Michel Houellebecq wird 60

Unlust am Leben, Angst vor dem Tod

Von Jürg Altwegg
 - 10:14
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„Meine Leser haben oft kleine Wohnungen“, glaubt Michel Houellebecq zu wissen. Mit diesem – trügerischen – Befund begründet er im ersten Satz seines Vorworts die Notwendigkeit einer Gesamtausgabe seines bisherigen und alles andere als abgeschlossenen Werks, deren erster Band gerade erschienen ist. Das etwas merkwürdige, aber durchaus informative Begründungsschreiben geriet ihm zum Stück über seine eigenen Gewohnheiten.

Man kennt die Schriftsteller, die er mag – und jene, die er verabscheut. Houellebecq ist ein leidenschaftlicher Leser, am liebsten im Bett, eine Schachtel Zigaretten darf nicht fehlen. Leidenschaftliche Leser sind auch viele seiner Romanfiguren, bei denen es sich oftmals um Außenseiter handelt, die allein und in kleinen Wohnungen leben. Diese Realität auf seine Leser auszuweiten ist etwas kühn – Houellebecqs Publikum ist zweifellos die gebildete und bürgerliche, auch städtische Mittelschicht, die sich in der Wirklichkeit noch nicht so stark aufgelöst hat wie in seinen Romanen.

E-Books? Eine absurde Erfindung!

„Ob sich alle wohl besser auf dem Lande niederlassen sollten, ist ein anderes Thema“, das in diesem Vorwort diskutiert wird. Doch wie auch immer: „Es ist wichtig, in der Bibliothek Platz zu schaffen, und dies einer der wichtigsten Grunde für dieses Buch.“ Es gibt auch einen ökonomischen: Für die dreißig Euro, die es kostet, bekommt man Houellebecqs gesammelte Schriften der frühen Jahre weder antiquarisch noch im Taschenbuch. Dessen „großer Nachteil“ wiederum es sei, dass es nicht in die Rock- oder Hosentasche passt. Houellebecq plädiert für eine Verkleinerung des Formats „um dreißig Prozent und einen festen Einband“, Verleger sollten diese Vorschläge in ihre Überlebensstrategien einbeziehen.

E-Books kann er nicht ausstehen: eine „absurde Erfindung“, die bald schon auf dem „Friedhof der technologischen Fehlentwicklungen landen“ werde. Auch mit den Dünndruck-Klassikern der „Bibliothèque de la Pléïade“, deren Leichtigkeit er als „sehr teuer bezahlt“ bezeichnet, kann er sich nicht anfreunden: Es sei schier unmöglich, auf den Seiten persönliche Notizen anzubringen. „Die Originalausgabe bleibt unentbehrlich“, fährt er fort und lobt deren materielle Qualität in England, Holland, Deutschland. Den französischen Verlagen bescheinigt er bezüglich der Herstellung mit jedem Recht eine „beschämende Mittelmäßigkeit“.

Gewisse Sätze bringen ihn auf die Palme

Auch dagegen kämpft Houellebecq mit seiner bei Flammarion erscheinenden Gesamtausgabe an, um jedes Detail hat er sich gekümmert. Bei der Schrift hat er die Bodoni „der Romantiker“ der Garamond „der Humanisten“ vorgezogen. Papier, Farbe, Titel und die „Rigidität des Umschlags“ wurden bewusst gewählt, damit der Leser „das bestmögliche Objekt“ bekomme, dem der Verfasser indes inhaltlich keinerlei zusätzlichen Aufwand widmete. Ein paar Druckfehler seien korrigiert, die Texte sonst gemäß der Erstfassung übernommen worden – auch wenn Houellebecq nicht verhehlt, dass ihn gewisse seiner frühen Sätze „auf die Palme bringen“. Die unkritische Gesamtausgabe in chronologischer Reihenfolge enthält auf tausend Seiten die Essays, Gedichte und Prosa der Jahre 1991 bis 2000.

Bislang blieb das Profil des letzten Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts ziemlich vage. „Alles beginnt im Oktober 1989“, lautete ein Vierteljahrhundert danach der erste Satz von Alain Finkielkrauts autobiographisch gefärbtem Buch „L’identité malheureuse“. Finkielkraut meinte keineswegs den Fall der Berliner Mauer, der in seinem Essay gar nicht vorkommt, obwohl der Autor zu den antitotalitären Intellektuellen gehört, die einen intensiven Dialog mit den Dissidenten in Osteuropa führten.

Das neue Zeitalter der Franzosen hatte im Oktober 1989 mit der Weigerung dreier Schülerinnen, ihr Kopftuch abzulegen, begonnen. Es war das Jahr, in dem die Franzosen den zweihundertsten Jahrestag ihrer Revolution feierten. Doch als der Eiserne Vorhang fiel, zogen sie gewissermaßen den Schleier hoch und schotteten sich von der Welt ab, der für sie und ihre Intellektuellen so viel bedeutet hatte.

Ein ganz neuer Typus von Schriftsteller

Dass die Zäsur von 1989 irgendwelche Auswirkungen auf den französischen Film, das Theater, die Kunst und die Musik hatte, wird von den kompetentesten Experten in Abrede gestellt. Houellebecqs unscheinbare Gesamtausgabe macht bewusst, dass nach dem Ende des Kalten Kriegs ein ganz neuer Typus von Schriftsteller die Literaturszene betrat. Sein Aufstieg erfolgte in den neunziger Jahren. An deren Ende erschienen 1999 beim Dumont Verlag auf einen Schlag „Elementarteilchen“, „Ausweitung der Kampfzone“ und Essays unter dem Titel „Die Welt als Supermarkt“ in deutscher Übersetzung.

