Zum Ende des „Literarischen Quartetts“

So, das wär’s

Von Hubert Spiegel
 - 15:19

Mit drei Worten beendete Marcel Reich-Ranicki seine letzten Ausführungen: „So, das wär’s.“ Welche Erleichterung in diesen drei kleinen Silben lag! Als sei nun - nach fast vierzehn Jahren, siebenundsiebzig Sendungen und vierhundert besprochenen Büchern - in letzter Sekunde sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gegangen: endlich einmal über ein gutes Buch sprechen zu können, einmal, ein einziges Mal nur unvergängliche Weltliteratur statt grell getünchter Eintagsfliegen, endlich einmal ausreden zu dürfen, ohne die nagende Angst, von den eigenen, vom Vorwitz verführten Gehülfen im schönsten, im wichtigsten Moment auf die rüdeste, unverschämteste Weise.

Im Stoßseufzer des „So, das wär’s“ gab sich Reich-Ranicki als der zu erkennen, der er immer gewesen war: ein Leidender, eine Märtyrergestalt, die Ungemach und Schmerz auf sich nimmt, um die Welt zu erlösen, sie reinzuwaschen von der Erbsünde der schlechten, der langweiligen, der überflüssigen Literatur. Wie Caribaldi, der einst von Minetti verkörperte Zirkusdirektor in Thomas Bernhards Theaterstück „Die Macht der Gewohnheit“, litt Reich-Ranicki unter der Unmöglichkeit der perfekten Aufführung und unter den Mängeln seines Ensembles. Er behandelte es mit der Nachsicht, Güte und unbarmherzigen Strenge des Prinzipals. Stets bemühte er sich, seine Schützlinge zu Höchstleistungen anzuspornen, und er tat dies in hellstem Bewußtsein der Vergeblichkeit seines Tuns, wußte er doch, wie es um sein Trüppchen bestellt war: Antikritiker allesamt, talentfrei, kunstfremd. Aber bessere gab es nicht.

Er liebte sie alle, wie ein Vater noch das geringste seiner Kinder liebt und es darum nicht minder sorgsam züchtigt. Er wußte im voraus, welche Dummheiten sie wieder von sich geben würden, und spielte doch, ihnen zuliebe, den Überraschten, Empörten. Er wußte im voraus, daß sie das Wesentliche des Buches nicht verstanden hatten, auch nie verstehen würden, und wurde doch nicht müde, es ihnen zu erklären. Wir dürfen Marcel Reich-Ranicki, den Sisyphos des „Literarischen Quartetts“, als glücklichen Kritiker in Erinnerung behalten.

So war es auch dieses Mal, beim letzten Mal, als alles anders war und doch wie immer. Am Eingang zum Schloß Bellevue standen Polizisten und ließen sich Einladungen und Ausweise der geladenen Gäste zeigen. Man eilte über die imposante Treppe in den ersten Stock, um einen möglichst guten Platz zu erwischen; denn Reservierungen gab es nur für eine Handvoll Ehrengäste. Der Hausherr, Bundespräsident Johannes Rau, würdigte die Sendung rückblickend als Teil jener Alphabetisierungskampagne, die dem Land seit den Enthüllungen der „Pisa-Studie“ als bitter nötig erscheint. Aber schon beim ersten Buch, bei Durs Grünbeins luziden Aufzeichnungen „Das erste Jahr“, regten sich bei Iris Radisch und Hellmuth Karasek jene reflexhaften Widerstände gegen das klassische Bildungsgut, die an der derzeitigen Misere nicht ganz unschuldig sind.

Den Rückgriff auf die Antike, für den Dichter eine existentielle Wegzehrung, hätten die beiden Gehülfen gern als Ballast im Straßengraben zurückgelassen. Jürgen Busche, Gründungsmitglied und ein Gast, den man gern öfter gesehen hätte, und der Prinzipal protestierten so heftig, daß Karasek befürchtete, nun, vor der letzten Kurve, könnten sich seine und Reich-Ranickis Wege doch noch trennen. Die Sorge war wohl allein auf Karaseks Seite, aber das Bild war gut gewählt; erinnerte es doch subtil an jenen Grund für den Erfolg des „Literarischen Quartetts“, der die Literatursendung mit den Rennspektakeln der Formel eins verbindet. In beiden Fällen will der Zuschauer nicht sehen, wer als erster durchs Ziel geht, sondern wer am schönsten aus der Kurve fliegt. Diesmal traf es Iris Radisch, die sich später zur These verstieg, daß Liebesgeschichten nur ältere Leser jenseits der Pensionsgrenze interessierten. Nach diesem Boxenstopp fand sie nicht mehr ins Rennen zurück.

Aber die Gespräche über die Bücher von Grünbein, Ralf Rothmann, Margit Schreiner und Christoph Peters waren ohnehin nur Geplänkel und Vorspiel, Fingerübungen vor dem Finale. Das letzte im „Literarischen Quartett“ besprochene Buch war ein Debüt, „Die Leiden des jungen Werther“, verfaßt vom vierundzwanzigjährigen Goethe. Unmöglich, jenes Finale in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit wiederzugeben. Nur soviel: Wenn junge Liebende dereinst im Fernsehen die Nachfolgesendungen betrachten werden, wie Lotte und Werther das abendliche Gewitter betrachteten, werden sie sich an das „Literarische Quartett“ und sein Finale erinnern. Und wie Lotte und Werther den Namen Klopstocks flüsterten, werden die Empfindsamen unter ihnen sich seinen Namen zuraunen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert (igl)
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
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