Neue deutsche Literatur

Die Geschichten des Erfolgs

Von Volker Weidermann
 - 18:12
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Der Schriftsteller Michael Wallner war gar nicht angereist zur Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr. Warum auch. Seine letzten drei Bücher waren nicht sonderlich erfolgreich, sein neuer Roman erscheint erst im Frühjahr. Er blieb in Berlin. Doch dann klingelte sein Telefon, und es begann - die Geschichte dieser Messe, die zugleich ein Ausdruck dafür ist, was sich zur Zeit auf dem Markt der Literatur Überraschendes ereignet. Am Telefon war sein Verleger.

Er habe ein großartiges Angebot aus Frankreich für seinen Roman, ob er annehmen solle. - Ja, aber der sei doch noch gar nicht auf deutsch erschienen? - Macht nichts, es geht los. Und es ging wirklich los. „Im Zweistundentakt klingelte es, und es kamen Angebote aus immer neuen Ländern“, erzählt der 1958 in Graz geborene Wallner. „Es war ein jupiterhafter Zustand.“ Und sein Verleger Georg Reuchlein, mächtiger Verlagsleiter bei Random House und dort unter anderem für die Häuser Goldmann und Luchterhand verantwortlich, erzählt: „Die haben uns richtig die Türen eingerannt, auf der Messe.“

Nazi sells - vor allem in Amerika

An wohl keinem Ort der deutschen Bücherbranche herrscht zur Zeit so gute Laune wie in den Verlagsabteilungen für Auslandslizenzen. Die Verleger, Agenten, Scouts, Autoren, Lizenzabteilungsleiter sind sich einig: Die Erfolge von heute wären vor zehn Jahren noch nicht denkbar gewesen. Und Wallner ist ja nicht der einzige. Wenn das so wäre, hätte man schnell eine Erklärung bei der Hand, denn die Geschichte seines Buches „April in Paris“ klingt wie die klassische Auslandserfolsgeschichte: deutscher Soldat im Zweiten Weltkrieg verliebt sich in französische Resistance-Kämpferin und schwankt nun zwischen Pflichtgefühl und Liebe.

Und schon denkt man an den größten deutschen Bucherfolg in Amerika nach dem Krieg, den „Vorleser“ von Bernhard Schlink, mit seiner Mischung aus Kulturgläubigkeit, deutscher Barbarei, Rührseligkeit und Liebe, den Oprah Winfrey 1999 als ersten deutschen Roman auf Platz eins der amerikanischen Bestsellerlisten katapultierte. Und natürlich ist da was dran. Man muß sich nur einmal ansehen, wie die amerikanische Ausgabe des wundervoll sanft und staunend-fassungslos geschriebenen Buchs von Uwe Timm „Am Beispiel meines Bruders“, die Geschichte seines längst verstorbenen Bruders, der bei der SS gewesen war, gestaltet ist: Stahlhelm mit SS-Runen in Großaufnahme, während die englische Ausgabe ein etwas zurückhaltenderes Kriegsbild zeigt und die deutsche ganz in Weiß gehalten wurde. Nazi sells. Vor allem in Amerika, und das bleibt wohl auch so.

„Unendlich viele Angebote liegen noch vor“

Aber das ist bei weitem nicht alles. Von dem internationalen Erfolg des neuen Romans von Daniel Kehlmann, „Die Vermessung der Welt“, war schon vor der Messe viel die Rede. In dreizehn Länder wurde der inzwischen verkauft, „unendlich viele Angebote liegen noch vor“, sagt sein Verlag. Und Nazis kommen in diesem historischen Abenteuerroman des deutschen Geistes zur Zeit der Weimarer Klassik nicht vor. Und auch andere literarische Nicht-Nazi-Bücher aus Deutschland sind international begehrt.

Ingo Schulzes großer neuer Roman aus Wendezeiten, „Neue Leben“, ist, trotz altmodischer Briefromanform und obwohl es in dem deutschen Provinzstädtchen Altenburg spielt, international sehr gefragt. Und obwohl von Ingo Schulze lange nichts zu hören war und es eine ganze Weile zurückliegt, daß die Zeitschrift „New Yorker“ ihn zu einem der sechs besten jungen europäischen Autoren kürte. „Alle haben sich an ihn erinnert“, heißt es im Berlin-Verlag.

