<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Karl May als Sexualaufklärer

Schamlosigkeiten auf Farbtafeln

Von Martin Halter
 - 18:02

Old Shatterhand ließ bekanntlich in seinen frühen Kolportageromanen gern Busen wogen und büßte dafür im Alter schwer. Für Arno Schmidt waren Winnetou und sein Bruder Scharlih verklemmte Schwule, ihr Wilder Westen eine gigantische Sexuallandschaft. Karl May mag Mythomane und Hochstapler gewesen sein; aber er war kein Sittenstrolch. Seine Trapper und Rothäute leben in der Regel unbeweibt und jugendfrei zölibatär. May war, anders als seine Frau Emma Pollmer, in erotischen Dingen ein Freund „einfacher, gesunder Hausmannskost“. Ausdrücklich billigte er das psychoanalytische Gutachten eines zeitgenössischen Sexualforschers, seine Autobiographie „Mein Leben und Streben“ entwerfe das „ganz vortreffliche Bild eines schwer belasteten Neurotikers, der seine durch eine verpfuschte Jugend krankhaft gesteigerte Sexualität endlich zu einem religiös mystischen Edelmenschentum sublimiert hat“.

Umso überraschender kommt jetzt die Nachricht, dass der Jugendbuchautor sich in seinen Lehrjahren als furchtloser Aufklärer, Eheberater, ja, Sexualwissenschaftler hervorgetan hat: May alias Dr. Dr. med. Heilig - der Oswalt Kolle von Dresden, der Dr. Sommer der Heftchenliteratur? Eine verräterische Notiz im Nachlass, neuere Funde und philologische Studien von Dieter Sudhoff lassen daran keinen Zweifel: „Das Buch der Liebe“, das 1875 anonym bei Münchmeyer erschien, unter Pornographieverdacht eingezogen und von May selber als scheußliches „Schund- und Schandwerk“ qualifiziert wurde, darf als sein erstes und, trotz schamloser Plagiate, eigenes Buch gelten. Das bislang apokryphe Werk ist jetzt durch die Aufnahme in die Gesammelten Werke geadelt worden; auf dem angemessen kitschigen Titel sieht man statt Indianer und Beduinen Adam, Eva und die züngelnde Schlange lächeln. Der junge Leser wird dennoch enttäuscht sein: Statt neuer Reiseabenteuer bekommt er ältere Warnungen vor Selbstbefleckung und Harnröhrentripper und jene anatomischen Schautafeln, die einst pubertierende Westmänner in die Mysterien des Geschlechtslebens einweihten.

Die Geheimnisse der Venustempel

Enttäuschend war „Das Buch der Liebe“ wohl schon für den Wollüstling seiner Zeit. Karl May war jung und brauchte das Geld, aber er war nicht so tief gesunken wie sein Verleger Münchmeyer. Nachdem zwei seiner Bestseller, die pikante Studie „Die Geheimnisse der Venustempel aller Zeiten und Völker“ und „Die Geschlechtskrankheiten und ihre Heilung“, verboten und konfisziert worden waren, wollte Münchmeyer sie unter neuem Titel und in veränderter Aufmachung wieder in Umlauf bringen. May fiel die Aufgabe zu, den für heutige Begriffe harmlosen harten Kern mit kulturgeschichtlich-philosophischen Alibi-Texten zu camouflieren. Als ehrgeiziger Jungautor und Ex-Zuchthäusler unter Polizeiaufsicht nahm er die Sache doppelt ernst: Statt nur ein Feigenblatt zu liefern, begann er die unsittlichsten Stellen zu streichen, retuschieren und sublimieren. Wo der „Venustempel“ mit üppigen Farbtafeln und „Schamlosigkeiten“ aufwartete, gab es jetzt nur noch „Vorgänge“ und Schwangerschaftskalender, und wo „Die Liebe in ihren geschlechtlichen Folgen“ in die Details der Penetration („Die Ruthe wird nun ähnlich einem Spritzenstempel unter der sich auf- und niederwärts bewegenden Bewegung des Mannes hin- und herbewegt“) ging, glaubte May „eine nähere Hindeutung füglich wohl unterlassen“ zu dürfen. Beim „bekannten Mechanismus“ des Begattungsakts finden „die beiderseitigen Geschlechtsorgane diejenige Vereinigung, deren Art und Weise von der Natur dem Menschen durch die Gestaltung der betreffenden Organe deutlich gezeigt und vorgeschrieben ist“.

