Maxim Biller

Ein Autor wird vernichtet

Von Daniel Kehlmann
 - 15:05

Drei Jahre nach dem Verbot seines Romans „Esra“ wird nun also der Schriftsteller Maxim Biller von den zwei Frauen, die sich im Buch porträtiert fanden, der erlittenen Unbill wegen auf eine existenzbedrohlich hohe Summe verklagt. Fachleute erklären, daß eine Verurteilung durchaus möglich wäre.

Das Traurigste an diesem Fall ist, daß alles, was man darüber sagen kann, schon während des Aussprechens zur Binsenweisheit wird: Daß alle Dichter, wie reich ihre Erfindungsgabe auch ist, aus dem Leben schöpfen, und einige der bedeutendsten Bücher, wären solche Maßstäbe angewendet worden, nicht hätten erscheinen dürfen, „Die Leiden des jungen Werther“, „Vanity Fair“, „A la recherche du temps perdu“, „Die Buddenbrooks“. Daß es nicht Sache des Gerichts sein darf, den Wert eines Werkes zu beurteilen und zu entscheiden, daß man Biller verbieten muß, was Proust und Mann zugestanden wurde. Daß es nicht angehen kann, daß wir in einem Land, das vor nicht langer Zeit noch so viele Spielarten politischer Zensur gesehen hat, nun eine Zensur persönlicher Getroffenheit und verletzter Gefühle einführen.

Man versteht die Empörung, die Kränkung

All das ist so naheliegend, daß man instinktiv zögert, mit der nötigen Klarheit zu sagen, was doch gesagt werden muß: Würde ein Autor verurteilt, jemandem, dem sein nicht einmal mehr käuflich erhältliches Buch seelische Schmerzen zugefügt hat, eine von ihm gar nicht aufzubringende Summe Schmerzensgeld zu bezahlen, so wäre das ein Skandal sondergleichen und ein Schlag, von dem sich Deutschland als literarischer Standort nicht erholen würde. Wie schriebe man denn, wenn man befürchten müßte, daß jedes Buch nicht bloß verboten werden, sondern auch noch Grund für die gerichtlich verordnete ökonomische Vernichtung sein könnte? Mit Angst oder gar nicht mehr oder am liebsten anderswo, kurz: wie in einer Diktatur.

Das Problem liegt wohl auch darin, daß jeder, ob er es zugibt oder nicht, imstande ist, mit dem Zorn der Betroffenen zu sympathisieren. Es ist nicht lustig, sich in einem Roman auf unrühmliche Weise beschrieben zu finden. Man versteht die Empörung, die Kränkung. Wer einem Autor nahesteht, findet fast immer traulich geteilte Momente, findet wohlbekannte Gesten, Sprachwendungen und Situationen in dessen Büchern wieder, und er findet sie mit kälterem Blick betrachtet, als es ihm menschlich akzeptabel scheint; er hat das unheimliche Gefühl, als wäre ein Dritter, ein Spion, dabeigewesen. All das wird meist schweigend hingenommen, und nur zuweilen führt das Wiedererkennen zu Szenen, die man prototypisch aus Woody Allens Filmen oder Romanen von Saul Bellow kennt. Autoren sind keine netten Leute, es ist nicht empfehlenswert, einem von ihnen Einlaß in sein Leben zu gewähren. Es ist dies eine menschliche Grundtatsache, älter als die Schrift, so alt wie das Erzählen selbst. Macht man sie aber gerichtsnotorisch, so wird in letzter Konsequenz das Schreiben selbst unmöglich.

Die Freiheit des künstlerisch Notwendigen

Hier geht es nicht bloß um Maxim Billers drohenden Ruin. Das Buch ist bereits verboten, den Schmerzen der Klägerinnen müßte also sogar nach den puristischsten Maßstäben Genüge getan sein. Die Scheu vor großen Worten darf einen nicht daran hindern auszusprechen, daß es um die Freiheit geht, um die Möglichkeit, ohne politische oder persönliche Rücksichtnahme zu Papier zu bringen, was einem künstlerisch notwendig scheint.

An dem Fall „Esra“ wird sich zeigen, ob man auf das Deutschland des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts später einmal mit Amüsement, Spott und Hohn zurückschauen wird als auf ein Land, in dem ein Autor vernichtet werden konnte, weil seine Romane jemandem weh taten. Nicht bloß Maxim Biller steht vor einem Gerichtshof, auch die Richter selbst tun es, und zwar vor jenem der Literaturgeschichte, der, weil er alle Attacken der politischen Linientreue und des bürgerlichen Wohlanstands überdauerte, am Ende noch jedesmal den längeren Atem hatte und das letzte Wort.

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann, geboren 1975 in München, lebt in Wien. Zuletzt veröffentlichte er den Roman „Die Vermessung der Welt“ sowie den Essayband „Wo ist Carlos Montufar?“

Quelle: F.A.Z., 24.07.2006, Nr. 169 / Seite 31
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