Reaktionen zum Tod Reich-Ranickis

Der Unerschrockene

 - 17:14

Er, den die Deutschen einst aus ihrer Mitte vertrieben haben und vernichten wollten, besaß die Größe, ihnen nach der Barbarei neue Zugänge zu ihrer Kultur zu eröffnen. Mit Marcel Reich-Ranicki verliert die deutsche Literatur ihren leidenschaftlichsten Streiter und ihren entschiedensten Anwalt.“

Joachim Gauck

* * *

„Wir verlieren in ihm einen unvergleichlichen Freund der Literatur, aber ebenso der Freiheit und der Demokratie.Ich werde diesen leidenschaftlichen und brillanten Mann vermissen.“

Angela Merkel

* * *

„Er war der Sohn eines gescheiterten Vaters. Das hatte er mit Heine gemeinsam. So auch die Unerschrockenheit, den Witz und eine versteckte Trauer. Hätte er den Verlust der Geborgenheit in der Familie nicht so früh schon bestehen müssen, wäre er der späteren Verfolgung vielleicht nicht gewachsen gewesen. Bei Heine und Börne lernte er, wie man mächtig werden kann durch das Wort. Das wollte er, und er wurde es. Die Begeisterung seiner Leser war seine gefährlichste Waffe. Er brauchte sie zu seinem Schutz, weil er der Geschichte nicht traute, und er setzte sie ein zur Verherrlichung jener Literatur, die er liebte. Es war nicht die ganze, aber doch ein weites Feld.“

Peter von Matt

Der Germanist Peter von Matt, geboren 1937, veröffentlichte zuletzt „Das Kalb vor der Gotthardpost. Zur Literatur und Politik der Schweiz“.

* * *

„Mit dem Tod von Marcel Reich-Ranicki verliert die halb mythische Region mit dem Namen Mitteleuropa viel von ihrer kulturellen Identität. Nicht nur ein großer Kritiker der Literatur in mehreren Sprachen ist gestorben. Mit ihm verschwindet die Rolle, die er gespielt hat, aus der Welt, die Rolle des gefürchteten und verehrten Richters des literarischen Geschmacks in der der deutschsprachigen Welt. Es gab einen Stammbaum, der Reich-Ranicki über die Jahrzehnte mit Karl Kraus verband.

Diese Dynastie ist nun ausgestorben. Sein Typus der Kritik, gelehrt, aber leidenschaftlich, genoss eine Autorität, wie sie in der englischsprachigen Welt seit dem Tod von F. R. Leavis und Edmund Wilson selten geworden ist. Seine Urteile konnte er mit einer zerstörerischen Schärfe abgeben, die in Großbritannien oder Amerika undenkbar wäre.

Was er für Verlogenheit hielt (wie in seiner unfairen Behandlung von Günter Grass), wollte er nicht tolerieren, aber einfühlsam ging er mit Integrität unter Belastungen um (er liebte die komplizierte Lyrik von Julian Tuwim). Vielleicht war seine größte Leistung dies: dass ein polnischer Jude, der das Warschauer Ghetto überlebt hatte, sein Engagement für die deutsche Kultur natürlich und unvermeidlich aussehen ließ.“

Neil Ascherson

Neil Ascherson, 1932 in Edinburgh geboren, ein Schüler des Historikers Eric Hobsbawm, war Mitteleuropakorrespondent der englischen Wochenzeitung „The Observer“ mit Sitz in Bonn. Der Autor mehrerer Bücher zur osteuropäischen und insbesondere polnischen Geschichte rezensierte 2002 die englische Übersetzung von „Mein Leben“ in der „New York Review of Books“.

* * *

„Arbeiten Sie? war immer die erste Frage, eher ein Befehl, die er am Telefon stellte. Nicht wie geht es Ihnen,( später Dir)? Wie geht es Klaus? Arbeiten, Schreiben: das zählte für ihn. Nur eines war noch wichtiger: Kopf hoch! Für so manches Kopf hoch war und bin ich Marcel Reich-Ranicki dankbar.

