Comic-Autor Adrian Tomine

Die nächste Blamage wird die beste!

Von Friederike Haupt
 - 18:01
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Die meisten Bücher erscheinen zum falschen Zeitpunkt. Das Problem ist entweder, dass der Autor noch nicht so weit ist, oder, dass die Welt noch nicht so weit beziehungsweise schon weiter ist. Manchmal kommt auch beides zusammen, dann erscheinen Bücher, die es bloß gibt, weil ein Journalist mal einen sogenannten pfiffigen Artikel geschrieben hat und daraufhin einen Anruf von einer Literaturagentin bekam, die vorschlug, ein pfiffiges Buch über die Sache zu machen. Heraus kommt zuverlässig ein schlaffer Text, der irgendeiner Debatte hinterhertrödelt.

Ist bloß der Autor noch nicht so weit, fühlt sich aber so, schreibt er was Anstrengendes über Liebe. Spielt die Welt nicht mit, kann der Autor noch so toll sein, wie zum Beispiel alle Autoren von Standardwerken über die Piratenpartei bestätigen werden. Hier geht es aber nun um ein Buch, das zum exakt richtigen Zeitpunkt kommt, und zwar in jeder Hinsicht.

Es ist ein Band mit sechs Comic-Erzählungen des Amerikaners Adrian Tomine. Er heißt „Eindringlinge“, nach einer der Geschichten darin, aber genauso gut könnte er den extrem modernen Titel des Buches tragen, an dem der Held in Helmut Dietls visionärer Serie „Der ganz normale Wahnsinn“ arbeitet, nämlich: „Woran es liegt, dass der Einzelne sich nicht wohlfühlt, obwohl es uns allen so gut geht“.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Das klingt heute natürlich erst mal so, als würden darin Hashtag-Themen aufgearbeitet: Leute bereuen, Mutter zu sein, keine Mutter zu sein, Mutter mit Glutenallergie zu sein, Mutter ohne Glutenallergie zu sein und so weiter.

Aber um so etwas geht es bei Tomine nicht, dafür ist er zu klug und auch zu wenig interessiert an Trashdebatten. Bei ihm geht es um Männer und Frauen und wie sie es jemals miteinander aushalten sollen. Darüber wird seit Menschengedenken nicht wenig geschrieben, aber Tomines Buch kommt deswegen jetzt gerade richtig, weil es von der Liebe in Zeiten der gegenwärtigen Megathemen Alleinsein, Feminismus, Zukunftsangst und Irgendwasmitdrogen so erzählt, dass man endlich mal etwas versteht.

Vollkommen bescheuert und brutal hässlich

Das beweist gleich die erste Geschichte, „Hortiskulptur“. Ein Gärtner, verheiratet, eine Tochter, erfindet eine neue Kunstform: eine Mischung aus Gartenbau und Bildhauerei, seltsame Röhrenfiguren, durch die lebendige Pflanzen wachsen. Vollkommen bescheuert also und brutal hässlich dazu. Aber der Gärtner ist überzeugt davon, dass die Welt auf seine Erfindung gewartet hat. Auf einer Party erzählt er Freunden davon; die spotten, er baue ja dann also so etwas Ähnliches wie Kresse-Igel. Seine Frau sagt, sie finde die Sachen wunderschön. Aber gleich hinterher sagt sie, er brauche ja nicht gleich das Gärtnern aufzugeben. Sicher ist sicher.

Schon nach drei Seiten weiß man, dass es hier um alles geht: um die Hoffnung des süßen, dickbäuchigen, fleißigen, von Ruhm bloß träumenden Vorortgärtners auf echten Ruhm. Und um die Frage, ob seine Frau es aushält, dass ihr Mann jetzt nachts im Bett davon träumt, von Skulptur-Groupies in kurzen Röcken gejagt zu werden, während er in Wirklichkeit kein einziges der blöden Kunstwerke verkauft.

