Buch von Arundhati Roy

Indien! Indien!

Von Julia Encke
 - 17:34

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy hat einen neuen Roman geschrieben. Zwanzig Jahre lang hat sie sich dafür Zeit gelassen und in all den Jahren nicht über dieses Buch gesprochen, an dem sie schrieb und dessen Figuren zu ihrem Leben gehörten. Sie sprach öffentlich über ihre Essays, das schon, und wurde zu Indiens wichtigster politischer Stimme, seitdem sie 1997 mit „Der Gott der kleinen Dinge“ weltberühmt geworden war, jenem ersten Roman, der die Geschichte einer Familie erzählte, die an einer verbotenen Liebe zerbrach. Arundhati Roy war damit so erfolgreich, dass sie alles hätte machen können. Vor allem hätte sie wie Salman Rushdie ins Ausland gehen und in London oder New York das komfortable Leben einer Starautorin führen können.

Aber sie blieb in Indien und kämpfte als Globalisierungsgegnerin und Aktivistin gegen die Eindämmung des Flusses Narmada im Norden des Landes. Sie schilderte die von staatlichen Stellen tolerierten Pogrome nationalistischer Hindus gegen Muslime. Sie fuhr nach Kaschmir, um über das Morden zu berichten. Sie besuchte die Dörfer der maoistischen Guerrilleros. „Aus der Werkstatt der Demokratie“ heißen ihre Essays über politische und religiöse Ausgrenzung, die zuletzt auf Deutsch erschienen sind. Und weil diese Essays auch wegen ihrer poetischen Sprache gefeiert wurden, könnte sich jetzt, da Arundhati Roy als Romanautorin zurückkehrt, eigentlich zeigen, was wirkungsvoller ist: poetische Essays oder politische Romane? Was trifft die Menschen mehr? Was stiftet uns dazu an, die Welt neu zu überdenken?

„Das Ministerium des äußersten Glücks“, wie der Titel ihres neuen Romans heißt, ist eine Dichtung voll mit Politik. Man möchte „übervoll“ sagen, wenn es nicht schon abfällig, fast wie eine Beschwerde klänge. Denn beschweren will man sich überhaupt nicht. Man findet beim Lesen auch gar keine Zeit dazu in diesem knapp sechshundert Seiten umfassenden Roman, der einen mit den Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten der indischen Gesellschaft konfrontiert, eine nach der anderen, und sich gegen diese auflehnt. Und zwar tatsächlich nicht essayistisch: An keiner Stelle hat „Das Ministerium des äußersten Glücks“ etwas von einer Abhandlung, nichts hört sich wie ein politischer Exkurs an oder wie ein Referat. Alles Politische wird mit den Geschichten der Figuren verwoben, mit poetischen Details und mit Stimmungen.

Um sich das vorstellen zu können, hilft es, diesen Ton zu hören, mit dem sie einen in ihre Geschichte hineinzieht wie in ein unübersichtliches Labyrinth. Der Ton ist der Grund, warum man nicht wieder hinauswill: „Es herrschte Frieden. So hieß es zumindest. Den ganzen Morgen war ein heißer Wind durch die Straßen gepeitscht und hatte Staub, Kronkorken und Beedi-Kippen vor sich her und gegen Windschutzscheiben und in die Augen von Fahrradfahrern getrieben. Als der Wind abflaute, brannte sich die hochstehende Sonne durch den Dunst, es wurde heiß, und die Hitze flirrte auf den Straßen wie eine Bauchtänzerin. Die Menschen warteten auf das Gewitter, das auf jeden Sandsturm folgte, aber es kam nicht. Ein Feuer wütete durch eine Ansammlung von Hütten am Flussufer, verwüstete im Nu mehr als zweitausend. Dennoch blühte der Indische Goldregen in einem leuchtenden trotzigen Gelb. In jenem höllischen Sommer streckte er sich nach oben und flüsterte dem heißen braunen Himmel Fuck you zu.“