Über 35 Jahre ist es her, dass er zu mir sagte: Schicken Sie! Gedichte nämlich, die geschrieben zu haben, ich ihm nach einer hitzigen Debatte über Frauenliteratur im ORF gestanden hatte. Sie wurden gedruckt. Es war der Beginn einer unmöglichen Beziehung, der zwischen Autor und Kritiker, einer Beziehung, die über die Jahre zu einer Freundschaft auch zwischen unseren Familien wurde. Nicht immer einfach. Mitunter kontrovers, wie sich manch einer erinnern wird, als es im Literarischen Quartett um meinen Roman „Das verborgene Wort“ ging. Jedenfalls nie langweilig.

Fehlt er mir? Fehlt er dem, was man den „Literaturbetrieb“ nennt? Muss ich hier noch einmal bekräftigen, was sicher nun die Zeilen landauf landab füllen wird: dass er ein bedeutender Kritiker war? In meinen Augen zudem und zuvörderst ein bedeutender Anwalt der Literatur. Nicht zuletzt als Erfinder der „Frankfurter Anthologie“. Hier vor allem, in seiner Liebe zur Lyrik, fielen Passion und Profession für ihn zusammen. Doch mehr noch als die Literatur liebte Marcel Reich-Ranicki die Musik, diese Schwester der Lyrik. Begeistert war er von den „Meistersingern“, dieser Oper für Schriftsteller und Kritiker, wie er sie nannte. „All Dichtkunst und Poeterey/ist nichts als Wahrtraumdeuterey“ erklärt da Hans Sachs seinem Schüler Stolzing. Das letzte Haiku in meinen „Gesammelten Gedichten“ schrieb ich in Gedanken an Marcel Reich-Ranickis: Schreiben Sie?

traum vom schreiben
ohne worte zu machen
wahrtraumdeuterey.“

Ulla Hahn

Die Lyrikerin Ulla Hahn, geboren 1946, veröffentlichte zuletzt den Gedichtband „Wiederworte“.

* * *

„Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es Reich-Ranicki dank seiner ebenso zarten wie obsessiven Liebe zur Literatur, die Barbarei des Nationalsozialismus hinter sich zu lassen und der wahre Wächter von Deutschlands größten Leistungen zu werden. Als Jugendlicher seiner geliebten Bücher beraubt, trug er eine ganze Welt in seinem Kopf.“

Jacob E. Heilbrunn

Jacob E. Heilbrunn ist Senior Editor der Zeitschrift „The National Interest“. Er veröffentlichte das Buch „They Knew They Were Right: The Rise of the Neocons“ und hält sich in diesen Tagen zur Berichterstattung über die Bundestagswahl in Deutschland auf.

* * *

„Marcel Reich-Ranicki und ich haben unterschiedliche jüdische Schicksale gehabt. Wir entdeckten aber immer wieder, dass uns die Flüchtlingserfahrung verband. Unsere Gespräche kreisten oft um unsere Beobachtungen als Rückkehrende. In der Literatur fanden wir ebenfalls zueinander. Wenn wir uns in Frankfurt trafen, meist im Hause von Joachim Fest, unterhielten wir uns über den Kanon des neunzehnten Jahrhunderts, über die Vertreter des Jungen Deutschland, über das Schicksalsdrama und über vergessene Autoren wie Michael Enk von der Burg und Friedrich Halm. Der Weltbürger, der in der tiefsten Not des Warschauer Gettos und des barbarischen Vernichtungskrieges Trost in der Lyrik der großen deutschen Dichter suchte und fand, hat uns die alles überstrahlende Macht großer Literatur vorgeführt. Dass der oft erbarmungslose Kritiker auch ein Förderer junger Talente war, beweist seine Integrität. Mit seinen kompromisslosen Schriften reiht er sich als Jude, als Deutscher, als Weltbürger unter die überragenden Figuren seiner Zunft ein.“

Lord George Weidenfeld

George Weidenfeld, geboren 1919 in Wien, ist Begründer des Verlags Weidenfeld & Nicholson und der englische Verleger von Marcel Reich-Ranicki.

