Literatur

Zopfgeburten: Günter Grass als Medienfigur

Von Wolfgang Schneider
 - 07:59

Eine Grass-Stadt war Bremen nicht immer. Hier befand sich sogar einmal ein hartnäckiges Widerstandsnest. Siebenundvierzig Jahre ist es her, dass Günter Grass der Bremer Literaturpreis zu- und wieder abgesprochen wurde. Der Bremer Senat hatte in der „Blechtrommel“ jugendgefährdende Passagen entdeckt und von seinem Veto-Recht Gebrauch gemacht. Es war der Literaturskandal des Jahres 1960.

In den letzten Jahren aber ist die Stadt zu einem Schwerpunkt der Grass-Forschung geworden. Die Stiftung Bremen hat ein Medienarchiv eingerichtet, in dem sämtliche Fernseh- und Hörfunkdokumente der größten deutschen Autorenkarriere seit Thomas Mann verfügbar gemacht werden. Jetzt hat das Archiv eine Tagung organisiert, die auf dem Campus der Jacobs-University stattfand, wo die meisten der Dokumente derzeit eingelagert sind. Grass in den Medien - das Thema war zunächst einmal als Einladung zur Medienschelte gedacht. Zumal die Philologie eine nachtragende Wissenschaft ist. Historisch gewordene Literaturdebatten bereitet sie noch einmal auf und entscheidet sie mit Vorliebe zugunsten des Autors. Grass' Verdikte über die sekundäre Welt (etwa: Die Kritiker müssten sich selbst zerfleischen, gäbe ihnen der gütige Autor nicht immer wieder Arbeit) sorgen für zuverlässiges Gelächter unter seinen Exegeten.

Bedauernswerte Opfer

Ein Mitarbeiter des Deutschen Literaturfonds leitete seinen Vortrag über die „Kampagnen“ gegen Grass, Walser und Handke mit einem Rückblick auf Höhepunkte der deutschen Medienkritik ein. Zum Beleg, dass es um die Seriosität der Journalisten seit je nicht zum Besten bestellt sei, zitierte Gunter Nickel ausgerechnet Goethes markigen Vers über den totzuschlagenden Rezensenten. Dann stellte er die drei Meister der öffentlichkeitswirksamen Selbstinszenierung als bedauernswerte Opfer eines Journalismus dar, der zur Kompensation seines schwindenden Einflusses auf den Skandal setze.

Was immer man von Handkes donquijotesker Solidarität mit dem Serbien des Slobodan Milosevic halten mag - dass der Autor, so Nickel, „niemals serbische Verbrechen verharmlost habe“, wird der Gutwilligste nicht behaupten können. Auch die Walser-Apologie geriet ähnlich undifferenziert. Erwartungsgemäß wollte Nickel den Roman „Tod eines Kritikers“ von jedem Antisemitismusverdacht freisprechen, übersah dabei aber, dass die Beschäftigung mit antisemitischen Stereotypen ins Aufgabengebiet der Literaturwissenschaft fällt. Die Studie „Auschwitz drängt uns auf einen Fleck“ des Germanisten Matthias N. Lorenz, die in Nickels Vortrag nicht vorkam, hat das ganze Werk Walsers auf das Spiel mit dem antisemitischen Klischee hin untersucht.

Medialer Sturm, selbst mitentfacht

Was Grass betrifft, so ist dem Referenten immerhin nicht entgangen, dass der Autor durch die Selbstinszenierung seines autorisierten SS-„Geständnisses“ („Das musste endlich raus“) den medialen Sturm, der seinen Namen ein weiteres Mal um die ganze Welt geblasen hat, mitentfacht hat. Trotzdem verstieg sich Nickel zur Bemerkung, angesichts der genannten „Kampagnen“ sei der grundgesetzliche Schutz der Meinungsfreiheit neu zu überdenken.

