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Krebsliteratur

Der Schleier über den letzten Dingen

Von Richard Kämmerlings
 - 13:53
Neuerscheinung: „Der Tod meiner Mutter” von Georg Diez Bild: Verlag, F.A.Z.

Lasst mich mit eurem Krebs in Ruhe. Ich kann es nicht mehr hören. Und lesen. Jeder kennt Menschen, die Krebs haben oder schon daran gestorben sind. Das heißt, dass jeder weiß, was damit verbunden ist, welche medizinischen Prozeduren, welches Leiden, welches Hoffen und Bangen. Dazu braucht man nicht den Fernseher anzuschalten oder eine Zeitung aufzuschlagen. Oder ein Buch zu lesen.

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Statistisch gesehen, stehen die Chancen, dass ein Mensch in Europa irgendwann im Laufe seines Lebens an Krebs erkrankt, eins zu drei. Etwa jeder Vierte stirbt in Deutschland an Krebs (das sind aber immer noch viel weniger als Menschen, die an Herzinfarkt oder Schlaganfall sterben, nämlich mehr als dreiundvierzig Prozent). Das Thema betrifft jeden, direkt oder indirekt. Deswegen ist es logisch, dass Krebs auch ein Boulevardstoff ist. Boulevard ist eine Art von Journalismus, deren innerste Form die Vortäuschung von allgemeinem Interesse ist. „Tua res agitur“, schreit es aus jeder Skandalmeldung, aus jeder Prominentenscheidung, aus jedem Weltrekord im Nasenflöten. So blöd können Menschen sein, so gemein oder eben so krank, obwohl sie doch berühmt sind. Oder jung. Oder schön.

Von Schlingensief bis Georg Dietz

Beim Krebs geht das am leichtesten. Denn ihn bekommt ja tatsächlich jedermann, (fast) ohne Rücksicht auf den Lebenswandel. Es vergeht kaum eine Woche ohne eine Krebsschlagzeile. In den letzten Jahren hat der Krebs auch den Kulturbetrieb erobert. Noch immer steht das in diesem Frühjahr erschienene Krebs-Tagebuch des Regisseurs und Aktionskünstlers Christoph Schlingensief (Schlingensief und der Krebs: Warum ich?) auf der Bestsellerliste. Die letzte Inszenierung des im Juni verstorbenen Regisseurs Jürgen Gosch konnte von manchen Rezensenten gar nicht mehr besprochen werden, so deutlich überlagerte die Erkrankung die künstlerische Leistung.

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In diesen Tagen erscheint ein Buch des Journalisten Georg Diez über den „Tod meiner Mutter“, den Krebstod seiner Mutter. Auch dieses Erinnerungswerk verspricht ein Erfolg zu werden. Und zu Recht, denn es ist (unter anderem) ein sehr schönes, einfühlsames und berührendes Porträt einer bemerkenswerten Frau. Und auch Schlingensiefs Buch ist ja ein bemerkenswertes Dokument einer radikalen Künstlerexistenz, die im Angesicht des Todes Bilanz zieht und sich buchstäblich mit Gott und der Welt auseinandersetzt.

Kontamination mit dem Boulevard

Was aber berührt nun an diesen Beispielen trotzdem so unangenehm? Es ist die Kontamination mit dem Boulevard, der niemand entgeht, der die Tatsachen und Details der Krankheit nicht aussparen kann, selbst wenn er doch eigentlich eine ganz andere Geschichte erzählen will. Um das Verhältnis zur verstorbenen Mutter zu beschreiben oder um mein Verhältnis zu Gott zu klären, muss ich nicht die Resultate einer Punktierung, die Zahl der Tumormarker und den exakten Verlauf der Chemotherapie mit ihren schrecklichen Nebenwirkungen beschreiben. Man leiht sich dann nämlich, ob man sich dessen bewusst ist oder nicht, die Dramatisierungsformen der Sensationspresse.

Dazu gehört das vergleichsweise junge Alter des Erkrankten bei Schlingensief oder die einstige Schönheit der todkranken Mutter bei Diez, wenn die lebenslustige, verführerisch hübsche Frau auf dem Buchcover mit den Folgen der Chemotherapie kontrastiert. Ein anderes Beispiel: Auch in der öffentlichen Debatte um die Schauspieler Ulrich Mühe und Jenny Gröllmann wurden die komplexen Fragen von Schuld und Stasi-Verstrickungen durch die von der Presse begleiteten Krebserkrankungen beider überlagert.

Topos des Heimtückischen

Die Crux beim Krebs ist, publizistisch gesehen, dass das Heimtückische der Krankheit selbst zum Topos geworden ist, den man gar nicht mehr ausdrücklich abrufen muss. Es kommt auf die Individualität des Kranken viel mehr an als auf den jeweiligen Verlauf der Krankheit. Denn dieser ist auf jeder Onkologie-Station furchtbar ähnlich. Der Krebstod ist der große Gleichmacher, weswegen man ihm keine Macht über das Leben, auch nicht über das erzählte Leben, einräumen darf. So hat das Buch von Georg Diez schon den falschen Titel. „Der Tod meiner Mutter“ ist gar nicht sein Thema, nicht einmal das Sterben. Einer der besten Romane des Frühjahrs trägt bezeichnenderweise den Titel „Du stirbst nicht“; Kathrin Schmidt erzählt darin in großartiger Weise von der Rekonvaleszenz nach einer Hirnblutung (F.A.Z.-Rezension: „Du stirbst nicht“ von Kathrin Schmidt). Das Entscheidende ist hier aber die Wiedererinnerung an das Vorher, das Leben eben.