* * *

„Marcel Reich-Ranicki hat die Welt der deutschen Literatur im vergangenen halben Jahrhundert geprägt wie wahrscheinlich kein Intellektueller vor ihm. Als Kritiker von Neuerscheinungen übertraf ihn niemand an Deutlichkeit. Sein Urteil konnte Schriftstellerkarrieren möglich machen und beenden. Wegen seines scharfen Witzes geliebt und gefürchtet, war er im ganzen Land als Literaturpapst der Nation bekannt – der einzige jüdische Inhaber dieses Amtes in der Geschichte der neueren deutschen Literatur. Von seinen 1999 erschienenen Memoiren „Mein Leben“ wurden mehr als 1,2 Millionen Exemplare verkauft. Dieses Buch ist der bewegende Bericht über die von tiefen Konflikten gekennzeichnete Identität eines Juden, der nach dem Holocaust wieder in Deutschland lebte.

Schon als polnischer Junge auf Besuch in Berlin hatte er sehr gemischte Gefühle. Seine anfängliche „Angst vor dem deutschen Rohrstock” verschmolz bald mit der wachsenden Faszination der detschen Kultur: „Zu der Angst kam also das Glück hinzu – zur Angst vor dem Deutschen das Glück, das ich dem Deutschen verdanke“. In „Tonio Kröger“, Thomas Manns berühmter Adoleszenznovelle, deren Protagonist das Leben fürchtet und sich nach ihm sehnt, fand er das Modell für seine eigene Existenz: „Diese Furcht und diese Sehnsucht gehören zu den Leitmotiven meines Lebens.“

Bald nahmen seine diffusen Ängste und Begeisterungszustände in Sachen Deutschland in zwei markant gegensätzlichen Persönlichkeiten Gestalt an: „Deutschland – das sind in meinen Augen Adolf Hitler und Thomas Mann. Nach wie vor symbolisieren diese beiden Namen die beiden Seiten, die beiden Möglichkeiten des Deutschtums.“ „Verkehrte Welt“, dieser literarische Topos aus der Vorstellungswelt der deutschen Romantik, wurde furchtbare Wirklichkeit im Warschauer Ghetto. Um wenigstens für eine kurze Zeit den vielen erniedrigenden Erfahrungen des Lebens im Ghetto zu entkommen, organisierte Reich-Ranicki mit der Hilfe des Judenrats viele Konzerte. this literary trope from the imaginary realm of German Romanticism, representing an inverted if not perverted world, became a gruesome reality in the Warsaw Ghetto.

Die reichen musikalischen Begabungen und Traditionen des osteuropäischen Judentums waren im Ghetto lebendig. Es gab drei Streichquartette und mehrere begabte Pianisten, Geiger und Sänger. Gemeinsam spielten sie mit verzweifelter Hingabe: „Haydn und Mozart, Beethoven und Schubert, Weber und Mendelssohn-Bartholdy, Schumann und Brahms, also, wie überall in der Welt, vornehmlich deutsche Musik“. Im Rückblick bekannte Reich-Ranicki; „Bis heute bereitet mir keine Oper mehr Freude, mehr Glück als die ,Meistersinger‘. Und keine trifft mich tiefer und erregt mich stärker als ,Tristan und Isolde‘“. So war es der Erkennungsklang des Dritten Reiches, sein wagnerianischer Wille zur Macht, der auch die Opfer aufrichtete und ihnen einen Aufschub des Außersichseins vor der fast sicheren Vernichtung gewährte.

Die Frage, warum es ihm vergönnt war, den Holocaust zu überleben, sollte Reich-Ranicki den Rest seines Lebens lang verfolgen. Als er 1994 eingeladen wurde, eine Rede in der Reihe „Reden über das eigene Land“ zu halten, antwortete er: „Ich habe kein eigenes Land, keine Heimat und kein Vaterland.“ Aber als er ein Kind in Polen gewesen war, hatte die Mutter dem Sohn die deutsche Kultur als ihr gelobtes Land beschrieben, und an dieser Verheißung hat Reich-Ranicki festgehalten. Durch den Besuch eines deutschen Gymnasiums hatte er sich das Wichtigste an der deutschen Kultur angeeignet: „Ich hatte aus dem Land, aus dem ich vertrieben wurde, die Sprache mitgenommen, die deutsche, und die Literatur, die deutsche.“

