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Kinderbuch „Lehmriese lebt!“

Hier geht es nicht ins, sondern ums Auge

Von Lena Bopp
 - 13:19
Verspielt und gegen den Strich: Anke Kuhls Zeichungen feiern das Ungeglättete. Bild: Anke Kuhl/Reprodukt Verlag, F.A.Z.

Womit es beginnt? Mit den Augen, sagt Anke Kuhl und nimmt zum Beweis die oberste Mappe von einem Stapel, der aus Dutzenden von Mappen besteht und nur deswegen nicht längst unter seiner eigenen Last zur Seite gekippt ist, weil er von einem anderen Stapel aus Mappen gestützt wird, der seinerseits – aber das führt jetzt zu weit. Aus dieser Mappe jedenfalls zieht Anke Kuhl scheinbar wahllos ein Blatt Papier. Es ist das oberste, zeigt einen lehmfarbigen Golem links und, in seiner Blickrichtung, drei Augenpaare rechts, die aus je zwei Kreisen mit winzigen Pupillen-Punkten und Augenbrauen-Strichen bestehen. Was an ihnen nicht gestimmt hat? „Weiß ich jetzt auch nicht mehr“, sagt Anke Kuhl und muss beim Blick auf das zumindest in diesem Moment völlig identisch aussehende Strich-Punkt-Gewimmel selbst lachen. Hinterher lacht es sich ja immer leicht.

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In dem Augenblick, in dem die Figuren entstanden sind, mag das noch anders gewesen sein, auch wenn die vierundvierzigjährige Illustratorin, die vor Jahren in Frankfurt die Ateliergemeinschaft „Labor“ mitbegründet hat, die eigene Pingeligkeit bei den Augen mittlerweile sehr gut kennt. Sie weiß, dass sich erst der Blick richtig anfühlen muss, damit sie zu den Augen ein Gesicht und zu diesem Gesicht einen Körper zeichnen kann. Vielleicht geraten die Augen ihrer Figuren auch deswegen oft so groß, denn wie beim Golem, ihrer jüngsten Schöpfung, nehmen sie nicht selten ein gutes Viertel der Gesichter ein.

Beim Golem, dessen Geschichte sie in ihrem jüngsten Kinderbuch „Lehmriese lebt!“ (Reprodukt Verlag) erzählt, wirken sie sogar noch größer, weil sein Kopf im Verhältnis zu seinem Körper so klein ist – ein echter Riese eben, wie er Anke Kuhl zuerst in dem expressionistischen Stummfilm „Der Golem, wie er in die Welt kam“ begegnet ist. Wie macht man nun aber aus diesem Klassiker über den Golem, welcher der Legende nach Unheil vom jüdischen Volk abwenden sollte, einen Comic für Kinder? Kuhls Antwort: Man macht die Kinder selbst zu Baumeistern und damit zu Herren über das seltsame Geschöpf.

Eine Art sommerlicher Schneemann

Wie es für einige ihrer Bücher charakteristisch ist, merkt man dabei auch der Umsetzung dieses mythisch beladenen Stoffes an, dass sie gar nicht erst versucht hat, Herkunft, Bedeutung und Rezeption der Golem-Legende kindgerecht aufzubereiten, ihrer Geschichte also irgendeine Form von frühkindlicher Pädagogik angedeihen zu lassen. Sie hält sich vielmehr an die erzählerischen Fakten, die sie hier und da gleichwohl verfremdet: Bei Anke Kuhl ist der Golem also eine Art sommerlicher Schneemann – geschaffen von zwei Kindern, die nicht ahnen können, welche Geister sie rufen, als sie am Ufer eines Flusses anfangen, einen Riesen aus Lehm zu bauen. Denn schon in der Nacht beginnt dieser Riese sich zu bewegen, und als am folgenden Morgen die neben seinem Kopf wachsende Blume einen Regentropfen auffängt und an seiner Stirn herabperlen lässt – was eine konzentrierte, aber unaufdringliche Bildersequenz über den religiösen Hintergrund der Legende ergibt –, schlägt der Golem die Augen auf. In Wald, Stadt und im Supermarkt richtet er dann allerlei Unheil an, bis er schließlich als das erkannt wird, was er ist, und man folglich auch weiß, auf wen er hört: nur auf diejenigen, die ihn erschaffen haben.

