Sein Leben

Marcel Reich-Ranicki hat seine Erinnerungen geschrieben

Von Frank Schirrmacher
 - 13:02

Als vor einiger Zeit bekannt wurde, daß Marcel Reich-Ranicki munter an seiner Autobiographie schreibe, da wurden Befürchtungen laut im literarischen Betrieb und anderswo. Leute hoben den Finger oder zeigten mit dem Finger auf andere Leute. Es ging um die Frage, wer wie warum und auf welche Weise in Reich-Ranickis Erinnerungen vorkommen werde. Jetzt ist das Buch fertig, sein Titel lautet „Mein Leben“, und am Montag beginnen wir mit dem Vorabdruck des ersten Teils. Die Fahnen, weit über fünfhundert Seiten, liegen auf dem Schreibtisch. Also?

Um die wichtigste Frage gleich zu Beginn aufzugreifen, die Antwort lautet: Ja. Ja, das Buch hat ein Personenregister. Doch diese zehn Seiten werden manchem eine bittere Enttäuschung bereiten. In Reich-Ranickis Register steckt eine eigene kleine Poetik, eine besondere Kunst des Weglassens und Hinzufügens, und entstanden ist daraus ein kunstvolles Labyrinth voller durchaus richtiger, aber immer wieder auch düpierender Verweise. Um es anders auszudrücken: Kein Verleger, kein Autor kann sicher sein, daß Reich-Ranicki sich seiner nicht erinnerte, nur weil das Register ihn nicht nennt. Und es ist für den Seelenfrieden eines manchen nicht unwichtig zu wissen, ob er sich erinnert oder nicht.

Denn der Mann, der hier von sich sagt, das ihm das Telefon das Caféhaus ersetzt habe, er hat seine Erinnerungen so geschrieben, wie er redet: voller Lust an der Übertreibung und Pointe, dabei sehr effektvoll, unbesorgt um Indiskretionen, kundig in Klatsch, Tratsch und anderen Skandalen und bei alldem nur die Langeweile fürchtend und sonst nichts auf der Welt. Das sind gute Nachrichten für Leser und nicht ganz so gute für diejenigen, mit denen er zu telefonieren pflegte. Genauer gesagt: für das Personal jenes zweiten Teils, den wir in dieser Zeitung nicht vorabdrucken werden. Da geht es um Böll, Grass, Frisch, um Elias Canetti, Thomas Bernhard oder Martin Walser, um einen übernächtigten Adorno, es geht um Verleger, Redaktionen und Redakteure der letzten vier Jahrzehnte, in einem Wort: um das literarische Leben der Republik.

Dem Fünfjährigen, so erzählt er, hat die Mutter den Satz „Ich bin artig“ auf die Kindergarderobe sticken lassen. „Rasch wurde ich zum Gespött der Kinder - und reagierte darauf mit Wut und Trotz: Brüllend und prügelnd wollte ich jenen, die sich über mich lustig machten, beweisen, daß ich besonders unartig war. Das trug mir den Spitznamen ,Bolschewik’ ein.“ Er prügelt längst nicht mehr. Aber er legt immer noch Wert darauf, unartig zu sein. Unartig, gegen die Konventionen einer gezähmten Erinnerungsliteratur verstoßend, sind viele seiner Sätze. Und es sind nicht jene, die von alten Feinden (die werden allesamt ignoriert), sondern die, die von alten Freunden handeln. Jeder, der mit Reich-Ranicki zu tun hat, weiß, daß, wo es bei ihm um die Freundschaften seines Lebens geht, es sich immer auch um die Krisen, die Irrtümer, ja die Katastrophen solcher Freundschaften handelt. In seinen Erinnerungen wird davon erzählt. Die Wunde seiner Beziehung zu Walter Jens etwa - den er seinen besten Freund nennt - schwelt in fast jedem Kapitel der zweiten Lebenshälfte. Das gilt auch für andere Zerwürfnisse. Jeder Leser merkt, daß es hier um Reich-Ranickis Lebensthema geht: um Liebe und um Liebesverrat.

Dies ist eine Ankündigung, keine Rezension. Es sind in diesen Erinnerungen Passagen, ja ganze Kapitel, die den Leser sehr tief ergreifen und ihn irre werden lassen an der Zeitgenossenschaft, die er mit dem Verfasser dieser Erinnerungen unterhält. Schon aus anderen Berichten - etwa Reich-Ranickis vor Jahren in dieser Zeitung erschienenem Essay „Meine Schulzeit im Dritten Reich“ - konnte man erfahren, wie er, ein Deutscher und Jude, den Nationalsozialismus, die Deportation, das Getto überstand. Wie er seine Frau Tosia im Getto kennenlernte und beide, gegen alle Wahrscheinlichkeit, die Katastrophe überlebten. Auch jene, denen Reich-Ranicki hin und wieder mündlich von seinen Erlebnissen berichtete, werden in diesen Erinnerungen erkennen, wie wenig sie wußten. Und wie er es ihnen nun erzählt. Vielleicht ist dies das Bewegendste und das Verstörendste an diesem Buch: die furchtbare Ruhe, mit der sein Verfasser über die furchtbaren Ereignisse berichtet.

