Literatur

Generation Wolf

Von Volker Weidermann
 - 14:23

„Ich bin ganz schlecht in Interviews“, hatte er am Telefon gesagt, und wenn wir da etwas Niveau reinbekommen wollen, in das Gespräch, solle ich ihm meine Fragen vor meinem Besuch doch einfach zuschicken. Er beantworte die dann in Ruhe, und zu Beginn des Treffens würde er mir die fertigen Antworten übergeben.

Sehr komisch. Also erstens hatte man bislang von mangelndem Selbstbewußtsein und mangelnder Geistesschärfe des Dichters Wolf Wondratschek im Gespräch wahrlich noch nichts gehört, und zweitens - wozu soll wohl dann noch ein Gespräch gut sein, das man auf der Grundlage vorher mühsam ausgefeilter Fertigformulierungen führt. Aber schön. Er ist der Dichter. Ich will ihn treffen. Seine Regeln. Gut.

Zehn, zwölf Fragen schicke ich ihm zu. Über sein neues Buch, den leuchtend-traurig-schönen Erzählungsband „Saint Tropez“, über die alten Bücher, die legendären Gedichtbände der siebziger Jahre, „Chucks Zimmer“ und so, diese Wahnsinnsgedichte, die er zuerst nur so für sich und seine Freunde im Privatdruck hergestellt hatte und die sich in kurzer Zeit danach mehr als 100.000mal verkauft haben. Über seine Kampfanfänge auf den 67er-Barrikaden, seine Freundschaft mit Cohn-Bendit, die Liebe zu Nabokov, zu den Frauen, den Umzug, den Rückzug von München nach Wien vor Jahren und seine Rückkehr jetzt hierher nach Schwabing.

Literatur! Alles Literatur!

„Ich wohne zur Zeit bei meiner Freundin“, hatte er gesagt und: „Sie wissen schon - die Kelly aus den ,Kelly Briefen'“, und ja, ich weiß natürlich, der Briefroman des störrischen Dichters, dieser zärtliche, weise, romantische, böse Briefroman des Dichters in New York, der seine Geliebte von einem Besuch abzuhalten sucht, bis sich das Gleichgewicht der Liebe leicht verschiebt und alles ins Wanken kommt, und dann steht da plötzlich: „Literatur! Alles Literatur! (Was ein Schimpfwort ist, wenn Du nur wütend genug bist!) Sollen ihn die Krokodile fressen!“, und später wird er mir in der Wirklichkeit von Kellys Wohnung zeigen, wo er damals die Briefe an sie abgelegt hat, hier in der Wohnung, und sie wohnten damals schon zusammen, und die Briefe, die legten sie sich in verschlossenen Kuverts auf den Tisch, und es wäre wirklich nicht nötig gewesen, daß Wolf Wondratschek später im Gespräch mehrfach erklärt, daß er „hochromantisch“ sei.

Und über das Verhältnis von Schreiben und Wirklichkeit, von Wahrheit, Dichtung und den Büchern von Wolf Wondratschek hat er damit auch alles gesagt. Kellys Wohnung. Kelly-Briefe. Wir sitzen an einem literaturhistorischen Ort. Später erzählt Wondratschek ergriffen, wie er vor einer Weile Marianne Frisch, die Witwe von Max Frisch, getroffen habe und ihr bewundernd erklärte, sie sei ja eine literaturhistorische Figur. Übrigens nicht, ohne gleich anzufügen, er sei allerdings Dürrenmatt-Verehrer, was eine Frisch-Verehrung ja quasi ausschließe. Darauf Frau Frisch: „Wissen Sie was? Ich auch.“

Die nackten Füße auf dem Tisch

Mit offenen Armen hatte er mich empfangen, das weiße Baumwollhemd bis zum Bauchnabel aufgeknöpft, verwaschene Jeans, an drei Stellen modisch aufgerissen, barfuß, kurzes graues Haar, das Gesicht leicht gebräunt, die haarlose Brust eher rötlich, leuchtend blaue Augen, schlank. Der Mann ist einundsechzig Jahre alt, sieht sensationell aus und federt selbstbewußt durch Kellys leuchtend helle Wohnung unterm Dach wie in einer Tennislehrer-Homestory im Fernsehen. An einem weißen Zeichentisch am Fenster sitzen wir uns gegenüber, auf dem Tisch liegt ein Band mit Nabokov-Interviews. Daneben ein Laptop, eine Karaffe mit Eiswasser, zwei Gläser und ein weißes Frotteetuch, das er sich immer mal wieder lässig über die Schulter wirft. Er raucht Nil-Zigaretten und legt zwischendurch öfter mal kurz die nackten Füße auf den Tisch zwischen uns. Also gut.