Diese Rezeption steht für den internationalen Durchbruch Houellebecqs. Inzwischen werden seine neuen Romane in Frankreich und Deutschland gleichzeitig ausgeliefert. In Paris erschien „Unterwerfung“ mit dem unvorstellbaren Plot der Wahl eines muslimischen Staatspräsidenten am Tag des Attentats auf „Charlie Hebdo“, das am selben Tag mit einer Zeichnung des gealterten Houellebecq auf dem Cover an die Kioske kam. Der Schriftsteller wurde unter Polizeischutz gestellt, musste alle Interviews, alle öffentlichen Auftritte absagen und tauchte erst in Köln wieder auf, wo die deutsche Übersetzung vorgestellt wurde. In Frankreich wurden mehr als vierhunderttausend Exemplare verkauft, der Roman ist das emblematische Werk des Jahres 2015.

Den Schriftsteller von der Islam-Obsession lösen

Nach den Attentaten vom November kritisierte Houellebecq die Regierung seines Landes als Dilettanten, die es nicht verstanden hätten, ihr Volk zu schützen. Und schon bevor die Idee aufkam, Terroristen die Staatsbürgerschaft abzuerkennen, hatte Premierminister Manuel Valls erklärt: „Houellebecq ist nicht Frankreich.“ Auch von Anschlägen im Lande ist in „Unterwerfung“ die Rede – ganz am Rande, denn sie werden von den Machthabern verschwiegen. Die Gesamtausgabe ist auch ein verzweifelter Versuch, Houellebecq von der Islam-Obsession loszulösen, seine Bücher jenseits der Klischees und Verurteilungen zu lesen, die seine Wahrnehmung als Schriftsteller bestimmen und den Blick aufs literarische Werk verengen.

Michel Houellebecqs erste Buchveröffentlichung war ein Essay über den amerikanischen Horrorschriftsteller H. P. Lovecraft, der ein unverbesserlicher Rassist war und den er in seiner Jugend gelesen hatte: „Das Leben ist schmerzlich und enttäuschend. Deshalb ist es unnütz, neue realistische Romane zu schreiben.“ Die Studie liest sich wie ein Roman mit Lovecraft als einziger Figur. Schon in diesem Erstling unterstreicht Houellebecq, dass der Stil in der Literatur „nicht die geringste Bedeutung hat“ – an diese Einsicht hat er sich gehalten. An Lovecraft fasziniert ihn der „gelungene Versuch, den Verdruss am Leben in handlungsfähige Boshaftigkeit“ und den Rassismus in einen Zustand der „poetischen Trance“ zu verwandeln. Zur amerikanischen Übersetzung dieser Studie schrieb Stephen King ein Vorwort, das für eine Neuauflage ins Französische übersetzt wurde – es fehlt nun in der Gesamtausgabe.

In den Strophen steckt die Tristesse

Der erste Band reicht bis zu „Lanzarote“, in dem der Ich-Erzähler auf ein nicht monogames lesbisches Paar deutscher Nudistinnen und den luxemburgischen Polizeiinspektor Rudi trifft. Rudi schließt sich der Raëlianer-Sekte an und wird der Pädophilie bezichtigt. Der Roman geht mit dem (historischen) Prozess gegen Raël zu Ende und mit der Vermutung, dass der Erzähler eine der Frauen geschwängert haben könnte. Enthalten ist ebenfalls die emblematische „Ausweitung der Kampfzone“ über Sexualität in der Marktwirtschaft und jene „Ideologie der Konkurrenz“, als deren „Homer“ der beim Attentat auf „Charlie Hebdo“ erschossene Bernard Maris den Schriftsteller gefeiert hat.

In seinem ersten großen Roman, „Elementarteilchen“, zeichnet Houellebecq ein kaum verschlüsseltes Porträt seiner ihm verhassten Mutter, die die Erziehung des Sohnes der Großmutter überlassen hatte, nach deren Familienname er sich dann als Schriftsteller Houellebecq nannte. Geboren wurde er als Michel Thomas – 1958, wie er lange behauptete. Die Mutter rächte sich für ihre Darstellung, indem sie das wahre Geburtsjahr, 1956, enthüllte.

In der Gesamtausgabe gibt es dazu keine Information, es fehlt überhaupt jegliche biographische Notiz. „Ich hasse dich, Jesus Christus, der du mir einen Körper gegeben hast“, aus dem es kein Entkommen gibt, liest man in einem der frühen Gedichte, die zu den wenigen Überraschungen des Buchs gehören. Für seine Lyrik bekam Houellebecq schon 1992 seinen ersten Literaturpreis: den nach dem großen Dadaisten benannten Prix Tristan-Tzara. Houellebecq aber hält sich an die klassischen Regeln der Versmaße und des Reimes. In seinen Strophen stecken die Tristesse, die Desillusionen und der existentielle Degout seiner späteren Romanfiguren: „Ich habe keine Lust am Leben und Angst vor dem Tod.“ Heute feiert Michel Houellebecq mit dem ersten Band seiner frühen Gesamtausgabe Geburtstag; auch laut der inzwischen vorgelegten amtlichen Geburtsurkunde ist es der sechzigste.

Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.
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