Das ist auch deswegen so eine schöne Geschichte über Liebe und Arbeit, weil sie nicht von radikal urbanen Dreißigjährigen handelt und trotzdem auch für sie geschrieben ist. Adrian Tomine macht hier etwas anders als sonst. Bisher waren seine Protagonisten eben diese Boys und Girls, wie sie in Brooklyn rumlaufen, wo er auch selbst lebt: In seiner Graphic Novel „Halbe Wahrheiten“ weiß ein melancholischer Kinobetreiber nicht, was er will, es schwankt zwischen Sex mit deutlich jüngeren Frauen und der Beziehung zu seiner Freundin, der er dann, als es schon ziemlich übel aussieht, auch noch nach New York hinterherreist, wo erwartungsgemäß alles noch schlimmer wird.

Davor, in dem Band „Sommerblond“, ging es um ähnliche Leute. Aber jetzt, wo Adrian Tomine 41 ist, verheiratet und Vater von zwei Töchtern, ist das anders. Vor einiger Zeit sagte er in einem Interview, das Windelnwechseln und Auf-Spielplätzen-Rumhängen habe ihm halt ausgetrieben, immer der coole Typ sein zu wollen. In den neuen Geschichten holt er von irgendwoher die Power, von den unterschiedlichsten Menschen zu erzählen, ohne dass die ausgedacht oder reinkopiert wirken.

Der Gärtner zum Beispiel wird im Laufe der Geschichte ziemlich alt. Jahre vergehen, während er für seine Pflanzenskulpturen kämpft. Am Ende hat er schon so eine Stelle auf dem Kopf, wo die Haare ganz dünn und in Altherrenmanier traurig zum sogenannten Comb-over arrangiert sind. In einer anderen Erzählung begegnet ein abgefuckt aussehender Dealer in einer Selbsthilfegruppe einer Frau, die eine Menge Entscheidungen bereut. Woanders geht es um ein Mädchen, das Stand-up-Comedian werden will.

Kurze Geschichten, aber keine ist banal

Die Welt hat sich gegen es verschworen, denn es stottert nun mal, und der Vater sagt gleich nein zum Comedian-Wunsch, denn: „Ich habe was gegen Blamagen.“ Aber das Mädchen riskiert die Blamage, denn aufzugeben, ohne es wenigstens versucht zu haben, wäre ja die größte Blamage überhaupt. Das sind alles kurze Geschichten, der Band hat insgesamt nur 120 Seiten. Aber keine ist banal.

Das ist übrigens auch ein Beweis dafür, dass Literatur oft gerade dann gut wird, wenn der Autor sich gedanklich mal aus seiner eigenen Lebenswelt herauswühlt. Manchmal, nicht immer natürlich, ist die Phantasie eines Menschen interessanter als sein Wurstsalat. Von Adrian Tomine ist dieser Tage noch ein anderes Buch auf Deutsch erschienen. Ein sogenanntes Memoir, was jetzt wohl die Form ist, die trendet und damit das „Erzählende Sachbuch“ ablöst. Das Büchlein heißt „Szenen einer drohenden Heirat“ und ist schon fünf Jahre alt; bloß hatte es bisher niemand ins Deutsche übersetzt. Wäre auch nicht nötig gewesen, muss man leider sagen. Tomine hatte das Ganze ursprünglich als Geschenk für seine Hochzeitsgäste gedacht: ein schlichter, kleiner Schwarzweiß-Comic. Toll für die Hochzeitsgäste. Nicht so toll für die Nichthochzeitsgäste, es passiert einfach gar nichts, wenn man jetzt dieses Buch liest, weder im Buch noch in einem selbst.

Man erfährt bloß, dass Adrian Tomine und seine Frau sympathische Leute sind, die ihre Hochzeitsvorbereitungen aufregend finden. Das ist so langweilig, wie anderen Leuten beim Brunchen zuzuschauen. Ja, ja, denen schmeckt es, tolle Etagere auch, aber was nützt einem das! Die kleinen Szenen handeln davon, wie Tomine und seine Frau über die Gästeliste diskutieren oder wie sie sich Locations anschauen. Beispielsweise besichtigen sie ein besonders affiges Loft, er sagt zu ihr: „Stell dir vor, du tanzt hier drin herum, schlürfst Champagner und isst albernes Catering.“ Sie: „Eher stürze ich mich aus dem Fenster.“ Dann entscheiden sie sich lieber doch für die Feier im Park. So geht es die ganze Zeit.