„Ja, Ihre Fragen“, sagt er. „Ich weiß nicht, ob Sie das auch so machen. Von einem Buch, von einem Text, lese ich meist nur den ersten Satz. Nur den ersten Satz, dann weiß ich: Das wird interessant. Oder nicht. - ,Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.' Ja, das ist ein erster Satz. Da lese ich weiter. So, und jetzt lese ich Ihnen mal Ihren ersten Satz vor.“ Und er liest meine erste Frage, die ich mit der Feststellung begonnen hatte, er sei vor Jahren mit viel Getöse von München nach Wien gezogen. „So“, sagt Wondratschek jetzt, „tut mir leid, aber da habe ich nicht weitergelesen.“ - Wie bitte? Weil mein Frageeinstieg sich nicht mit Becketts „Murphy“ messen kann, liest der Mann meine Fragen, die er sich bestellt hatte, nicht einmal durch? Alle Achtung. Kein schlechter Beginn.

Stille und Getöse

Und jetzt ist Wondratschek-Showtime. Von jetzt an braucht er keine Fragen mehr. Jetzt beginnt er zu reden und zu reden, große Wahrheiten, große Lügen, Selbstlob und Selbstvergrößerung in gigantischem Ausmaß, Geschichten seines Lebens, das Drama seines Lebens. Er schont sich nicht und keinen. Mit dem angeblichen „Getöse“, mit dem er nach Wien gezogen sei, fängt er an. Das Gegenteil war der Fall. Ganz, ganz leise hatte er vor fast zehn Jahren München verlassen, das er seit so langer Zeit schon verlassen wollte, schon immer eigentlich und war doch so fester Bestandteil der Münchner Bussi-Gesellschaft, daß er von seinem Freund Patrick Süskind und seinem Freund Bernd Eichinger in dem Film „Rossini“ schon als kurioses Inventar der Stadt verewigt worden war.

Es war also eine endlich gelungene Flucht, damals, in die Stille hinein. Er kannte niemanden in Wien, ließ sich von der Mitwohnzentrale immer wieder kurzfristig Wohnungen vermitteln. Wondratschek hatte keinen Verlag mehr, er war bei Diogenes rausgeflogen, weil er den Verleger ein „Arschloch“ genannt hatte, er hatte schon lange kaum noch Erfolg, seine glänzenden Zeiten waren lange vorbei. Bis er seinen ersten Lektor Michael Krüger traf, den er vor unendlich vielen Jahren beim Flippern in einer Kneipe mit Hanna Schygulla kennengelernt hatte, und einer sagte damals, der Michel lektoriert, du schreibst, schick dem doch mal was zu, und so wurde Krüger der Lektor von Wondratscheks erstem Erzählungsband „Früher begann der Tag mit einer Schußwunde“. Jetzt ist Krüger längst Chef des Hanser-Verlages, und jetzt in Wien fragte er ihn wieder: „Und, schreibst du noch?“ Und Wondratschek: „Was sonst?“

Jedes Jahr ein neues Buch

Und so kam Wondratschek zu Hanser zurück, publizierte seitdem fast jedes Jahr einen Prosaband. Krüger sagt inzwischen längst: Wir können doch nicht jedes Jahr ein Buch von dir bringen. Und Wondratschek sagt: Im Gegenteil. Man muß den Wondratschek zu einem Autor von europäischem Rang machen! Er wüßte, wie man das machen muß, als Verlag. Aber der Verlag wolle nicht. Drucke Philip-Roth-Plakate statt Wondratschek-Plakate. Tue nichts für ihn. Und als ich entgegne, im Katalog sei doch er der Spitzentitel, das neue Buch riesengroß auf den Seiten eins und zwei, da sagt er: „Ja, das ging so: Ich habe dem Michel gesagt, wenn er mir nicht zwei Seiten gibt, im Katalog, dann bring' ich ihn um.“ Und jetzt, im Sommer, als sie sich in Berlin begegneten, habe Krüger ihm den Katalog auf den Tisch geknallt mit den Worten: „So! Guck rein, und dann will ich nichts mehr hören!“