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Abgesehen davon also, dass es erst die Akzentuierung und die Perspektive von Kuhl sind, die aus der Legende vom Golem eine Geschichte für Kinder machen – was in ähnlicher Weise schon in ihren anderen Büchern, etwa jenen über das Essen und die Familie, aufgefallen war –, lässt sich gerade an dem bilderreichen neuen Buch gut nachvollziehen, was das Besondere ihrer Arbeit ist. Anke Kuhl bezeichnet ihren ersten Comic selbst als ein „Luxusprojekt“, und zwar vor allem, weil in ihm die Zeit eine andere Rolle spielt als sonst. Damit ist zum einen die Entstehungszeit gemeint: Kuhl hat sechs Monate an ihrem Lehmriesen gearbeitet, was sie sich nur leisten konnte, weil ihre wieder und wieder aufgelegten älteren Bücher mittlerweile einen gewissen Gewinn abwerfen. Aber zum anderen auch die erzählte Zeit: In einem Comic von neunzig Seiten führen die Figuren ein viel größeres Eigenleben als in normalen Bilderbüchern. Und das bedeutet natürlich sowohl mehr Arbeit als auch mehr Spielraum für die Illustratorin.

Die Arbeit folgt bei Kuhl einem bestimmten Muster: Zunächst zeichnet sie ihre Bilder mit einem Bleistift, dann paust sie die Umrisse mit Feder und Tusche ab und malt sie mit Buntstiften aus – erst danach werden die Bilder gescannt, die Hintergründe koloriert und die Buntstiftfarben dann am Computer intensiviert. Was auf diese Weise erhalten bleibt, ist das Ungeglättete, Unperfekte, das Kuhls Bilder vor allem dort auszeichnet, wo sie mit ihren Buntstiften gearbeitet hat. Denn immer wieder zeichnet sie hier absichtlich gegen den Strich, übt mal mehr, mal weniger Druck aus und imitiert auf diese Weise etwas, was man bei Kindern wohl als Kritzelei bezeichnen würde – wozu die Zeichnerin Kinder übrigens in den gemeinsam mit ihren Atelierkollegen herausgegebenen „Kinder, Künstler, Kritzelbüchern“ ausdrücklich einlädt. Bei ihr jedoch dient es dazu, sowohl Bewegungen als auch Emotionen der Figuren zu akzentuieren. Das verleiht ihren Bildern eine schöne Heiterkeit. Und es ist, wenn man so will, ein zeichnerischer Hinweis auf jene spielerisch verstandenen Abweichungen, um die Anke Kuhls Bücher auch thematisch häufig kreisen.

Kuhl zeichnet stets mit kindlichem Blick

Die Geschichte von dem Riesen Golem, der zum Untertan seiner kindlichen Schöpfer wird, ist dafür nur ein Beispiel. Schon in „Alles lecker“, das sie 2010 mit Alexandra Maxeiner, ihrer Atelierkollegin, schrieb und das mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, ging es um Formen des Essens, die mit der Norm einer sich beim Abendbrot versammelnden Familie nicht viel gemein hatten – also etwa um Essstäbchen, Fertiggerichte oder Insekten auf dem Teller. Ebenso war es in dem zwei Jahre später erschienenen Buch „Alles Familie“, in dem es eben auch um Patchworkfamilien, Scheidungen, Adoptionen und gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern ging. Was übrigens manchen ausländischen Verlagen, welche die Lizenzen erworben hatten, doch zu viel Abweichung war: In Südkorea wollte der Verlag ursprünglich die Sequenzen mit homosexuellen Paaren und ihren Kindern weglassen, was die Autorinnen allerdings ablehnten. Auch in Russland hatte man solche Bedenken, und dort ist das Buch letztlich auch nicht erschienen.

Hierzulande aber ist es genau diese mit dem kindlichen Blick assoziierte Unvoreingenommenheit, welche die Bücher von Anke Kuhl wiederum auch für Erwachsene zu immer wieder bereichernden Überraschungen macht. Man staunt dann oft, dass solche Perspektiven erst jetzt und immer noch so selten eingenommen werden. Aber man versteht auch besser, warum die Augen ihrer Figuren dieser Zeichnerin so wahnsinnig wichtig sind.

Quelle: F.A.Z.
Lena Bopp
Redakteurin im Feuilleton.
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