Man wußte, nicht zuletzt dank der Auskünfte von Reich-Ranicki selbst, welche Rolle die Musik im Getto spielte. Aber wußte man von dem hochbegabten jüdischen Pianisten Richard Spira, dessen Lehrer, da kein Jude, natürlich außerhalb des Gettos lebte? „Aber noch gab es im Getto Telefone, wenn auch wenige. Das war die Lösung: Spira spielte seinem Lehrer das ganze Konzert am Telefon vor und erhielt von ihm in stundenlangen Gesprächen genaue Unterweisungen. Der Triumph des Schülers war zugleich, der Gettomauer zum Trotz, der seines Lehrers.“ Weiß man, daß es im Getto eine zweimal wöchentlich erscheinende Zeitung gab, in der auch Konzertrezensionen veröffentlicht wurden? Und daß ein bedeutender Musikkritiker dieser Zeitung ein Mann namens Wiktor Hart war? Und daß dieser Hart niemand anders als Marcel Reich-Ranicki war?

Reich-Ranickis Biographie ist ein deutsch-jüdischer Bildungsroman von der fürchterlichen, am Ende aber von der triumphalen Sorte. Es ist jedoch ein schwer erkaufter Triumph. Wann immer eine Person, ein Freund, eine Freundin, ein Helfer im Umkreis des heranwachsenden Marcel auftaucht, muß man damit rechnen, daß einem der Verfasser auf seine ruhige Art mitteilt, daß auch diese Menschen ermordet worden sind. Die Vernichtung, die in dieses Leben eingebrochen ist, ist ungeheuer groß. Und weil Geschichte immer wieder ins Unanschauliche strebt, ist es wichtig, das Jahrhundertverbrechen anschaulich zu halten. Daß überhaupt noch einer da ist, davon zu erzählen, das, so scheint es, verwundert auch Reich-Ranicki immer wieder.

Mit welcher Begeisterung reist das halbe Kind damals von Polen nach Berlin? Wie gerät er in das letzte kulturelle Abendleuchten der Weimarer Republik? Wie erlebt er, immer noch in Berlin, die ersten Jahre der Naziära? Und wie sehen wir ihn - fast genau in der Jahrhundertmitte - im Auge des Orkans, im Getto, in der Mila-Straße, in der der verzweifelte Aufstand geplant wird? „Wer, zum Tode verurteilt, den Zug zur Gaskammer aus nächster Nähe gesehen hat, der bleibt ein Gezeichneter - sein Leben lang.“ Der Satz steht an zentraler Stelle dieser Erinnerungen - eine Stelle, die nicht aufhören wird, einen zu verfolgen.

Fast immer, und darin liegt die Größe seiner Darstellung, berühren sich die Ereignisse und Gestalten in Reich-Ranickis Erinnerungen mit der Geschichte selbst. Dieses Leben, dessen Götter Brecht, Thomas Mann und Richard Wagner heißen, ist so repräsentativ, wie es in dieser Epoche überhaupt nur denkbar ist. Schon der Jugendliche, wohlgemerkt ein Jude im nationalsozialistischen Deutschland, wollte eines Tages des Landes erster Kritiker sein. Er ist es geworden, und er beschreibt diesen Weg von den Anfängen bis zum Jahre 1999. Ihm mußte es widerfahren, daß er jener Übersetzer war, dem die SS am 22. Juli 1942 das Todesurteil über die Juden von Warschau diktierte - den Umsiedlungsbefehl, der nach Auschwitz und Treblinka führte. Reich-Ranicki beschreibt genau, wie er als Dolmetscher des Judenrats das Diktat des SS-Offiziers Höfele entgegennahm und es dann für das Plakat ins Polnische übersetzte. Man muß das vor sich sehen: Wie Reich-Ranicki, dessen Leben aus Texten besteht, diesen finalen Text aufschreibt und übersetzt. Und man muß lesen, was in dem Buch dann folgt: wie Reich-Ranicki das Todesurteil seiner Freundin Gustawa Jarecka diktiert und welchen Entschluß er am Ende faßt: den Entschluß, Tosia zu heiraten, um ihr das Leben zu retten.

Man soll nicht denken - aber wer denkt das bei diesem Autor schon -, dies sei ein depressives Buch. Nein, da ist viel Witz und Temperament, eine Menge Ungerechtigkeiten und Streitlust. Reich-Ranicki hat Lebenserinnerungen geschrieben, die zugleich eine Geschichte der deutschen Literatur in diesem Jahrhundert sind und ein Kapitel Weltgeschichte. Aber am Ende ist aus alldem ein Monument für Tosia geworden, seine Frau. Vor einiger Zeit hat Teofila Reich-Ranicki einen Auswahlband mit Gedichten Erich Kästners herausgegeben. Warum unter allen Dichtern der Literaturgeschichte nur Kästner für diese ungewöhnliche Frau in Frage kam und welche verzweiflungsvolle Geschichte sich mit den harmlosen Gedichten dieses Autors verbindet, auch dies erfährt, wer Reich-Ranickis Erinnerungen liest.

Wie oft hat dieser zuweilen etwas liebeskranke Kritiker nach der großen Emotion in der Literatur gesucht, nach der Liebe also, seiner Himmelsmacht. Und nun? Was immer Mit- und Nachwelt in diese Erinnerungen hineinlesen werden: Reich-Ranicki hat eine der schönsten Liebesgeschichten des Jahrhunderts geschrieben.

Quelle: F.A.Z.
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