Der Weltmarkt des Buches ist undurchschaubar

Und jetzt lesen die Agenten und Lektoren und Scouts erst einmal. Ist ja nicht immer so, daß schon vor dem Erscheinen eines Buches in der Originalsprache auf den Buchmessen „Bietfeuerwerke“, wie ein Agent es nennt, abgeschossen werden. Wie im Falle Wallner. Oder der neunundzwanzigjährigen Berlinerin, die sich mit Pseudonym Leonie Swann nennt und deren eben erschienener Schafskrimi „Glennkill“ bei den Agenten für Börsenglühen sorgte. Ein internationaler Agent gab die Parole aus, „das ist das verrückteste Buch der Messe“, und die Ereignisse überschlugen sich. Ständig kamen neue Gebote herein, bis ein amerikanischer Verlag ein sogenanntes „pre-empt-Gebot“ abgab. Ein extrem seltener Fall, wie Swanns Agentin Astrid Poppenhusen erzählt.

Es handelt sich dabei um ein so exzeptionell hohes Angebot, in diesem Fall für die englischsprachigen Weltrechte, das, wenn der Verlag es annimmt, die Auktion sofort beendet. Für einen Krimi, der unter Schafen spielt! Aus Deutschland! In dem ein Schäfer ermordet wird und ein kluges Schaf namens Miss Maple sofort die Ermittlungen aufnimmt. Inzwischen ist das Buch schon in fünfzehn Länder verkauft. Man könnte denken, daß gerade die Angelsachsen am allerwenigsten am Genre des skurrilen Kriminalromans aus dem Ausland interessiert seien, weil sie das selbst am besten könnten. Aber der Weltmarkt des Buches ist rätselhaft, spannend und undurchschaubar.

Cornelia Funke ein Superstar in Amerika

Warum verkauft sich Hannes Steins Buch „Endlich Nichtdenker“ ausgerechnet in Finnland am besten? Warum Sven Regeners „Herr Lehmann“, auf englisch „Berlin Blues“, nirgends so gut wie in Norwegen? Der Schauerroman „Eismond“ des Offenbachers Jan Costin Wagner in Italien in einem Monat achttausend Mal? Warum ist Elke Schmitters „Frau Sartoris“ mit 24 Lizenzen eines der am meisten übersetzten deutschen Bücher der letzten Jahre?

„Gerade habe ich mit Thailand abgeschlossen“, sagt die Lizenzverkäuferin des Berlin-Verlages. Fünf Jahre nach Erscheinen des Buches geht es weiter und weiter. Der deutsche Fantasy-Autor Kai Meyer hat in diesem Herbst in Amerika, nachdem er sich einer Gruppe ausgewählter Buchhändler vorgestellt hatte, von seinem neuen Buch „Die fließende Königin“ 60.000 Stück verkauft, und Cornelia Funke erreicht in den Vereinigten Staaten Millionenauflagen und ist, spätestens seitdem sie das „Time“-Magazin zum Kreis der hundert wichtigsten Menschen der Welt rechnete, ein echter Superstar.

Kaum deutschkundige Lektoren im Ausland

Riky Stock, die mit dem von der Frankfurter Buchmesse finanzierten „German book office“ in New York harte Basisarbeit für das deutsche Buch im Ausland unternimmt, hat gerade eine Statistik erarbeitet, wonach im Jahr 2004 der Anteil belletristischer Bücher, die aus dem Deutschen übersetzt wurden, in den Vereinigten Staaten bei 0,2 Prozent liegt. Und wenn man an dieser Stelle doch etwas lachen muß und sagt, das deutsche Buch liege also doch eher so unter der Wahrnehmungsschwelle, entgegnet Riky Stock: keineswegs - denn Deutschland liege damit auf dem dritten Platz, gleich hinter Frankreich und Spanien. Außerdem sei sie sicher, daß es weiter aufwärtsgehe.

Dabei sind die Voraussetzungen eigentlich schlecht. Es gibt in den amerikanischen Verlagshäusern fast keine Lektoren mehr, die Deutsch lesen können. Außerdem wurde in der kurzen Zeit des deutschen Erzählbooms vor rund sechs Jahren für einige Rechte sehr viel Geld ausgegeben, das bei weitem nicht wieder eingespielt wurde. Doch die aktuelle Entwicklung stehe auf einer soliden Basis, sagen alle. In Deutschland wird wieder gut und weltverständlich erzählt, die bezahlten Summen sind realistisch. Die deutschen Verlage erstellen Übersetzungsproben ihrer Bücher, es werden Lektorenreisen nach Deutschland organisiert, es entstehen mehr und mehr persönliche Kontakte.