Ein Stimmzettel mit einer dritten Option in Sachen Geschlecht

Es beginnt in Delhi mit der Geschichte von Anjum, einer „Hirja“, wie in Indien Hermaphroditen und Transgender genannt werden, die Außenseiter sind (Anjum gleich zweifach: sie ist eine „Hirja“ und Muslimin), für die die indische Gesellschaft allerdings auch eine traditionelle Rolle vorsieht und deren Existenz sogar extra im Wahlrecht berücksichtigt ist: Neben männlich und weiblich kann man auf dem Stimmzettel in Indien auch „anderes“ ankreuzen. Sie wird geboren und von der Hebamme, als diese der Mutter das Kind in den Arm legt, für einen Jungen gehalten. Zum Entsetzen der Eltern besitzt sie aber auch weibliche Geschlechtsmerkmale, und die Versuche, ihr in ihrer Kindheit mit Geschichten über ihre kriegerischen Vorfahren Männlichkeit einzuimpfen, schlagen fehl. Sie fühlt sich als eine im männlichen Körper gefangene Frau und findet Zuflucht in einer „Hirja“-Kommune, in der Arundhati Roy sie zu einer Berühmtheit und umworbenen Schönheit werden lässt: Filmemacher streiten sich um sie, NGOs reißen sich um sie, ausländische Korrespondenten geben als professionelle Gefälligkeit ihre Telefonnummer an Kollegen weiter.

Das „dritte Geschlecht“ ist in „Das Ministerium des äußersten Glücks“ kein Exotismus. Es ist die Abweichung, die Arundhati Roy ins Zentrum stellt, die sie zur Mitte macht, zur Perspektive, von der aus gesehen sie zu erzählen beginnt. Man kann das als programmatisch verstehen: Wahrscheinlich liege das an ihr und ihrer Herkunft, sie selbst passe, wie die Menschen, die keinem Geschlecht und keiner Kaste zuzuordnen sind, auch nirgendwo hinein, hat Arundhati Roy in einem Interview gesagt. Sie sagte es als Tochter einer Christin aus Kerala und eines Hindu aus Bengalen, der die Familie verließ, als sie ein Jahr alt war; die bei ihrer Großmutter aufwuchs und, als sie sechzehn war, nach Delhi ging. Sie sagte es aber auch als Ikone der Unkonventionalität und Rebellion, zu der sie sich selbst und andere sie gemacht haben, bekannt für eine eigenwillige Lebensführung mit kaum Schlaf. Sie lebe in einem Haus, in dem sie zu allen Tages- und Nachtzeiten alle möglichen Leute besuchen kommen, sagt sie.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Anjum hält es im Roman in der „Hirja“-Kommune irgendwann nicht mehr aus und zieht auf einen Friedhof, wo sie Aussteiger und andere Außenseiter bei sich aufnimmt und auf diese Weise eine kleine Gegengesellschaft gründet. Von hier aus, also von einer der gesellschaftlichen Konvention und herrschenden Politik grundsätzlich gegenläufigen Perspektive, erzählt sie von der „neuen Superhauptstadt der neuen Lieblingssupermacht“: „Indien! Indien! Der Ruf war zu hören – in Fernsehshows, Musikvideos, ausländischen Zeitungen und Zeitschriften, bei Wirtschaftskonferenzen und Waffenausstellungen, bei ökonomischen Konklaven und Umweltgipfeln, bei Buchmessen und Schönheitswettbewerben. Indien! Indien!“ Sie erzählt, wie die Lebensmittelgeschäfte vor Lebensmitteln platzten, die Buchhandlungen vor Büchern, die Schuhgeschäfte vor Schuhen und „die Menschen (die als Menschen galten)“ zueinander sagten: „Jetzt muss man nicht mehr ins Ausland, um einzukaufen. Jetzt gibt es auch hier importierte Dinge. Weißt du, Bombay ist unser New York, Delhi ist unser Washington und Kashmir ist unsere Schweiz.“ Die anderen, die es sich nicht leisten konnten, in der Großstadt zu leben, sollten nicht mehr herkommen, waren aber zu viele, um sie in aller Öffentlichkeit zu töten. Also walzte man ihr Zuhause platt mit „gelben Bulldozern aus Australien“.

Eine Seite weiter liegt, mit blauschwarzer und glatter Haut wie der eines Robbenbabys, in einer Wiege aus Abfall ein Baby auf dem Gehweg beim alten Observatorium, zwischen silbernem Zigarettenpapier, ein paar Plastiktüten und leeren Uncle-Chips-Tüten. Die, die vorbeikommen – der Verein der Mütter von Verschwundenen, deren Söhne im Freiheitskampf um Kaschmir zu Tausenden vermisst wurden –, wissen nicht, was sie mit diesem Säugling machen sollen. „Wessen Baby ist das?“ Und als Anjum es nehmen will, um dem Neugeborenen die Liebe zu geben, die es braucht, ist es erst mal schon wieder verschwunden.

