Peter Hacks über Kommunismus

Alle 25 Jahre ein Faschismus

Von Dietmar Dath
 - 22:36

Einerseits war der Dramatiker und Lyriker Peter Hacks ein entschlossener Widersacher sämtlicher Bemühungen, die Kunst zum politischen Kampfknüppel zu verkürzen. Wiederholt hat er erklärt, es gebe zum Beispiel überhaupt keine kommunistische Kunst, wenn auch Kunst von Kommunisten. Andererseits ist vom selben Mann das Wort überliefert, jeder Kommunist sollte mindestens einmal im Leben ein Buch über den Kommunismus schreiben.

Hätte Hacks selbst so ein Buch geschrieben, wäre es vielleicht kein Kunstwerk, wohl aber eine Arbeit im „vollständigen Deutsch“ vom Fluch bis zum Hauch, das er bei Arno Schmidt gelobt hat. Alle von Hacks überlieferten politischen Äußerungen bewegen sich auf der schriftstellerischen Höhe seiner „Maßgaben der Kunst“, einer Sammlung ästhetischer Essays, die von Martin Mosebach bis Sahra Wagenknecht bewundert wird, also quer durch den Gesinnungsgarten.

Man durfte bis heute denken, dass Hacks selbst seinen Rat an alle anderen Kommunisten nicht beherzigt hat. Für alle, die sich gern Gedanken in erstklassigem Deutsch darlegen lassen, ist die Nachricht des Jahres 2018 nun, dass es ein Buch über den Kommunismus von Hacks beinah doch noch gegeben hätte, und besser: dass es so ein Buch in Teilen tatsächlich gibt, hochinteressante Teile zudem. Umrahmt wird der unter dem Titel „Marxistische Hinsichten. Politische Schriften 1955 – 2003“ nun erschienene Fund von Texten, die es vor Jahren schon einmal in dem mittlerweile nicht mehr lieferbaren Band „Am Ende verstehen sie es. Politische Schriften 1988 – 2003“ zu lesen gab, der außerdem den nun fortgelassenen, aber sehr instruktiven Briefwechsel des Dichters mit dem Historiker Kurt Gossweiler aus den Jahren 1997 bis 2003 enthielt.

Klassiker der linken Publizistik

Übernommen hat Heinz Hamm, der im Auftrag der Peter-Hacks-Gesellschaft handelnde Herausgeber aus dem älteren Buch ein paar Klassiker der linken deutschsprachigen Publizistik aus der Zwei-Staaten-Zeit. Darüber hinaus etwa die Bilanz und kritische Überwindung der sozialistischen Niederlage in „Die Schwärze der Welt am Eingang des Tunnels“ (1990) oder die vielzitierten Sätze aus der Einleitung seiner damals sehr weit verbreiteten Aufsatzsammlung „Das Poetische“ von 1972, in denen Hacks klarstellt, er habe „niemals, selbst zur Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders nicht, einen wichtigeren Einwand gegen den Kapitalismus erhoben, als dessen Unfähigkeit zu produzieren.

Oder wie soll man das nennen, wenn eine Gesellschaft ihre Stahlkapazität selten mehr als zur Hälfte auslastet, wenn sie den Möglichkeiten neuerer Produktionsinstrumente (wie etwa denen der Atom- und Reglertechnik) mit stümpernder Hilflosigkeit begegnet, wenn sie alle 25 Jahre einen Faschismus und im parallelen Zyklus einen Krieg erzeugen muss, um nicht in ihrem eigenen, schlecht verteilten Fett zu ersticken?“

Theoriegeschichtliche Beweisstücke

Neu ausgegraben ist ein glänzender Brief aus dem Todesjahr 2003, an Johannes Oehme, eine jungen Genossen, der wacher als die meisten auf jede Regung deutscher militaristischer Langfinger achtete, die etwa nach Russland greifen mochten. Dem revolutionären Feuer des Jüngeren begegnet Hacks abgeklärt freundlich: „Wenn Sie die Meinung eines Menschen hören wollen, der das Recht hat, Sie mit Erfahrungen zu langweilen: Man wird jede Revolution billigen und befördern, aber man hüte sich, irgendeine von ihnen zu lieben.“

Zur so übermittelten Nachricht, dass Hacks die Jugend bis zum letzten Atemzug gefördert und beachtet hat, gesellen sich die großen Nachlassfunde, teils Mit- und Abschriften von Zeitgeschichte samt Analyseskizzen, vor allem aber eben die „Niederschriften zugehörig einem Projekt mit dem Titel ‚Marxistische Hinsichten‘“ – das verlorene, nun geborgene Buch eines Kommunisten über Kommunismus, nicht ganz hundert Seiten hier, an denen man gleichwohl ablesen kann, was für ein ungeheurer Band dies geworden wäre.

Besonders erhellend, ja geradezu befreiend – nämlich vom Muff der universitären und para-universitären Marxologie zwischen „Rekonstruktion“ und „Wertkritik“ – sind Lektüren, die Hacks Texten gönnte, deren Rang und Rolle in der langen Reihe von Schriften, welche auf Marx antworten, ohne den erläuternden Leser Hacks vielleicht für immer ungeklärt, jedenfalls aber vernachlässigt blieben. Man glaubt ja wohl noch, dass Lenin in diesem Zusammenhang Wichtiges zu sagen hatte, aber dass das auch für Walter Ulbricht gelten soll, erscheint aus Gründen der geistigen Hierarchie zwischen Denkern (ganz oben) und Politikern (oh je), die jeder, auch der marxistische Kanon kodifiziert, wohl den meisten an Marx Interessierten eher unplausibel.

Hacks jedoch kann zeigen, dass dieser Augenschein nicht einfach daran liegt, dass Marx ein Philosoph war und Ulbricht bloß ein Apparatschik, sondern daran, dass man historische Probleme stets aufregender findet, wo sie erstmals formuliert werden und die Freiheitsgrade der Deutung noch nicht durch historische Lösungsversuche eingeengt sind. Hacks erinnert daran, dass das wichtigste der von Marx behandelten Probleme die schwer erreichbaren sozialen Ziele „reiche Gleichheit“ und „qualifizierte Freiheit“ betrifft, zu denen ausgerechnet Ulbricht ein paar ziemlich spannende Vorschläge hatte – zum Missfallen der Russen übrigens, die ihn (nicht nur dafür) absägten. Was aus den Entdeckungen, die Hacks präsentiert, mehr als theoriegeschichtliche Beweisstücke macht, nämlich Zeichen einer Zeit, die erst vor kurzem verging und immer noch nachwirkt.

Peter Hacks: Marxistische Hinsichten. Politische Schriften 1955–2003. Hrsg. von Heinz Hamm, Eulenspiegel Verlag, Berlin 2018. 508 S., geb., 19,99 €.

Quelle: F.A.Z.
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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