Thriller von John le Carré

Der Spion, der in die Kälte geht

Von Gina Thomas
 - 22:44

Man sagt, dass in den letzten Augenblicken vor dem Tod das ganze Leben filmartig an einem vorbeiziehe. Wenn dem so ist, würde sich jener durch das verstärkte Bewusstsein der Endlichkeit angefachte Prozess des Erinnerns, des Zurückblickens und der Selbstbefragung über das, was war und hätte sein können, wie im Zeitraffer abspielen. Bei John le Carré findet dieser Prozess im Zeitlupentempo statt. Seit fast sechzig Jahren erkundet er insbesondere in seinen Romanen über den Kalten Krieg nicht nur die Psychologie der gebrochenen Weltmacht Großbritannien, das Spannungsfeld zwischen Idealismus und Realismus sowie die moralischen Ambiguitäten und Äquivalenzen des „lizenzierten Betrugs“, als den er die Agententätigkeit bezeichnet hat.

Le Carrés Spionagegeschichten sind aber auch eine Art von Selbstsuche. Am Anfang seiner schriftstellerischen Laufbahn, als er unter diplomatischem Deckmantel noch für den britischen Auslandsgeheimdienst tätig war, legte sich David Cornwell das Pseudonym Le Carré zu. In seinen Büchern wiederum ist der Autor Le Carré aber David Cornwell auf der Spur, der in verschiedene fiktive Figuren eingegangen ist. Le Carré eruiert dessen Ungereimtheiten, offenbart dessen verwundbare Stellen, lüftet dessen Überzeugungen und hinterfragt dessen Beweggründe. Wenn der Autor meint, Cornwell zu nahe zu treten, streut er dem Leser Sand in die Augen.

Meister der Verschleierung

John le Carré erweist sich immer wieder als Meister der Verschleierung, auch in seinem jüngsten Roman, „A Legacy of Spies“ (Das Vermächtnis der Spione), der gerade in Großbritannien erschienen ist. Er endet allerdings mit einem kristallklaren Bekenntnis, in dem sich Zorn mit Trauer vermengt. Überhaupt hat das Buch den Charakter eines wehmütigen Rückblicks auf ein sich dem Ende zuneigendes Leben. Der personale Erzähler ist ein betagter Mann, der sich in der Gegenwart nicht mehr zu Hause fühlt.

„A Legacy of Spies“ ist noch einmal eine Reise in die Vergangenheit des Kalten Krieges. Der Roman dient zugleich als Vor- und Nachgeschichte zu jenem Täuschungsmanöver des britischen Geheimdienstes, das in Le Carrés erstem Bestseller, „Der Spion, der aus der Kälte kam“, mit der Erschießung des Agenten Alec Leamas und seiner arglosen Geliebten Liz Gold an der frischerrichteten Berliner Mauer endete. Mehr als fünfzig Jahre später stellt sich im neuen Buch heraus, dass beide jeweils ein uneheliches Kind hatten. Die Schadenersatzkultur, die Le Carré wie so viele andere Erscheinungen des Zeitgeistes zu beklagen scheint, veranlasst diese beiden Nachkommen, den zynischen, kokainsüchtigen Sohn von Leamas und die nach ihrer idealistischen Mutter kommende Tochter von Liz Gold, die britische Regierung zur Rechenschaft zu ziehen für den Tod ihrer Eltern.

Zahlreiche Unwahrscheinlichkeiten der Handlung

Die Akten sind bereinigt worden, die Geheimdienstanwälte müssen sich also anders behelfen, um schlagende Argumente für die Verteidigung zu liefern und einen Skandal zu verhindern. Und so wird Peter Guillam, der damals an der Operation beteiligt war, aus dem Ruhestand in der Bretagne in die neue Londoner Zentrale bestellt. Der ehemalige Adlatus des Meisterspions George Smiley soll die Lücken ausfüllen. Le Carré verwendet den Kunstgriff, das Buch in der Form einer Niederschrift Guillams zu verfassen, den er schon in „Der heimlich Gefährte“ eingesetzt hat.

Zu den zahlreichen Unwahrscheinlichkeiten der Handlung von „Das Vermächtnis der Spione“ zählt, dass der Geheimdienst, ohne dass sich ein Vermerk zur Adresse fände, über all die Jahre hinweg jenen sicheren Unterschlupf mitsamt der Haushälterin aufrechterhalten hat, der bei der früheren Operation zum Schutz eines ostdeutschen Doppelagenten als Kommandozentrale gedient hatte. Guillam führt die Anwälte dorthin. In den dunklen Zimmern, in denen die Zeit stehengebleiben ist wie im Haus der sitzengelassenen Braut in Dickens’ „Große Erwartungen“, rekonstruiert der ehemalige Agent die Ereignisse von damals. Die dort in den Büchern versteckten Akten helfen ihm dabei auf die Sprünge.