Aufbegehren gegen die Abstumpfung

Man findet alles in „Das Ministerium des äußersten Glücks“: die Unruhen im Bundesstaat Gujarat, wo im Jahr 2002 Muslime von Hindu-Mobs ermordet wurden und die Polizei dabei zusah; das Gasunglück in Bhopal, bei dem 1984 Tausende Menschen starben; den Kaschmir-Konflikt zwischen militanten Unabhängigkeitskämpfern und indischen Sicherheitskräften, bis hin zur neuen Welle der Feindschaft gegen Muslime nach dem 11. September 2001.

Und irgendwann gibt es einen Moment, in dem man innehält, weil man an ein ganz anderes Buch denken muss, bei dessen Lektüre man sich schon einmal so ähnlich gefühlt hat, weil es eine Grausamkeit an die andere reihte, fast wie im Exzess: In „2666“ von Roberto Bolaño ging es um eine völlig andere Welt, um die Hölle von Ciudad Juárez, an der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten, wo seit 1993 eine Serie von Frauen- und Mädchenmorden stattfand. Vierhundert Tote waren es, und noch einmal so viele Menschen wurden vermisst. Und da diese Morde nicht aufgeklärt werden konnten, wurden sie zum Sinnbild der Korruption, in die die mexikanischen Behörden, die Polizei, Drogenhändler, Schlepperbanden und das Prostitutionsmilieu verstrickt waren.

Roberto Bolaño gab diesem Grauen in der Mitte seines Romans den Raum eines riesigen Friedhofs: Er erzählte die Serienmorde selbst seriell, in einer scheinbar nicht endenden Fallaufzählung. Und man ertappte sich dabei, wie man beim Lesen selbst abstumpfte, bis man merkte, wie das Prinzip der Erzählung einem den Abstumpfungsprozess vor Augen führte, um dagegen aufzubegehren; um einen, durch die Hölle gehend, davor zu bewahren, sich jemals an die Hölle zu gewöhnen.

Drei Männer und eine Frau

Arundhati Roy reiht in „Ministerium des äußersten Glücks“ die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten der indischen Geschichte und Gegenwart nicht aneinander. Wiederholung und Monotonie gehören nicht zu ihren Stilmitteln. Sie erzählt nicht seriell, sondern akkumuliert eher. Sie häuft in ihrem Roman Schreckensgeschichten an und erzielt damit einen ähnlichen Effekt wie den, der sich beim Lesen von „2666“ einstellt: Indem sie ihre Leser aus der Perspektive ihrer kleinen Gegengesellschaft immer neu mit dem sozialen Grauen der indischen Geschichte konfrontiert, bewahrt sie sie davor, es hinzunehmen, und arbeitet gegen die Abstumpfung an. Sie mischt einen auf, treibt einen mit poetischen Bildern in Stimmungen hinein, die noch mal auf einer anderen Ebene begreifen lassen, was war und was ist, als das in Arundhati Roys politischen Essays der Fall ist.

Den Kaschmir-Konflikt etwa entfaltet sie anhand der Geschichte von vier Freunden, ein Mann vom Inlandsgeheimdienst, ein kritischer Journalist, ein Milizenführer, die – das passiert in Bolaños „2666“ interessanterweise auch – alle in dieselbe Frau verliebt sind: in Tilottama, in der man beim Lesen Züge der Autorin zu erkennen glaubt. Tilottama ist es, die am Ende, auch das Baby ist da wieder aufgetaucht, zu Anjum auf den Friedhof zieht und Teil von Arundhati Roys Gegengesellschaft wird. Es gibt, wie immer, wenn sie ihre Stimme erhebt, auch jetzt wieder jene, die ihr Übertreibungen nachweisen wollen oder ihr vorwerfen, zu allem eine Meinung zu haben. Wenn man Arundhati Roys neuen Roman liest, will man aber nur staunen über diese Beharrlichkeit, aufzubegehren, und über die poetische Kraft, mit der sie dies tut. Beides zusammen verleiht ihr eine einmalige Größe.

Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“. Roman. Aus dem Englischen von Anette Grube. Verlag S. Fischer, 560 Seiten, 24 Euro.

Die Autorin tritt am 7. September auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin auf (19.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele).

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Encke, Julia
Julia Encke
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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