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Mario Vargas Llosa

Männerphantasien in der Luxusblase

Von Sandra Kegel
 - 22:39
Vor der Lesung: Maria Vargas Llosa. Bild: dpa, F.A.Z.

Es ist legitim, dass Schriftsteller eigene Erlebnisse und Erfahrungen zur Grundlage ihrer Literatur machen, manchmal scheint es sogar zwingend. Manchmal geht es aber auch grandios schief, so wie im neuen Roman von Mario Vargas Llosa. In „Die Enthüllung“ arbeitet sich der achtzigjährige Nobelpreisträger des Jahres 2010 gleich an zwei autobiographischen Blessuren ab: Die eine stammt von der Boulevardpresse, die dem Schriftsteller übel mitspielte, als er sich nach fast einem halben Jahrhundert unlängst von seiner Ehefrau trennte, um ein ehemaliges Model zu heiraten. Das andere Trauma ist nicht privater, sondern politischer Natur und führt zurück in die jüngere Vergangenheit seines Heimatlandes Peru.

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Im Jahr 1990 hatte sich Mario Vargas Llosa, der inzwischen in Spanien lebt, um das Amt des peruanischen Staatspräsidenten beworben, die Wahl mündete in eine Stichwahl zwischen ihm und seinem Widersacher Alberto Fujimori. Dabei unterlag der Schriftsteller nicht nur, sondern musste auch in der Folgezeit mit ansehen, wie der zur Macht gelangte Konkurrent Peru Stück für Stück in eine korrupte Scheindemokratie verwandelte und dabei vor Massakern und dem Einsatz von Todesschwadronen nicht zurückschreckte. Im Jahr 2009 wurde Fujimori für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu fünfundzwanzig Jahren Gefängnis verurteilt und sitzt seither in Haft.

Yoga-Übungen gegen Terror und Angst

Mario Vargas Llosa hätte mithin reichlich Stoff gehabt für einen großen Roman, ein peruanisches Sittenstück, enthüllend im Sinne der Romantitels. Stattdessen bringt er in einer plotgetriebenen, von Dialogen durchsetzten Erzählung die beiden Sphären uninspiriert zusammen: den Boulevard, der noch jeden unbescholtenen Bürger zur Strecke bringen kann, und Fujimoris Schreckensregiment, das ein Land in Angststarre versetzt. Die Macht des Staates, so die These, baut auf die Macht öffentlicher Vernichtung: Wer dem Regime nicht passt, wird mit Hilfe gekaufter Schreiberlinge durch üble Nachrede, Denunziation und Falschaussagen bloßgestellt, Existenzen vernichtet.

Seine Geschichte siedelt Vargas Llosa in den neunziger Jahren in der Hauptstadt Lima an. Die Oberschicht befindet sich längst in der inneren Emigration, dem Terror und der Furcht entgeht man in diesen Kreisen mit Yoga-Übungen und Wochenendausflügen nach Miami. Gelangen Bekannte von Bekannten doch einmal in die Hände von Terroristen oder die Mühlen der Politik, wird allenfalls darüber spekuliert, welchen Therapeuten die Hinterbliebenen am besten aufsuchen sollten.

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Buffoszenen einer peruanischen Dekadenz

Zwei Paare sind das zynische Abbild dieser von Ignoranz und Arroganz geprägten Schicht. Auch sie haben sich allenfalls zuschulden kommen lassen, in ihrer Luxusblase vor sich hin zu leben, als sie durch Zufall in die Menagerie der öffentlichen Diffamierung geraten. Enrique, ein erfolgreicher und eigentlich glücklich verheirateter Unternehmer, wird mit Fotos erpresst, die ihn in ungünstiger Pose mit Prostituierten zeigen. Als er sich weigert, auf die Forderungen des Klatschreporters Garro einzugehen, veröffentlicht der umgehend sein Material. Enrique, von der öffentlichen Schmach gebeutelt, sucht Rat bei seinem Freund, dem Anwalt Luciano.

Während die beiden Männer alles daransetzen, um die Folgen der Pressekampagne wieder in den Griff zu bekommen, treibt ihre beiden Ehefrauen, die eine blond, die andere brünett, die Sorge um eine ganz andere Enthüllung um: Denn sie haben unlängst Gefallen aneinander gefunden und sich in eine liaison dangereuse begeben, die sie in ihren Kreisen lieber geheim gehalten sehen wollen. Diese Buffoszenen einer peruanischen Dekadenz kontrastiert Mario Vargas Llosa mit der Düsternis der politischen Hintergründe, auf deren Folie der Roman in einer zweiten Ebene operiert. Vollstrecker der Macht ist nicht etwa der Mann an der Spitze, sondern sein Geheimdienstchef, der, ebenfalls einem realen Vorbild nachempfunden, von allen nur „Doktor“ genannt wird.

Ohnmacht des Schreckens

Der Zynismus einer rücksichtslosen Schicht wie einer gewissenlosen Presse, um den es Vargas Llosa in seinem Roman neben der Bloßstellung einer korrupten Autokratie zu tun ist, gerät dabei dem Roman selbst zum Verhängnis – weil seinen Protagonisten auf diese Weise jede Vielschichtigkeit und Ambivalenz verwehrt bleibt. Womöglich hat Vargas Llosa die Figuren für seine Demonstrationszwecke sogar bewusst stereotyp angelegt. Sie wurden dazu erdacht, bestimmte Positionen einzunehmen, bestimmte Haltungen zu transportieren. Von der Last dieser Konstruktion aber, die einhergeht mit schlichter Psychologie, erholt sich der Roman nicht mehr. Sätze, die hier fallen, klingen dann so: „Der Artikel ist fertig, Chef, die Einäugige ist im Arsch.“ Vor allem sprachlich enttäuscht das Buch. Es enthält Phrasen und Redundanzen, der Doktor wird gleich mehrfach als „berüchtigt“ bezeichnet, als fehlten dem Autor die Worte. Stets klärt die direkte Rede, was es zu klären gibt: „Dieser Mensch bekommt den Hals nicht voll, er ist unfassbar geldgierig. Es gibt Anzeichen dafür, dass er zahlreiche kleinere Unternehmer erpressen lässt.“ So weit, so klar.

Nicht die Ohnmacht des Schreckens wird da in Gestalt des Doktors greifbar, sondern eher eine Karikatur des Bösen. Aber auch die Journalisten in seinen Diensten werden zur Parodie, wenn der eine als hässliches Männlein mit Pomade im Haar und hochhackigen Schuhen erscheint, statt ihn beispielsweise mit jener gefährlichen Intelligenz auszustatten, die zu den Abscheulichkeiten seines Gewerbes gut passen würde. Seine Kollegin wiederum ist die verwachsene Zwergin aus den Slums von Lima, deren Hass auf die Privilegierten grenzenlos ist. Das Grauen packt einen beim Lesen viel eher an anderen Stellen, etwa während des Liebesaktes der beiden Ehefrauen gleich zu Beginn des Romans – was da über Frauenkörper und Flüssigkeiten ohne jede Sinnlichkeit zur Sprache kommt, lässt sich nicht anders denn als gruselige Männerphantasie lesen. Enthüllend ist in diesem Werk, wie deutlich auch ein Autor, der einen Roman von höchstem Rang wie „Lob der Stiefmutter“ geschrieben hat, so unter seinen Möglichkeiten bleiben kann.

Quelle: F.A.Z.
Sandra Kegel
Redakteurin im Feuilleton.
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