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Litcologne

Die Erinnerung des Künstlers ist die Tür zum Allgemeinen

Von Oliver Jungen
© dpa, F.A.Z.

Sagen wir es mit der Relativitätstheorie: Wenn man sieht, was in dieser Stadt sonst als Kultur gilt und heiß diskutiert wird, zuletzt etwa die Ausladung des Büttenredners „Ne kölsche Schutzmann“ von der IGMetall-Prunksitzung, dann ist das, was das wahre Kölner Dreigestirn – Bauer Edmund (Labonté), Prinz Rainer (Osnowski) und Jungfrau Werner (Köhler) – mit der Litcologne alljährlich auf die Beine stellt, relativ großartig. Die siebzehnte Ausgabe des größten europäischen Literaturfestivals war eine politisch besonders engagierte. Man solidarisierte sich mit verfolgten türkischen Intellektuellen, warb für ein offenes Europa und verdammte den Schimmelpilz des Populismus.

Dass kleinere Lesungsveranstalter aus der Region, die Exklusivitätsdeals mit den Verlagen und weggeschnappte Fördergelder beklagen, dem Festival gern schunkelnden Kommerz vorwerfen, zumal fortan noch eine Herbstausgabe im Ruhrgebiet hinzukommt, ist nachvollziehbar, aber kein echtes Argument gegen die Litcologne, die überragenden Zuspruch vorweisen kann. Mit 110.000 Zuhörern wurde erneut ein Besucherrekord aufgestellt. Freilich ist das Kölner Publikum ein sehr dankbares. Es lässt sich nicht einmal von der Absage der Hauptperson einer Lesung irritieren. Ohne den amerikanischen Autor Bill Clegg hatte man eben mehr von Katja Riemann, die seine Texte las, und eine Fahrt auf dem Literaturschiff gab es ja obendrein.

Sich im anderen wiedererkennen

Viele Wege führen durch anderthalb Wochen Literaturkarneval. Beginnen ließ sich etwa mit Hisham Matar, der – erstmals überhaupt in Deutschland – über sein ambivalentes Verhältnis zu Libyen berichtete. Sein Vater, ein bedeutender Dissident, hatte das Land 1979 mit seiner Familie verlassen müssen, wurde aber von den Schergen Gaddafis entführt und vermutlich ermordet. Matar betonte, wie schwer es sei, mit dieser Ungewissheit zu leben, aber er ließ keinen Zweifel daran, dass sein Buch, das eine Libyen-Reise im Jahre 2012 zum Erzählanlass nimmt, nicht als „Exorzismus für innere Dämonen“ diene. In essentialistischer Weise interessiere ihn die eigene Familie gar nicht. Es gehe ihm als Künstler vielmehr um die alles synthetisierende Ebene des Bewusstseins: Die Erinnerung als Tür zum Allgemeinen. Er möchte es dem Leser ermöglichen, sich im Anderen wiederzuerkennen. Das ist Literatur auf der Höhe der Philosophie.

Literatur auf der Höhe der Philosophie: der libysche Autor Hisham Matar.
© dpa, F.A.Z.

Der nächste Abend bot einen Wettkampf eigener Art. Im frisch renovierten Gründerzeitsaal der Kölner Flora legte die Frauenliteratur vor. Eine enthusiastische Thea Dorn und eine grandios lesende Maria Schrader erweckten die harten, aber auch zärtlichen, perfekt durchkomponierten Short Storys der aus eigener Kaputtheit große Kunst machenden, im Jahre 2004 gestorbenen Amerikanerin Lucia Berlin zum Leben, was das neunhundertköpfige, hochgradig weibliche Publikum derart elektrisierte, dass die Veranstalter sich hernach entschuldigen mussten, nur hundertfünfzig flugs ausverkaufte Bücher vorrätig gehabt zu haben.

Seit vier Jahren Wurmfutter

Auf dem Literaturschiff schloss sich ein dezidierter Männerabend mit dem vom Glück geküssten Wilko Johnson an, dem einstigen Kopf der wegweisenden Blues-Punk-Band Dr. Feelgood, der ein fluffiges Buch darüber geschrieben hat, wie es ist, den eigenen Tod zu überleben. Ärzte hatten Johnson Anfang 2013 eröffnet, er habe nur noch wenige Monate zu leben. Augenblicklich sei er ruhig geworden, erzählte der Autor. Eines der intensivsten, besten Jahre seines Lebens brach an, allein – er starb nicht. Der Krebs erwies sich plötzlich doch als operabel. „Sterben zu müssen hatte ich komplett verstanden. Aber jetzt hier zu sitzen, wo ich doch seit vier Jahren Wurmfutter sein müsste, das kann ich nicht kapieren.“ So grandios der Auftritt Johnsons war, der sogar seine Maschinengewehr-Gitarre vorführte, so klar haben die Frauen den Abend in literarischer Hinsicht gewonnen.

