Benedikt XVI. im Gespräch

Der Blick des Christen geht immer in die Zukunft

Von Patrick Bahners
 - 13:31

Der Titel könnte makaber wirken. Die „Letzten Gespräche“, das vierte Buch aus Interviews von Peter Seewald mit Joseph Ratzinger, erscheinen schließlich zu Lebzeiten des emeritierten Papstes. Aber unangemessen ist der Titel nicht. Benedikt XVI. tritt uns nicht als ein Mensch entgegen, der mit dem Leben abgeschlossen hat. Aber sein Leben ist in die Phase der letzten Konzentration eingetreten, geht auf in Vorbereitung auf den Tod.

In einfachsten Worten schildert uns Benedikt die täglichen Verrichtungen eines auf einem Auge erblindeten Greises. Der äußere Radius seiner einst den Erdkreis umspannenden Tätigkeit ist auf eine Wohngemeinschaft im Vatikan geschrumpft, eine Art Klosterzelle. Er schreibt noch, aber keine Bücher mehr, sondern nur noch Predigten für den gleichsam privaten Gebrauch in der Sonntagsmesse vor den Mitbewohnern.

Er spricht nicht mehr als Papst

Seewald hat in die Gesprächsprotokolle auch knappe Notizen über nonverbale Regungen seines Gesprächspartners aufgenommen. Dieser firmiert stets als Papst. Das kann irritieren. Benedikts Nachfolger Franziskus hat ihm Papstnamen und -titel im Sinne einer Ehrenbezeigung belassen. Aber wenn der frühere Papst sich wozu auch immer äußert, spricht er nicht mehr als Papst; sein Sekretär hat sich in diesem Zusammenhang gelegentlich in verwirrender Weise eingelassen. Andererseits spricht aus Benedikts persönlichen Mitteilungen seine Auffassung vom Papstamt, und anhand von Angelegenheiten, die jeder Mensch mit sich selbst ausmachen muss, kann vielleicht ganz besonders deutlich werden, wie die Nachfolger des Petrus ihr Amt verstanden haben.

Wie Benedikt berichtet, beschäftigte ihn beim Nachdenken über seinen Rücktrittsplan die Frage, ob er mit dem präzedenzlosen Schritt einer „funktionalistischen“ Umdefinition des Papsttums Vorschub leisten würde. Es wäre eine Ironie der Kirchengeschichte, wenn ausgerechnet Ratzinger, der Kritiker der Selbstsäkularisierung der Funktionärskirche, dafür sorgen sollte, dass aus dem Diener der Diener Gottes ein Beamter mit Pensionsberechtigung werden würde. Es ist nicht auszuschließen, dass es entgegen Benedikts Absicht dazu kommt.

Diskrepanz zwischen Intentionen und Konsequenzen

Die Diskrepanz zwischen Intentionen und Konsequenzen ist in der Kirche besonders groß, weil die Stabilisierung der Institution durch kontrafaktisches Beharren auf der Normgeltung, die es in jeder Organisation gibt, hier auf der Annahme eines übernatürlichen Fundaments ruht und die Adressaten der kirchlichen Botschaft außerhalb wie innerhalb des Apparats die Personen in ihrer Eigenschaft als Personen sind. Leopold von Ranke konnte die Geschichte der Institution des Papsttums als Geschichte der aufeinanderfolgenden Päpste schreiben, im ironischen Modus.

Über Pius IV., der 1559 mit sechzig Jahren zum Papst gewählt wurde, erzählt Ranke, er sei nach der Genesung von einer als lebensgefährlich eingeschätzten Krankheit aufs Pferd gesprungen, zu dem von ihm als Kardinal bewohnten Palazzo geritten und dort treppauf und treppab gelaufen: „,Nein, Nein!‘ ruft er, ,Wir wollen noch nicht sterben!‘“ Benedikt demonstriert eine entgegengesetzte Haltung, wenn er Einblick in den Inhalt seiner täglichen Meditationen gewährt. „Dass ich immer wieder daran denke, dass es zu Ende geht. Das Wichtige ist eigentlich nicht, dass ich mir das vorstelle, sondern dass ich in dem Bewusstsein lebe, das ganze Leben geht auf eine Begegnung zu.“ Im Tod, so seine Hoffnung, muss sich die Wahrheit enthüllen, in deren Dienst er sein Leben gestellt hat.