Wer nun sagt, die Beschreibung des Sterbevorgangs sei doch ein notwendiger Tabubruch, der Tod werde (in Deutschland, in Europa, in der Moderne) immer noch mit einem Mantel des Schweigens umgeben, und deswegen müsse man gerade sein ganz konkretes Gesicht beschreiben und so fort, der hat entweder noch nie in eine „Frau im Spiegel“ oder eine „Super-Illu“ geschaut oder weiß nicht, dass es einen Unterschied zwischen Tabu und Intimsphäre gibt. Wer nachträglich Auszüge aus der Krankenakte seiner Mutter veröffentlicht, bricht kein Tabu, sondern verletzt einen Bereich, der gerade bei Krankheit und Tod zur Menschenwürde gehört. Der Schleier über den letzten Dingen ist keine überholte Konvention.

Aids und Demenz

Hier ist ein Vergleich mit anderen Krankheiten lehrreich. Die Aids-Literatur der neunziger Jahre, die Filme von Derek Jarman oder die „Geschichte meines Todes“ von Harold Brodkey standen tatsächlich gegen ein soziales Tabu, und insofern hatte der aufklärerische Impetus seine Berechtigung. Aids war keine Volkskrankheit, sondern ein Stigma, eine vermeintliche Minderheitenangelegenheit, mit deren genauen Ursachen und Folgen man sich nicht befassen wollte – und nicht musste, denn das war eine Sache bestimmter „Schichten“. Wieder anders liegt die Sache bei der Demenz, die erst jüngst und nicht zuletzt durch die Literatur (etwa durch Tilman Jens’ Buch über seinen Vater Walter Jens) ins öffentliche Bewusstsein gekommen ist.

Tatsächlich besteht hier immer noch eine Mauer falscher Scham. Auch kann der Boulevardjournalismus hier weniger Honig saugen, vielleicht weil Alzheimer weniger als Krebs (oder auch Multiple Sklerose) das Klischee des „Kampfes“ David gegen Goliath zulässt. Am besten gehen natürlich die Erzählungen über Menschen, die „den Krebs besiegten“, als sei das eine persönliche Leistung und nicht zuallererst eine Mischung aus Hochleistungsmedizin und viel, viel Glück.

Der soziale Körper

In den siebziger Jahren veröffentlichte Susan Sontag ihren epochalen Essay über „Krankheit als Metapher“. Darin beschrieb sie eine Tendenz der Öffentlichkeit, Krebs nicht organischen Ursachen zuzuschreiben, sondern als psychosomatischen Ausdruck seelischer und, in der Konsequenz, gesellschaftlicher Missstände zu interpretieren, deren Opfer der einzelne Kranke wird. Krebs erschien nur als Symptom krankhafter Zustände des sozialen Körpers. Im deutschsprachigen Raum war die Autobiographie des Schweizers Fritz Zorn dafür das beste Beispiel. In seinem 1977 postum erschienenen Kultbuch „Mars“ tritt die Krankheit auf als perfider Agent einer kranken Gesellschaft.

Schon Susan Sontag hatte in ihrer Fortsetzung „Aids und seine Metaphern“ Ende der Achtziger festgestellt, dass die einstige Tabuisierung und Metaphorisierung von Krebs durch Aids abgelöst worden war. Heute wäre es vielleicht angebracht, „Demenz als Metapher“ zu beschreiben. So etwa wenn Tilman Jens suggeriert, sein Vater habe sich angesichts der Presse-Enthüllungen über seine NSDAP-Mitgliedschaft in die Demenz „geflüchtet“, also auch hier wieder die seelischen Ursachen über die organischen die Oberhand haben sollen – und (wie lange Zeit bei Aids) der Kranke selbst schuld an seiner Krankheit sein soll.

Vom Leben erzählen

Jeder Mensch muss sterben. Manche sterben zu früh, die anderen werden alt und sterben auch irgendwann. Es ist zutiefst menschlich, sich überdiese vermeintliche Banalität zu ereifern, wie Christoph Schlingensief es mit hiobscher Verve tut. Ein großer Schriftsteller wie Elias Canetti hat sein ganzes Werk dem Kampf gegen die Unausweichlichkeit des Todes verschrieben, bis er schließlich, steinalt, selbst starb. Woran? Ich weiß es gerade nicht, es ist aber auch nicht wichtig. Lasst uns mit eurem Krebs, eurem Schlaganfall, eurer Leberzirrhose, eurer Schweinegrippe in Ruhe. Erzählt von dem, was zählt, und nicht von Tumormarkern. Erzählt vom Leben. Das Ende kennen wir schon.

Quelle: F.A.Z.
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