Wolf Wondratschek ist ein ebenso größenwahnsinniger wie großartiger Dichter. Und er ist ein Mann, der fürchten muß, daß seine große Zeit lange, lange schon vorbei ist. Ein Mann, der früher von einem Gedichtband 100.000 Stück verkaufte und jetzt noch mit Mühe 5000er Auflagen erreicht. Der um Vorschüsse kämpfen muß. 25.000 Euro bekam er für den letzten Band. Davon muß er leben. Und auf den Lesungen kommen die Leute zu ihm und sagen: „Ihre Gedichte früher, die waren phantastisch.“ Und er sagt: „Scheiße!“

Und es waren ja auch unfaßbare Gedichte. Sind heute noch ein plötzlicher Leuchtschwertschlag in Herz und Bauch. „Wir haben nichts getan / Wir hatten wirklich keine Zeit was anderes zu machen / Wir haben jede Nacht die ganze Welt verlacht / Wir haben uns die Sterne auf die Jeans gestickt / Wir haben uns als Träume mit der Post verschickt / Wir haben Trips geschluckt und nachgedacht und rumgefickt / Wir haben nichts getan / Wir hatten damals keine Zeit was anderes zu machen.“ Und dann, noch Jahre später: „Ich will, / daß du vorbeigehst / und mich liebst, / ohne dich umzudrehn / nach mir. / Erinnere dich an nichts / als die Liebe. / Vergiß mich.“

Trips und Trauer

Heute schreibt er nur noch Prosa. Schön und rätselhaft, manchmal etwas umständlich, nicht so elegant wie seine Gedichte, aber immer wieder mit diesen Gedichtmomenten, mit dieser großen Wörterlässigkeit: „Die Welt war beschäftigt, sie war laut und unzufrieden, wie immer, allem Anschein nach eben doch nicht viel mehr als ein Provisorium, ein sterbendes Gestirn, egal.“ Krüger, der sie lektorierte, hat an allen Geschichten wütend rumgestrichen, „wieso?“, „man Wolf!“, „was soll das?“, solche Sachen. Bei einer Geschichte schrieb er fast nichts. Nur ganz am Anfang: „Völlig unverständlich.“ Doch Wondratschek beharrt darauf, daß sie verständlich sei, und sie geht einfach so in Druck.

Man hat ihn einen Hurendichter genant, einen Super-Macho. Alles ganz ohne Frage sehr zu Recht. Auch heute im Gespräch läßt er, so alle fünf Minuten, ein trockenes „ficken“ fallen. Da wirkt er dann plötzlich, bei aller Tennislehrerhaftigkeit, sehr alt. Von der Schauspielerin Maria Schneider redet er zum Beispiel, und daß er sie auf einem Foto sah, bei Dreharbeiten in Paris, und daß er sicher war, „die muß ich ficken“. Und er fährt hin, doch irgendwie war sie merkwürdig unnahbar, redete sich ein, sie sei gerade lesbisch. Wohl das einzige Argument, mit dem man sich einem Wondratschek damals entziehen konnte.

Die besten Orgien Münchens

Und so geht es weiter durch sein Leben. Er erzählt vom Schamanen Brummbär, der die besten Orgien Münchens zu organisieren verstand. „Oh, das ist nicht einfach. Eine gute Orgie. Stellen Sie sich vor, hier sitzen drei Frauen und wir zwei, und jetzt wollen wir eine Orgie haben, und wir kriegen das nicht hin, aber Brummbär hätte das wunderbar organisiert.“ Und von Rainer Langhans, von der Uschi, der schönsten Frau von München, von den Nächten mit Rainer Werner Fassbinder, von der Russin, die vor Peter Zadek genau in Wondratscheks Arme floh und für die er die Mexikanischen Sonette „Die Einsamkeit der Männer schrieb“.

