Krimi-Autor Rex Stout

Das FBI, wie es keiner kennt

Von Jürgen Kaube
 - 13:54

„The Doorbell Rang“ war im Herbst 1965 noch nicht herausgekommen, da erhielt Rex Stout bereits einen Leserbrief. Der Schreiber fasste sich kurz: „Lieber Herr Stout, ich habe gerade gelesen, was im ,Herald Tribune Sunday Magazine‘ über Ihr Buch steht. - Thomas Jefferson dankt Ihnen. Thomas Paine dankt Ihnen. James Madison dankt Ihnen. - Und ich danke Ihnen.“

Es kommt selten vor, dass die halbe Gründungsmannschaft der modernen Demokratie aufgeboten wird, um eine Detektivgeschichte zu loben. Lakonisch wie stets meinte Rex Stout später, er habe sich damals schon gefragt, was denn mit Benjamin Franklin und George Washington los gewesen sei. Und er spielte die politische Bedeutung seiner Geschichte über Nero Wolfe, wie der einmal das FBI reinlegte, herunter. Es sei ihm nur um eine gute Story gegangen. Das nächste Mal, ließ er wissen, werde er sich vielleicht auf die Heilsarmee, die römische Kirche, den Ku-Klux-Klan oder die Abstinenzbewegung christlicher Frauen stürzen.

Mehr als nur ein politisches Statement

Dass das Buch sein größter Erfolg wurde, hing trotzdem mit dem Stoff zusammen. Die Vereinigten Staaten hatten damals die Kommunistenjagd des Senators McCarthy gerade mal zehn Jahre hinter sich. Sie waren vom Attentat auf Kennedy erschüttert, ein Jahr danach hatte sich, der Roman streift es, mit Barry Goldwater ein Befürworter der Rassentrennung im öffentlichen Leben um das Präsidentenamt beworben. J. Edgar Hoover, in dem die Leser den ganz großen Fisch erkannten, der am Ende vergebens an der Tür Wolfes klingelt, war schon seit 1924 Chef des FBI und sollte es noch weitere sieben Jahre bleiben.

Dass der Roman auf eine Liste der dem FBI nicht genehmen Schriften kam, Hoover den Autor für einen Kommunisten hielt und der Darstellung seiner Agenten bei Stout ausdrücklich widersprach, hätte Nero Wolfe nicht verwundert: „Sie haben es darauf angelegt, und jetzt stecken Sie drin.“ Stouts Schwester erhielt sogar Besuch von zwei FBI-Leuten, die sie über ihre politischen und religiösen Ansichten befragten: „Mein Bruder wurde darüber ganz grün vor Neid.“

Das amerikanische „Bundesamt für Ermittlung“ zu provozieren war freilich mehr als nur ein politisches Statement des bürgerrechtlich engagierten Autors. Es berührte die Form des Kriminalromans. Waren in ihm doch seit seinen Anfängen in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vorzugsweise zwei Instanzen mit Ermittelungen beschäftigt. Einerseits die Polizei im Besitz staatlicher Gewaltmittel. Anderseits der Privatdetektiv, der mitunter auch ein Versicherungsagent, ein Anwalt, ein Pfarrer, eine von Zinsen lebende Lady oder ein pensionierter Offizier sein konnte. Dass der Rechtsstaat nicht ausreicht, um die Taten der intelligenten Verbrecher aufzuklären, ist für die Detektivgeschichte jener Epoche wesentlich.

Für alle ein Rätsel

Weshalb aber reicht er nicht aus? Weil die Polizei gegenüber den Normalzuständen, die sie wiederherstellen möchte, befangen ist. „Der Polizist kennt nur die offizielle festgelegte Realität“, hat der Soziologe Luc Boltanski diesen Mangel beschrieben. Den großen Verbrecher befähigt demgegenüber gerade seine Unabhängigkeit von der konventionellen Wirklichkeitswahrnehmung dazu, alle ihr Verpflichteten zu manipulieren. Dem normalitätsgläubigen, nur mit dem ersten Blick ausgestatteten und immer auf dem Dienstweg befindlichen Inspektor tritt darum im klassischen Kriminalroman der mit dem Bösen, seinen außerordentlichen Absichten und seinen kognitiven Möglichkeiten vertraute Privatermittler überlegen zur Seite.