Über seine Rückkehr ins ausgebombte Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit schreibt Reich-Ranicki: „Nicht Rachsucht trieb mich nach Berlin, sondern Sehnsucht.“ Es war die Sehnsucht nach der deutschen Kultur. In der Nachfolge des deutschjüdischen Dichters Heinrich Heine, des prominentesten Emigranten der deutschen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, erklärt Reich-Ranicki die deutsche Literatur zu seinem „portativen Vaterland“. Am Ende der Memoiren blickt Reich-Ranicki zurück auf den kometenhaften Aufstieg, der eine kulturelle Institution aus ihm gemacht hat. Er legt sich die Frage vor: „War es mein Ehrgeiz, die Tradition der Juden in der Geschichte der deutschen Literaturkritik, an die ich doch längst angeknüpft hatte, auf einem leitenden Posten und in aller Öffentlichkeit, vielleicht sogar demonstrativ fortzusetzen? Gewiss.“

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der Flüchtling aus Hitlerdeutschand, der sich im polnischen Hinterland vor Hitlers Handlangern versteckte, überleben sollte, um der oberste Richter der deutschen Literatur zu werden, Deutschlands „Herr der Bücher“, wie ihn der „Spiegel“ 2001 nannte. Der Autor schließt sein Erinnerungsbuch mit einer Reminiszenz an Willy Brandt ab, dessen Kniefall vor dem Denkmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto Schlagzeilen auf der ganzen Welt produzierte. Im Jahre 1990 traf Reich-Ranicki Brandt in Nürnberg. Der ehemalige Bundeskanzler, schon von seiner tödlichen Krankheit gezeichnet, fragte ihn, wie er das Warschauer Ghetto überlebt habe: „Als ich mit meinem kurzen Bericht fertig war, hatte jemand Tränen in den Augen.

Willy Brandt oder ich? Ich weiß es nicht mehr. Aber ich weiß sehr wohl, was ich dachte. Als ich 1970 das Foto des knieenden deutschen Bundeskanzlers sah, da dachte ich mir, dass meine Entscheidung, 1958 nach Deutschland zurückzukehren und mich in der Bundesrepublik niederzulassen, doch nicht falsch, doch richtig war.“ Für Deutschland war Reich-Ranickis Rückkehr ein Segen. Heute ehrt ihn das Land nicht nur als kulturelle der Bundesrepublik Deutschland, aber auch als herausragenden Vertreter der zweihundert Jahre alten deutsch-jüdischen kultirellen Symbiose, die mit der Freundschaft von Moses Mendelssohn und Gotthold Ephraim Lessing im Zeitalter der Aufklärung begonnen hatte.

Diese deutsch-jüdische Affinität und kulturelle Produktivität erreichte ihren Höhepunkt in der Weimarer Republik, nur um im Holocaust zerstört zu werden. So ist Reich-Ranicki eine echte deutschjüdische Janusgestalt. Er blickt nicht nur zurück auf das kulturelle Erbe der jüdisch-deutschen Geschichte und ihr Ende in der Katastrophe, sondern auch voraus auf einen neuen Anfang der Beziehungen von Deutschen und Juden, dessen wichtigster Repräsentant er ist.“

Frederick A. Lubich

Frederick A. Lubich, geboren 1951 und in Deutschland aufgewachsen, ist Professor für Germanistik an der Old Dominion University in Norfolk, Virginia. Er veröffentlichte die Bücher „Die Dialektik von Logos und Eros im Werk von Thomas Mann“, „Max Frischs ‘Stiller‘, ‘Homo faber‘ und ‘Mein Name sei Gantenbein‘ - Modellanalysen zur deutschen Literatur“ und „Wendewelten: Paradigmenwechsel in der deutschen Literatur- und Kulturgeschichte nach 1945“, außerdem Aufsätze zum deutsch-jüdischen Verhältnis sowie Essays und Gedichte.

* * *

„Er wird uns fehlen, sein Temperament, seine Geistesgegenwart, sein Zorn, seine Zärtlichkeit. Er hat uns eine große Geschichte hinterlassen: Sein Leben.“

Rachel Salamander

Rachel Salamander, Jahrgang 1949, ist Literaturwissenschaftlerin und Buchhändlerin und zählte zum engsten Freundeskreis Marcel Reich-Ranickis.