Eine erstaunliche Parallele tat sich dafür zu dem in Katalonien als patriotischer Sänger berühmten Autor Lluís Llach auf, dem vor Jahrzehnten eine ähnliche Diagnose gestellt worden war. Llach zog sich aufs Land zurück, und auch er überlebte den Krebs. Wo er schon einmal im Priorat war, betätigte er sich, obwohl Abstinenzler, als Weinbauer, und das äußerst erfolgreich. All dies führte letztlich zu dem reif und sinnlich erzählten Roman „Die Frauen von La Principal“, der drei Generationen von Weingutbesitzerinnen porträtiert und als angewandter Feminismus Kölner Spielart durchgeht: „Ich bin homosexuell: Mir gefallen die Männer. Aber mir gefällt nicht, wie wir Männer sind.“

Eins zu Null für die Frauen: Maria Schrader und Thea Dorn lasen Texte von Lucia Berlin.
© EPA, F.A.Z.

Seine Litcologne-Premiere feierte Paul Auster, der trotz schwerer Erkältung das Roman-Gebirgsmassiv „4 3 2 1“ bewarb. Doch es wurde eine zähe Veranstaltung mit öden Fragen und vorgestanzten Antworten. Ja, vier Versionen desselben Individuums schienen genau die richtige Anzahl zu sein, nein, er liebe alle von ihnen gleichermaßen, ja, der ursprüngliche Titel „Ferguson“ (nach der Hauptfigur) war nach den Ereignissen von Ferguson nicht mehr tragbar, nein, er gebe nicht Schicksale vor, sondern folge den Charakteren. Die Lesepassagen entschädigten die Besucher.

Fremdscham beim Fiasko

Anders verhielt es sich, als der große Ian McEwan seine makaber-komische Hamlet-Adaption aus dem Blickwinkel eines Fötus vorstellte, die ihm – das klang bei Paul Auster fast identisch – vom ersten Satz an locker aus der Feder geflossen sei. Besonders stolz war er auf so wohl noch nie zu lesende Sexszenen. Dann aber geschah das Unerwartete: Der junge Schauspieler, der den deutschen Text las, stolperte über jedes Fremdwort und zerriss die Sätze durch abstruse Pausen: ein Fiasko, das den Autor zunehmend grimmiger werden ließ und das Publikum, das bis zu 38 Euro Eintritt gezahlt hatte, zu Fremdscham zwang.

In der Regel aber sind die Vorlesenden bei der Litcologne vorzüglich. Für einen Höhepunkt sorgte der als „Tatort“-Kommissar Faber bekannte Jörg Hartmann, der schnaufend, stöhnend und lispelnd die Foucault-in-der-Schwulensauna-Szene aus Laurent Binets „Die siebte Sprachfunktion“ – eine Art „Der Name der Rose“ im Dornengestrüpp des Strukturalismus – vergegenwärtigte.

Würdig verlief der von Michael Lentz zwar leicht eitel, aber ohne alle Gefühlsduselei moderierte Erinnerungsabend für Roger Willemsen, bei dem Stimmgewaltige wie Christian Brückner oder Iris Berben luzide, humorvolle und eingreifende Texte des mit der Litcologne eng verbundenen, vor einem Jahr gestorbenen Intellektuellen zu Gehör brachten: „Die letzte Epoche der Utopie hat begonnen. Und wie alle Ressourcen wird auch die Zukunft knapp.“ Gefallen hätte Willemsen wohl die große Anzahl altehrwürdiger Denker in diesem Jahr: Wenn der Zeitgeist überschnappt, wird es Zeit für den Geist. Der Sozialphilosoph Oskar Negt, der seine Kindheitserinnerungen aufgearbeitet hat, warnte mit erschütternder Emphase: „Was diese Verrückten an den Staatsspitzen veranstalten, ist ein Kriegsspiel.“

Ein Heimspiel hatte der sich immer mehr zum Ironiker wandelnde Kölner Karl Heinz Bohrer, der entgegen dem eigenen Ruf deutlich weniger provokativ auftrat als Stargast Alfred Grosser, den man als Inkarnation Europas empfing: ein jüdischer Deutscher, der nach der Emigration „völlig Franzose geworden“ sei. Sich vor Angela Merkel verneigend, sprach Grosser der CSU das Recht auf das „C“ ab, wiederholte mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg aber auch seine Kritik an der zu pauschalen Kollektivschuldthese: „Die Deutschen“ habe es so nicht gegeben. Auf Donald Trump angesprochen, den er für einen Fall für die Psychiatrie hält, insinuierte Grosser gar Infames: „Kennedy wurde ungerecht ermordet.“

Die spannendsten Veranstaltungen waren die kleinen am Rande. So stieg A.L. Kennedy „in die Bütt“, doch ihr Stand-up-Comedy-Programm über Brexit und Autorendasein weitete sich – da können die kölschen Humorschutzmänner noch etwas lernen – ins Poetische. Zudem haben vier Autoren eigens Texte zum Werk des von den Nationalsozialisten verfemten Künstlers Otto Freundlich verfasst. Hervor stach derjenige von Peter Licht über den Eigensinn, diese panzerbrechende Waffe der Künstler gegen den Relativismus: „ein Köter, der jedem an die Wade springt“, ja, sich selbst ins Bein beißt. Da hatte man endlich ein tragfähiges Motto: „Es leben die Törichten!“

Quelle: F.A.Z.
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