Derlei Hindeutungen waren für die unaufgeklärte Jugend wenig hilfreich; aber das Buch richtete sich ja auch offiziell an den „gebildeten Vater“, dem „die heimlichen Fragen des Geschlechtslebens schon durch die Erfahrung beantwortet sind.“ 1248 Seiten wollten freilich erst einmal gefüllt sein. Bei der Lieferung der beiden Flügelaltäre für das Mittelstück ließ Münchmeyer seinem Autor freie Hand. May verbreitete sich umständlich über Wesen, Formen und Negationen der Liebe, streute allerlei Bibelzitate, geflügelte Worte und Gedichte - gern auch eigene - ein und bediente sich großzügig bei Sittengeschichtlern, Philosophen und Naturwissenschaftlern wie Ernst Haeckel und dem Berliner „Weltäther“-Vordenker Philipp Spiller. Auch wenn sein Versuch, Darwins Evolutionsgeschichte mit der christlichen Schöpfungslehre und seiner eigenen Liebesreligion zu versöhnen, hin und wieder zu grotesken Brüchen und Widersprüchen führte: Streckenweise zeigte sich der Dreiunddreißigjährige bereits auf der Höhe seines späteren Menschheitspathos und Missionsdrangs: fort mit Egoismus und Intoleranz, Krieg und Unterdrückung; durch Nacht zum Licht, durch „Liebe und Frieden“ empor ins Reich der Edelmenschen.

Die allerniedrigste Kloakenliebe

Allerdings bleibt auch der Liebesapostel ein Kind seiner Zeit. Sein Frauenbild hängt an Schillers „Glocke“ („Das Weib fesselt den kühnen, immer nach oben strebenden Geist des Mannes an die Erde, hebt ihm mitten in seinem gewaltigen und rastlosen Wirken und Schaffen den erquickenden Kelch des stillen, häuslichen Glückes an die dürstenden Lippen“), und auch seine erotische Völkerkunde wendet sich mehr an den männlichen Kenner. Die Russin entbehrt „keineswegs der körperlichen Reize, doch werden dieselben unter dem Einfluss der viel gebrauchten Dampfbäder sehr früh schlaff und welk“; die Türkin würde „schön sein, wenn die Haremsabgeschlossenheit, die vielen Bäder, das unaufhörliche Schminken und das immerwährende Sitzen auf eingeschlagenen Beinen nicht ihrem Körper jene übervollen Formen verliehen, welche nur im Morgenlande für eine Zierde der Frau gehalten werden.“ Der Neger steht dem Tier näher als uns Kulturmenschen; dafür lädt „die Negerin mehr zum physischen Genusse ein als die Weiße“, vermöge jener „aufregenden Einwirkung, welcher der Kenner schwarzer Schönheiten mit dem Wort ,elektrisch' bezeichnet“.

Bereits ganz der autodidaktische Besserwisser, der Greenhorns und Hadschis mit seinen erbaulichen, „geographischen Predigten“ nervt, kommt May so vom „innigen Ineinanderfließen der Seelen“ zur phönizischen Tempelprostitution, von der widernatürlichen Unzucht zu „falsch konstruierten Frauennaturen“, von der höheren „sittlichen Gymnastik“ zu Gott. Die Liebe - ob nun zu Gott, dem Gatten, der Kunst oder dem Haustier - ist der mächtigste Hebel der Kultur, ihr Ziel die Beglückung der Menschheit.

Wenn May später jede Mitarbeit an diesem „ganz unbeschreiblichem Werk über die allerniedrigste, venerische Kloakenliebe mit nackten Frauen und Geschlechtsteilen“ bestritt, so war das eine doppelte Lüge. Münchmeyers schamlosestes Bubenstück ließ immerhin einen begabten Kolportageschmierer zum Großmystiker, einen prüden Sexratgeber zum weltweisen Edelmenschen reifen.

Karl May: „Das Buch der Liebe“. Wissenschaftliche Darstellung der Liebe. Hrsg. von Dieter Sudhoff. Karl Mays Gesammelte Werke Band 87. Karl-May-Verlag, Bamberg 2006. 560 S., geb., 15,90 [Euro].

Quelle: F.A.Z., 25.01.2007, Nr. 21 / Seite 32
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenKarl MayArno SchmidtDresden