* * *

„Ich rezensierte Marcel Reich-Ranickis umfangreiches Memoirenbuch einen Monat nach dem Fall der World-Trade-Center-Türme in New York, während ich es mir auf Long Island gemütlich machte. Mein Sohn ging noch zur Schule. Ich bin erwachsen geworden, ebenso wie mein Sohn; aber die Erinnerungen an Marcel Reich-Ranickis kompliziertes Leben rufen immer noch ein Echo in mir hervor, nach dieser langen Zeit. Ich erinnere mich daran, dass mich damals noch der Zwang bedrückte, die Dinge in Schubladen zu stecken. Richtig und falsch, gut und böse – Gegensätze zogen mich an, insbesondere in den Fällen, wenn ich mich bequem auf der einen Seite einer Gleichung postierte und versuchte, die andere mit Rhetorik und gerechtem Zorn kurz und klein zu machen. Das war einmal.

Reich-Ranicki verkörperte all die Komplikationen im Leben eines intelligenten Menschen, dem unglücklicherweise etwas unendliches Leid eintrug, das er für einen zufälligen Begleitumstand seiner Geburt hielt: sein jüdisches Erbe. Er wurde 1920 als Sohn jüdischer Eltern in Polen geboren und 1938 von Berlin nach Polen deportiert, wo er im Warschauer Ghetto interniert war. Er war ein Mitglied des jüdischen Widerstands, ein Übersetzer für den Judenrat und ein Opfer der nationalsozialistischen Gewalt. Seine Eltern wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Aber nach dem Krieg kehrte er zurück und verschrieb sich im Schreiben und Lesen seiner Liebe zur großen Literatur .

In seinem unglaublichen Erinnerungsbuch „Mein Leben“ ruft er sich ins Gedächtnis, dass sein Vater ein sanfter jüdischer Herr war, der wollte, dass er Hebräisch lernte. Die Mutter überstimmte den Vater und schickte den Rabbiner, den der Vater bestellt hatte, wieder fort. Zornig sprach sie den Wunsch aus, nichts mehr mit dem jüdischen Glauben zu tun zu bekommen. Sie hatte schon genug. Als die Familie nach Berlin umzog, verliebte sich Marcel hoffnungslos in die deutsche Literatur. Während Antisemitismus überall um ihn herum aus dem Boden schoss, lehnte er den Vorschlag seines Vaters ab, er solle ihn zur Synagoge begleiten. Er hatte keine Zeit für die Synagoge, sondern nutzte seine Mußestunden, um Schiller und Kleist zu lesen, Büchner, Gottfried Keller und Theodor Storm so wie fast alles andere.

Er war berauscht vom Lesen; höchstwahrscheinlich rettete es ihn vor den brutalen Erinnerungen an die Demütigungen seiner jüdischen Leidensgenossen, die er im Warschauer Ghetto mit angesehen hatte. Insbesondere eine Erinnerung suchte ihn immer wieder heim: der Anblick einer Jüdin, der befohlen wurde, sich vor aller Augen zu entkleiden und mit ihrer Unterwäsche die Straße sauberzumachen, und die dann zum Urinieren gezwungen wurde. Es gelang Reich-Ranicki zu entkommen; das war sein erstes erstaunliches Kunststück. Seine Eltern gingen zugrunde. Irgendwie fand er durch ein Abrissgebäude den Weg ins Freie; er machte sich in Polen unsichtbar, bis es sicher war, wieder aufzutauchen. Aber seine erstaunlichste Neuerfindung war seine Rückkehr nach Deutschland, wo er einen Weg fand, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, nachdem er erfahren hatte, dass seine gesamte Familie ermordet worden war, außer seiner Frau und einer Schwester.

Er war vierundzwanzig Jahre alt, aber diejenigen, die ihn nach dem Krieg sahen, gaben an, er sehe aus wie fünfzig. Für eine kurze Zeit flirtete er in Polen mit dem Kommunismus, aber als die Dinge schwierig wurden und viele Juden nach Israel flohen, ging er zurück nach Deutschland. In meiner Rezension schrieb ich: „War er verrückt? Auf der Suche nach Gespenstern? Warum ging er nicht nach Israel? Warum ging er dorthin zurück? Vielleicht hatte er das Gefühl, dass es auf die Geographie nicht mehr ankam; Juden waren nirgendwo sicher.” In Deutschland erreichte er ungeheuren beruflichen Erfolg mit dem Rezensieren von Büchern, die ihn wie nichts anderes am Leben erhielten. Zwölf Jahre sind vergangen, seit ich sein Buch gelesen habe. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich meiner damals achtundsiebzigjährigen Mutter von ihm erzählte: Sie verzog ihre Lippen vor Geringschätzung und murmelte, er sei ja wohl hoffnungslos „meschugge“.