Dass der Detektiv der Realitätsauffassung seiner Umwelt stets einen Gedankenschritt voraus ist, begründet die Schlagfertigkeit von Nero Wolfe und Archie Goodwin tiefer als es ihre persönlichen Eigenschaften könnten. „Sind Sie beruflich hier?“ wird Goodwin in „Champagner for One“ von 1958 gefragt und versetzt: „Wenn ich es wäre, was würde ich, Ihrer Ansicht nach, antworten?“ „Sie würden es bestreiten.“ „Und wenn ich es nicht wäre?“ - So denkt der Privatdetektiv bei allem: Wie, wenn es anders wäre? Wie, wenn gerade die Tatsachen Konstruktionen sind? Wie, wenn das, was zwingend scheint, es nicht ist? Er wechselt beständig zwischen Vorder- und Hinterbühne der Gesellschaft und ist seiner Umgebung insofern selbst ein Rätsel, weil er sich nicht um die Instanzen und Konzepte schert, die den Grenzstreifen zwischen der offiziellen und der inoffiziellen Wirklichkeit bewachen.

Unter allen amerikanischen Autoren jener Jahre hat Rex Stout dieses klassische Modell am stärksten aufgegriffen. Nero Wolf als exzentrisch-arroganter Dandy-Detektiv, der seine vertraulichen Dienste nur Privatpersonen erweist und als Schreibtischtäter seine Wirklichkeitskontakte - so wie der Leser von Romanen - über Assistenten herstellt, überbot alles, was man aus England in dieser Hinsicht gewohnt war. Doch mit „Es klingelte an der Tür“ geht Stout über diese Unterscheidung zwischen Privatdetektiv und Polizei noch hinaus. Denn hier spielt er mit einer Situation, in der sich die Seite der staatlichen Ordnungskräfte selbst spaltet: in eine offizielle Polizei und eine, die je nach eigenem Bedarf entweder offiziell oder inoffiziell agiert.

Klarer Blick für die Widersprüche des Rechts

Das FBI vereint nämlich Strafverfolgung mit nachrichtendienstlicher Tätigkeit. Das Buch „The FBI Nobody Knows“, das die Romanhandlung auslöst, hat sich Stout nicht ausgedacht. Die Geheimpolizei, die es beschreibt, behandelt die Rechtsnormen, den Kern jener „offiziell festgelegten Realität“, seinerseits nur als Mittel, um im Vorfeld von Rechtsbrüchen Gefahren vorzubeugen, die es allesamt unter den Titel „Angriffe auf die bestehende Ordnung“ bringt. Sie verschafft sich mit dem Argument, jede Information sei nützlich, Zugang zu jeder Hinterbühne. Stout hat das FBI in jenem Vorabgespräch des „Herald Tribune“ darum als eine gegenüber dem Rechtsstaat „subversive Organisation“ bezeichnet.

Die technischen Mittel dieser doppelköpfigen Ermittlungswelt, deren Leitbegriffe „Sicherheit“ und „Bekämpfung“ lauten, haben inzwischen ebenso enorm zugenommen wie die entsprechenden Spielräume möglicher Verbrechen. Niemand wälzt mehr Telefonbücher, um herauszubekommen, wer wo wohnt, und kommunizieren heißt vielfach elektronische Spuren auf staatlichen und unternehmerischen Servern hinterlassen. Insofern schauen wir auf Passagen über ein Gerät, „das Stimmen angeblich auf eine halbe Meile Entfernung übertragen kann“, mit ähnlicher Rührung wie Raketeningenieure auf die gemütlichen Gondeln Jules Vernes. Doch wenn zutrifft, was Goodwin sagt: „die können alles“, dann spielt es keine so große Rolle, was nach dem Stand der jeweiligen Technik „alles“ ist - denn, was immer es ist, es genügt stets, ein Individuum im Namen der Ordnung zu ruinieren.

Mindestens so sehr wie um die Techniken der Überwachung geht es in „Es klingelte an der Tür“ also um die gesellschaftliche Bereitschaft, Sicherheit gegenüber Freiheit vorzuziehen. Stout hat vor fünfzig Jahren die grundsätzlichen Widersprüche klar gesehen, die aus einer Verpolizeilichung des Rechts folgen, wenn Bürger unter dem erweckten oder tatsächlichen Eindruck einer diffusen Bedrohung vor allem als Gefahrenquellen wahrgenommen werden.