In „Eindringlinge“ sagt der Gärtner wunderschöne Dinge, die sich auch nur so ein Gärtner, wie er es ist, ausdenken kann. Einmal, als ihn Zweifel überfallen, beschwichtigt er sich: „Vielleicht wollte ich zu viel auf einmal. Wenn ich etwas von den Pflanzen gelernt habe, dann, dass man klein anfangen muss.“ Später, in einer Vollmondnacht, steht er vor seinem Haus und räsoniert: „Noch der schlechteste Künstler ist weit edler als der beste Kritiker. Es ist des Künstlers Pflicht, die Nörgler zu ignorieren und zu überdauern.“ Er ballt die Faust. „Ein wahrer Künstler lässt sich niemals beirren ...“ Und dann hat der Gärtner eine alles verändernde Einsicht. Eine von der Art, wie man sie heute vielen Menschen wünscht, eine untwitterbare, unfacebookbare, unsnapchatbare Grundsatzerkenntnis.

Man muss Tomines Erzählungen aber nicht mal lesen. Wer dafür zu frühlingsmüde ist, kann mit dem Buch auch bloß unter einem blühenden Apfelbaum sitzen und sich die Bilder anschauen. Mit denen ist Tomine als Meister der Ligne claire bekannt geworden, vor allem mit seinen Coverillustrationen für den „New Yorker“. Ein Cover zum Beispiel gibt es, das erzählt eine ganze Liebesgeschichte in einem Bild. Auf den ersten Blick sieht man da bloß einen Mann und eine Frau auf einem Bett, ihr Blick geht auf ein großes Fenster. Draußen fällt Schnee. Das Bild heißt „Perfect Storm“.

In „Eindringlinge“ gibt es eine Geschichte, da sieht jedes Panel so gut aus wie so ein Cover. Es sind nur siebzehn Bilder, die von einem Flug erzählen. Und zwar so, dass die Leute, die da unterwegs sind und um die es geht, überhaupt nicht zu sehen sind. Es gibt bloß eine Offstimme, die in kleinen Buchstaben in die Bilder hineinerzählt. Und da sieht man zum Beispiel das Stofftier des Kindes, das in diesem Flugzeug von Japan nach Kalifornien reist, einen Plüschkater mit schwarzem Pelz und Hütchen auf dem Kopf, und das Besondere an dem Kater sind die Nylonschnurrhaare, die total krummgedrückt sind vom vielen Kuscheln und Lieben. Auf einmal weiß man ganz schön viel über dieses Kind, das man noch nie gesehen hat und niemals sehen wird.

Die Geschichte ist 2013 in Tomines Magazin „Optic Nerve“ erschienen, wie die anderen in dem Band auch. Die Gärtner-Geschichte ist von 2011, sie ist ganz anders gemacht, bis auf ein paar wenige Seiten in Schwarzweiß, fast so wie alte Zeitungsstrips. Es gibt auch eine Erzählung über ein Mädchen, das entdeckt, dass es einem Pornostar unglaublich ähnlich sieht. Was ihr geschieht, ist eine ziemlich ungewöhnliche Antwort auf die Frage, wie Männer und Frauen es jemals miteinander aushalten sollen, zumal wenn beide Internetzugang haben, was die Sache, wie man inzwischen weiß, gleichzeitig erschwert und erleichtert. Keiner weiß, was in Zukunft noch so auf Männer und Frauen zukommt, und ebendeshalb ist für dieses Buch kein besserer Zeitpunkt denkbar als genau jetzt.

Adrian Tomine: „Eindringlinge“, Reprodukt, 120 Seiten, 24 Euro; „Szenen einer drohenden Heirat“, Suhrkamp, 56 Seiten, 9,95 Euro

Quelle: F.A.S.
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