Offenbar hat die Debatte über Grass' jugendliche Mitgliedschaft in der Waffen-SS seiner „Zwiebel“-Autobiographie zumindest kurzfristig Leser weggenommen. Der Steidl-Verlag sei auf der zweiten Auflage bisher sitzengeblieben, berichtete der Lektor Dieter Stolz. Gut möglich, dass der Überdruss, in den das Interesse nach Wochen der Daueraufmerksamkeit naturgemäß umschlägt, dafür verantwortlich ist. Gerade die Bremer Tagung zeigte jedoch in vielen erhellenden Beiträgen über Grass' internationale Wirkung, dass ihm die Debatte im globalen Kontext keineswegs überall geschadet hat. Sie hat seinen weltweiten Bekanntheitsgrad bewiesen und womöglich noch gesteigert.

Moralische Instanz in China

Das gilt etwa für China. Dort hat man Grass erst jüngst als moralische Instanz entdeckt, wie die Sinologin Irmgard Schweiger ausführte. Zuvor wurde er eher formalästhetisch rezipiert, im Kontext der verspätet angekommenen westlichen Moderne, die in China seit den achtziger Jahren eine neue Autonomie der Literatur legitimieren half - gegen den sowjetrussischen Realismusbegriff. 1990 erschien in China die erste Auflage der „Blechtrommel“. Sie wurde als Pendant zu „Hundert Jahre Einsamkeit“ gelesen und war sofort vergriffen. Die Erregungswogen der SS-Debatte schwappten dann auch durch die chinesische Intellektuellenszene. Dabei wurde entschieden für Grass Partei ergriffen. Man ist begeistert von dem Mann, der „die Wahrheit sagt“; eine neue Offenheit in der Aufarbeitung gesellschaftlicher oder privater Dunkelzonen verbindet sich in China nun emblematisch mit seinem Namen.

So wurde das spektakuläre Geständnis des Popstars und Massenidols Liu Dehua - „Auch ich habe Hepatitis“ - sogleich mit dem grassschen Bekenntnismut in Verbindung gebracht. Der Autor wird zum Paradebeispiel des „konfuzianischen Literatenbeamten“, der die Obrigkeit ermahnt und das Volk erzieht. Mag der pädagogische Blechtrommler mit seiner Selbstinszenierung als Gewissen der Nation hierzulande auch als Anachronismus empfunden werden, in anderen Regionen der Welt - vor allem in solchen Länder, die selbst erst mit der Aufarbeitung ihrer martialischen Historie beginnen - billigt man ihm nach wie vor Vorbildcharakter zu.

„Urheber der mutigsten Ideen“

Die allergrößte Nachsicht gegenüber seiner SS-Mitgliedschaft herrscht verständlicherweise in den arabischen Ländern, wie der Vortrag von Maggy Rashid zeigte. Hier ist man entzückt über die Kritik an Israel und den Vereinigten Staaten, die Grass auch und gerade nach dem 11. September äußerte. Jedes Statement gegen den Irakkrieg und die „heuchlerische“ Bush-Politik wird auf islamischen Websites gefeiert. Seit seiner Parteinahme im Karikaturen-Streit gegen die Meinungsfreiheit gilt Grass als „eine der bedeutendsten europäischen Persönlichkeiten auf Seiten der Muslime“; sein Vorschlag, eine Lübecker Kirche in eine Moschee umzuwidmen, hat ihm den Ruf als „Urheber der mutigsten Ideen“ eingebracht.

Es wäre indes wenig sinnvoll, von Grass zu verlangen, er möge doch bitte mitbedenken, welchen missbräuchlichen und oft krass antisemitischen Widerhall seine Äußerungen in der arabischen Welt finden. Auf seinen Reisen dorthin hat er im Übrigen Mut zum Widerspruch bewiesen und sich von Staatsoberhäuptern, die ihm schon am Flughafen einen Orden an die Brust heften wollten, durchaus nicht den Mund verbieten lassen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion betonte Jutta Limbach noch einmal, wie befreiend Grass' „moralinfreie“ Darstellung von Pubertät und Sexualität um 1960 auf die junge Generation gewirkt habe. Das Fazit dieser Runde, auch das SS-Geständnis habe den Autor seinem Publikum nicht entfremdet, war zumindest für diese Tagung richtig, wie sich zeigte, als Grass im zerknitterten Cordanzug die Bühne betrat und Gedichte vortrug.

Quelle: F.A.Z., 02.10.2007, Nr. 229 / Seite 41
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