Die Hoffnung speist sich aus der Erfahrung, schon vor dem Tod, in Krisen wie in der Routine, Gott begegnet zu sein. Von ihm spricht Benedikt als einer Person im schlichten Wortsinn, nicht anders als von seinen Eltern, Lehrern und Kollegen. Er versichert, dass die Abdankung schon deshalb kein einsamer Entschluss gewesen sei, weil er mit Gott Zwiesprache darüber gehalten habe. Der doppelt persönliche Charakter der priesterlichen Berufung, die von einer Person an eine Person ergeht, ist die dogmatische und nach Benedikts Zeugnis auch die praktische Grenze des Funktionalismus. Benedikt war sich sicher, auch mit der Niederlegung des Amtes im Sinne eines Auftrags zu handeln, der sich in sachlichen Anforderungen nicht erschöpft.

Während des Pontifikats von Johannes Paul II. gab es Vermutungen, Kardinal Ratzinger müsse die charismatische Amtsausfüllung seines Chefs mit Sorge sehen, als Risiko für die durch Formen gewährleistete überindividuelle Kontinuität der Gnadenverwaltung. Benedikt trat auch deshalb zurück, weil er der Kirche die Wiederaufführung des Schauspiels der Hinfälligkeit eines Papstes ersparen wollte. Um diese Entscheidung fällen zu können, musste er allerdings ebenfalls in individualistischer Manier Symptome seiner körperlichen Verfassung als Zeichen des göttlichen Willens dechiffrieren.

Das Leben des Menschen läuft zu auf die Begegnung mit dem lebendigen Gott: In dieser Überzeugung tritt der eschatologische Gehalt der christlichen Botschaft hervor. Vor diesen Horizont muss man auch eine zeithistorische Aussage des 1927 geborenen Altpapstes zur Stimmungslage der unmittelbaren Nachkriegszeit stellen. Er bejaht die Frage des Interviewers, ob die Erfahrung der gottlosen Diktatur Hitlers sein Wirken grundlegend geprägt habe, und muss dann erklären, warum das Dritte Reich nur selten Thema in seinen Schriften ist: „Nun, der Blick geht immer in die Zukunft.“ Das sagt der Theologe, der im Gespräch mit dem heiligen Augustinus sein Verhältnis zur modernen Philosophie klärte, dessen am Votum des Zweitgutachters beinahe gescheiterte Habilitation die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura behandelt und der im Bemühen um das rechte Verständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils eine Hermeneutik des Bruchs bekämpfte.

In Bonn war noch „alles im Anfang“

Der Blick des Christen geht immer in die Zukunft, in jeder Epoche. Das bedeutet in Benedikts Augen aber auch, dass man sich davor hüten muss, die christlichen Politiker unter den Gründern der westdeutschen Republik als Agenten einer aus dem Willen zur Verdrängung geborenen Restauration hinzustellen. Zehn Jahre nach dem Inkrafttreten des Grundgesetzes wurde Ratzinger an die Universität der Bundeshauptstadt berufen. Er kam an einen Ort, wo noch „alles im Anfang“ war. „Die Bundesrepublik war noch jung, und in diesem Sinne war auch das Leben an einem Anfangspunkt.“ Der Neunundachtzigjährige legt ein politisches Bekenntnis ab: „Ich bin nach wie vor ein überzeugter Adenauerianer.“

Frappant ist die Begründung: Mit der SPD der Einheit Deutschlands den Vorrang vor der Freiheit zu geben „hätte bedeutet, dass es irgendwann wahrscheinlich Krieg gegeben hätte“. Dass Adenauer einen Krieg in Kauf nehme, hielten seine Gegner ihm vor, darunter viele Christen. Der Professor, an dessen Bad Godesberger Wohnung die Dienstlimousine des Kanzlers täglich vorbeikam, erkannte in Adenauers Politik eine Wirkung der christlichen Hoffnung, dass der gegebene Weltzustand nicht der letzte ist.

Benedikt XVI. mit Peter Seewald: „Letzte Gespräche“. Droemer Verlag, München 2016. 288 S., geb., 19,99 €.

Quelle: F.A.Z.
Patrick Bahners - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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