Der Markt wächst stark nach Osten

Der amerikanische Markt ist zum Teil also ein Mythos, vor allem aber ein Signal für weltweiten Erfolg. Früher, heißt es, hatte man als deutscher Verleger das Gefühl, wenn man ein deutsches Buch nach England oder Amerika sandte, man werfe es in einen Watteberg: Man hörte nie wieder etwas davon. Inzwischen kommt wenigstens mitunter ein anschwellendes Echo zurück. Doch der wichtigste Markt ist natürlich nach wie vor der europäische. Frankreich vor Spanien, Holland und Italien. In dieser Reihenfolge wird es meistens genannt. Skandinavien sei in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Dafür schwärmen alle von Osteuropa. Der Wille zum deutschen Buch, der Einsatz, der Wissensdurst seien dort enorm.

Der Markt in Rußland, Rumänien und im Baltikum wächst kontinuierlich. Leider gibt es dort nur wenig zu verdienen. „Aber natürlich geben wir da auch gerne mal eine Lizenz für 500 Euro nach Kroatien. Für den Autor ist das wichtig“, sagt Sabine Oswald vom Berlin-Verlag. Und der wichtigste Markt außerhalb Europas scheint Südkorea zu sein. Viele Lizenzen würden dorthin verkauft, auch wenn Beobachter auf der Buchmesse in Seoul auf dem deutschen Gemeinschaftsstand vor allem Esoterikbände und Kinderbücher sahen und den Eindruck gewinnen konnten, die Koreaner hinkten lesend der literarischen Entwicklung in Deutschland gute fünfzig Jahre hinterher.

Hoffnungsvolle Signale für die Bücherwelt

Doch die deutschen Verlage sind zufrieden. Auch ganz neu erdachte Instrumente wie der in diesem Jahr erstmals vergebene „Deutsche Buchpreis“ funktionieren. Das Buch des Preisträgers Arno Geiger, der beim Hanser-Verlag zuvor drei eher weniger erfolgreiche Bücher veröffentlicht hatte, verkauft sich international glänzend. „Ich bin im ganz umfassenden Sinne sehr zufrieden und glücklich“, sagt Friederike Barakat, von Hanser. Ausländische Verlage hatten den Autor schon länger beobachtet, und der Preis war jetzt das Signal, zu kaufen.

„Umfassend glücklich“. Wann hat man das in einer notorisch nörgelnden, zukunftsängstlichen Branche zuletzt gehört? Die Bücherwelt ist voller hoffnungsvoller Signale. Und es verkaufen sich eben nicht nur Romane mit Nazithematik, nur Krimis, nur Hochliteratur, nur Fantasy, nur Deutschlandbücher. Nein, alles stimmt. Die Welt will alles lesen. Auch der großartige, sehr literarische Roman „Alle Tage“ von Terezia Mora ist von achtzehn ausländischen Verlagen gekauft worden, ebenso wie Frank Schätzings Tausendseiter „Der Schwarm“, der sich in Deutschland der Millionengrenze nähert. In Amerika wird das Buch im Frühjahr erscheinen. Wahrscheinlich wird es der Autor am Ort gar nicht selbst erleben, da er unter kaum zu überwindender Flugangst leidet.

In jupiterhaften Gefühlen schwelgen

Auch Daniel Kehlmann hat gerade seine New Yorker Lesung wegen Grippe absagen müssen. Leider, denn Lesungen im Ausland, sagt Kehlmann und sagen viele, gehören zu den schönsten Momenten des Schriftstellerlebens. Hannes Stein sagte nach seiner Rückkehr aus Finnland, er habe sich dort zum ersten Mal im Leben als Star gefühlt.

Leonie Swann kommt soeben atemlos aus Paris und reist gleich weiter zu ihrer Buchvorstellung in den Niederlanden, und Michael Wallner schwelgt immer noch im jupiterhaften Gefühl in Berlin. Doch gratulieren läßt er sich zu den internationalen Erfolgen nicht. Er sei ein deutscher Autor, sagt er. Erfolg sei für ihn hier oder nirgendwo. Die Welt kann schon mal feiern.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.11.2005, Nr. 45 / Seite 25
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