Mit der Soziologie verwoben

Neben die Konkurrenz der privaten mit den staatlichen Ermittlern tritt so bei ihm der Konflikt der Polizei mit sich selbst. Stout setzt sie als Komödie in Szene, in der die Mordtat nur den Hebel abgibt, um die Logik der Exekutive aus den Angeln zu heben. Bei keinem Buch, sagt er, habe er sich beim Schreiben so vergnügt wie bei diesem. Ihren Höhepunkt erreicht diese Komödie, wenn klar wird, dass Beamten ohne ihren Ausweis etwas Entscheidendes fehlt. Dass der Staat „Ausflüchte“ sucht - eine Lieblingsvokabel in den rhetorischen Attacken von Nero Wolfe auf seine Gegenüber -, wird hier zum Gegenstand des Gelächters, wenn sich zwei Behörden wechselseitig widerwillig darin unterstützen, kein Unrecht getan zu haben - es aber nur tun, weil ein Privatmann weiß, was sie getan haben, und damit droht, öffentlich zu machen, was der öffentliche Dienst als Geheimdienst tut.

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Rex Stout schrieb seine Kriminalromane in der großen Epoche der amerikanischen Soziologie. Ihre Themen sind seine. In „Zu viele Köche“ von 1938 beispielsweise geht es um eine von Vorurteilen zusammengehaltene Oberschicht, deren größtes es ist, vorurteilsfrei zu sein. In „Ein bestatteter Cäsar“ von 1939 wird ein Gemeinwesen geschildert, in dem jeder den anderen übers Ohr hauen will. Es ist eine Gesellschaft, in der - wie in „Nur über meine Leiche“ von 1940 -, jeder einen neuen Namen annehmen kann und scheinbar niemand an seine Vergangenheit gebunden ist, oder in der - wie in „Die goldenen Spinnen“ von 1950 - die Armen zum Objekt eigens auf sie berechneter Verbrechen werden.

Selfmademan

Es ist unsere Gesellschaft. Stout, der vierzehn war, als das zwanzigste Jahrhundert begann, hat ihre ganze Dynamik durchlebt. Als Kind ein Bildungswunder vom Land, das als Rechenkünstler auftrat und mit elf überdies die Werke Alexander Popes sowie Plutarchs „Viten“ durchgelesen hatte, zweigte er früh vom Weg einer Mittelschichtbiographie ab. Als Gelegenheitsarbeiter übte er zwei Dutzend Berufe - vom Buchhalter bis zum Garnelenfischer, Fremdenführer und Hotelmanager - in allen Ecken der Vereinigten Staaten aus, bevor er Mitte dreißig zum reichen Geschäftsmann wurde, der sein Geld mit der Erfindung eines Sparkassensystems für Schüler machte, um dann schon mit vierzig das Geschäftsleben wieder aufzugeben. Als Europareisender und Schriftsteller bewegte sich Stout im Umkreis der klassischen Moderne, in dem er mit Gertrude Stein und James Joyce ebenso zusammentraf wie mit Gilbert Keith Chesterton und Thomas Mann. Kurz darauf wurde er durch den Börsencrash von 1929 fast vollständig um seine Mittel gebracht, zog sich in ein Landhaus zurück, wo er im Alter von sechsundvierzig Jahren seinen ersten Kriminalroman schrieb und sofort erneut erfolgreich war.

Wenn es also je einen Selfmademan gegeben hat, dann war es Rex Stout. Der gelebte Individualismus eines durch und durch amerikanischen Lebenslaufs hat ihn aber nicht blind, sondern sehend gemacht für die gesellschaftlichen Umstände einer Zeit, in der mit der Freiheit auch die Freiheitsbedrohungen wachsen. Dem Verdikt Raymond Chandlers, die klassische Detektivgeschichte wisse zu wenig von der Welt außerhalb von Cheesecake Manor, verfallen Nero Wolfe und Archie Goodwin darum trotz ihrer snobistischen Grundstimmung nicht. In ihnen hat Stout vielmehr die Hoffnung imaginiert, die zu bürgerlichen Schichten fänden zu einem anderen Lebensinhalt als der unnachgiebigen und kein Mittel scheuenden Verteidigung ihrer engsten Interessen.

Der Text ist das Nachwort zu dem Roman „Es klingelte an der Tür: Ein Fall für Nero Wolfe“, der in der Übersetzung von Conny Lösch bei Klett-Cotta erschienen ist.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
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