Und dann, vor allem: Jane. Da wird sein Blick ganz weich. Es war in den achtziger Jahren. Er wollte, wie immer schon, die Stadt verlassen, da klingelte es eines Nachts an der Tür und eine wunderschöne Frau kam zu ihm. Sie sagte nichts. Sie liebten sich, sie verließ ihn wieder und wiederholte diese Besuche danach oft. Das versöhnte ihn beinahe mit der Stadt, er erzählte es Freunden und sah sie zufällig aus der Ferne eines Tages, und die Freunde sagten, das ist doch die Jane, die Freundin vom Bernd Eichinger. Und so war es auch. Die beiden flohen aus der Stadt in Richtung Tanger, doch in Ronda schon trennte sie sich von ihm. Und er schrieb, tief getroffen, den Gedichtzyklus „Carmen oder Bin ich das Arschloch der achtziger Jahre“. Alles über Jane, ihren Körper, ihre Liebe.

Zur ersten Lesung in München kamen sie: Jane und Bernd. „Ich spürte Janes rasenden Herzschlag wie meinen eigenen“, sagt Wondratschek. Und da will sich auch Bernd Eichinger nicht kleinlich zeigen. Phantastisch, sagt er und reserviert für den Abend das ganze „Romana Antiqua“, und Bernd und Jane und Wolf feiern mit allen Freunden ein gigantisches Fest auf das Gedicht, auf die Liebe und die Freundschaft. Auf Eichingers Kosten. Und am Ende sagt der Produzent zum Dichter: „Ich muß dieses Gedicht kaufen“ und häuft Geldschein auf Geldschein auf Geldschein vor ihm auf, und Wondratschek sagt: Abgemacht. Es gehört dir. Und seitdem steht bei jeder Neuauflage des Carmen-Zyklus auf der ersten Seite: „Aus dem Privatbesitz von Bernd Eichinger“.

Gold und Faulheit

Die Jane hat sich zwei Jahre später umgebracht. Bernd und Wolf haben die ganze Nacht lang zusammen gesoffen. „So wie es sich gehört.“

In seinem neuen Buch gibt es eine lange Passage über Bernd Eichinger. Böse, klar und wahr. „Er reißt nach dem Aufwachen (gegen Mittag!) die Vorhänge auf, als erwarte er Applaus“, schreibt er. Und über sie beide: „Ich überließ ihm das Gold, er mir die Faulheit.“

In München ist er heute nur, weil sein Vermieter in Wien vor seinem Fenster eine riesige herrliche Terrasse baute. Jetzt muß er die Wohnung im Sommer verlassen. Weil Brandauer und die Größen Wiens dort ihre Grillfeste feiern. Da muß Wondratschek raus. Im letzten Jahr zwei Monate. Dieses Jahr schon vier. Eigentlich wollte ihm sein Freund Christoph Daum in Istanbul eine Wohnung besorgen. Das klappte in diesem Jahr noch nicht. So verbringt er den Sommer in der Wohnung seiner Freundin. In München. Nein, er sieht fast niemanden mehr. „Achtzig Prozent meiner Freunde sind doch tot. Drogen, Herzschlag, was weiß ich.“ Und die anderen, die mit dem Gold? Bernd Eichinger dreht zwei Filme gleichzeitig, hat keine Zeit, und Patrick Süskind, mit dem er früher Hausmusik machte, „er Klavier, ich Cello“, ist, seit seine Frau einen Verlag gegründet hat, nur noch Hausmann. Oder er ist in Frankreich.

Im neuen Buch, da steht: „Mein Vergnügen war es, allein zu sein, allein, unerreichbar allein. Was für ein Wort! Ein Wort, geschmäht, verhöhnt, verurteilt. Ein Schreckenswort, ein Fluch, dem Menschen fürchterlicher als sein Tod! Ein Schattenwort, ein Mitleidswort! Weh dem, der niemand hat! Weh dem, ich weiß, der damit einverstanden ist, niemand zu haben! Der niemand will, der nichts will. Weh mir!“

Wolf Wondratschek: „Saint Tropez und andere Erzählungen“. Hanser 2005. 185 Seiten, 17,90 Euro. Ebenfalls gerade erschienen: „Im Dickicht der Fäuste. Vom Boxen“. dtv, 218 Seiten, 12,50 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.09.2005, Nr. 36 / Seite 27
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