Geflecht aus Vergangenheit und Gegenwart

Über diesem Geflecht aus Vergangenheit und Gegenwart liegt der lange Schatten von George Smiley, dessen Verbleib erst auf den allerletzten Seiten des neuen Buchs enthüllt wird. Smiley tritt hier als einer der Köpfe des Manövers in Erscheinung, obwohl er sich in dem ursprünglichen Roman in seinen Forschungen über das deutsche siebzehnte Jahrhundert vergraben hatte, weil ihm die Operation nicht behagte. „Er findet sie verwerflich. Er sieht die Notwendigkeit ein, aber er will damit nichts zu tun haben“, teilt der Geheimdienstchef, den Le Carré als Control in die Literaturgeschichte eingeführt hat, dem Agenten Leamas in „Der Spion, der aus der Kälte kam“ mit. Nun aber ist Guillam verdrossen darüber, dass er in die Mangel genommen wird. Dabei sei er doch nur ein naiver Untergebener gewesen. Drahtzieher seien vielmehr die „Großmeister der Täuschung“, George Smiley und dessen Vorgesetzter Control, gewesen.

Es ist das Privileg eines Autors, seinen Stoff nach eigenem Belieben bearbeiten zu können. Dem Leser verlangt Le Carré dabei allerdings eine willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit ab. Nicht die geringste Hürde, die dabei überwunden werden muss, ist das Alter der Protagonisten. Guillam dürfte unterdessen das Alter Le Carrés erreicht haben, der demnächst seinen sechsundachtzigsten Geburtstag feiert. Der pensionierte Spion wandert jedoch ebenso agil durch die Straßen Londons, wie sein literarischer Schöpfer mit der Feder umgeht. Guillam bildet sich sogar ein, den hünenhaften Sohn von Leamas überwältigen zu können, als dieser ihn mit einer Pistole bedroht. Bei Smiley überdehnt Le Carré allerdings die Vorstellungskraft. Er hat ihn schon einmal, in „Dame, König, As, Spion“, um mehrere Jahre jünger gemacht. Die historischen Begebenheiten lassen ihm jetzt wenig Spielraum. Der eulenhafte Intellektuelle, der das Gewissen eines gewissenlosen Dienstes verkörpert, muss um die hundert Jahre alt sein, als Guillam ihn schließlich in einer Freiburger Universitätsbibliothek aufspürt. Trotzdem springt der beleibte alte Herr, der mit seinen schlecht sitzenden Kleidern wie eine Karikatur seiner selbst geworden ist, auf die Füße, um seinen ehemaligen Schützling zu begrüßen.

Dürftig verkleidete innere Entladung

Le Carré hat „Der Spion, der aus der Kälte kam“ einmal als eine dürftig verkleidete innere Entladung bezeichnet, mit der er seiner Desillusionierung über die Geheimdienstwelt Ausdruck verliehen hat. „Das Vermächtnis der Spione“ gipfelt während der Wiederbegegnung der beiden Veteranen des Kalten Krieges in einer ähnlichen Entladung über die aktuellen politischen Missstände. Das Gespräch kreist um die im Kern von Le Carrés Büchern stehende Frage, ob der Zweck die Mittel heilige.

Control hat nie daran gezweifelt: „Ich meine, man kann ja schlecht weniger schonungslos als der Gegner vorgehen, nur weil die Politik der eigenen Regierung eine friedfertige ist, oder?“, lässt Le Carré die ihm offenkundig unliebsame Figur sagen. Smiley hingegen hat sein Leben lang darüber gegrübelt. Nun erklärt er, dass ihn bei dem schmutzigen Geschäft ein hehres Ziel getrieben habe: die Einheit Europas. „Wenn ich herzlos gewesen bin, war ich herzlos für Europa.“ Für ein Europa, das aus der Dunkelheit des Zweiten Weltkrieges in ein neues Zeitalter der Vernunft führen sollte. Mit einem verächtlichen Hieb gegen Theresa Mays Formulierung über den Weltbürger, der nirgendwo Bürger sei, macht Le Carré seiner bitteren Enttäuschung über den Brexit Luft. Rückblickend verleiht er Smileys Werk doch eine moralische Rechtfertigung: den Glauben, für eine höhere Sache gehandelt zu haben. Auch das ist ein Vermächtnis der Spione.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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