz als theoretische Glücksmöglichkeit bezeichnet.

Am Anfang mag bei ihm der griechische Mythos stehen, aber am Ende eine Art Intuition, bei der man sich eher an östliche Muster erinnert fühlt. Die Pointe ist, dass das eine das andere nicht beseitigt, sondern aufhebt. Beides bewahrt sich gegenseitig vor Willkür.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Siemons, Mark (Si.)
Mark Siemons
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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