Heute ist sie quicklebendige neunzig Jahre alt und würde sich wohl immer noch ähnlich äußern. Von ihr hatte ich gelernt, dass die Dinge schwarz und weiß zu sein hätten, richtig und falsch, gemäß den in Stein gemeißelten Regeln einer unveränderlichen Moral. Aber die Welt war damals komplizierter als jede Ideologie und ist es heute noch, so kompliziert wie wir Menschen. Reich-Ranicki hatte Furchtbares erlitten, wollte sein Opferdasein nicht länger ausdehnen als unbedingt nötig, und suchte nach einem Weg, sein Leben wieder in Besitz zu nehmen. In Deutschland, wo die Pläne zur Vernichtung seiner Familie ausgeheckt worden waren.

Ich möchte mir vorstellen, dass er einen Teil dieses Lebens zurückbekam und irgendwie einen Weg fand, mit den Geistern und Dämonen zu leben, mit Schuld, Scham und Ambivalenz, die seine ständigen Begleiter sein mussten. Sein Tod macht mich traurig. Leise meldet sich in mir immer noch der Wunsch, dass er einen Weg hätte finden mögen, sein Judentum anzunehmen, in welcher Gestalt oder Form auch immer, ohne Angst und Vorwürfe und mit etwas von jener Neugier, die er auf die größten Denker der Welt verwendete. Aber ich glaube nicht, dass er in der Lage war, so weit zu reisen.“

Elaine Margolin

Elaine Margolin, geboren 1956, lebt als Essayistin und Kritikerin für Organe wie „Forward“, „The Jewish Journal“ und „The Jerusalem Post“ in New York.

* * *

„Mir fehlt jegliche Autorität, Marcel Reich-Ranicki von einer anderen als der persönlichen Seite zu beschreiben: als Bewunderer und Freund. Die Verehrung rührt aus frühen Jahren, als wir literarische Wortgefechte von ihm auf Tonbandkassetten austauschten, so wie man sich heute Youtube-Schnipsel zumailt. Die Imitation eines Streitgespräches zwischen ihm und August Everding hat lange zu meinem privaten Partyprogramm gehört, ich kann Teile davon heute noch wortwörtlich zitieren.

Unsere etwas eigentümliche Freundschaft hat sich aus mehreren persönlichen Begegnungen entwickelt, die fast immer auf meinem Terrain stattgefunden haben, in das sich Marcel Reich-Ranicki, überraschenderweise, gern begeben hat. Schon in den frühen Neunzigern konnte ich ihn in meiner „Late Night Show“ zu einem gemeinsamen Auftritt mit der Erotik-Ikone Teresa Orlowski überreden. Gänzlich entspannt übernahm er mit funkelnden Äuglein teilweise die Gesprächsführung und überraschte mich und die Zuschauer mit kompetenten Fragen zum beruflichen Alltag der Dame. Später, bei einem Auftritt in „Wetten, dass..?“, beklatschte er fröhlich eine alberne Tanzeinlage von mir mit dem amerikanischen Star Will Smith.

Marcel war sich für nichts zu schade, wenn es ihm unterhaltsam erschien und ihn nicht langweilte. Er, dem in seinem Leben nichts Schreckliches erspart blieb, war zu einer fast kindlichen Freude fähig. Da wurde bei ihm eine Leichtigkeit und Lockerheit sichtbar, die vielen, vor allem deutschen Intellektuellen, völlig fehlt.

Mit der war es aber schnell vorbei, als man ihm die deutsche Fernsehwirklichkeit in komprimierter Form anlässlich des Fernsehpreises vor Augen führte und gleichzeitig versuchte, ihn für dieses Medium durch die Überreichung einer Auszeichnung gleich mit zu vereinnahmen. Wie oft habe ich es erlebt, dass sich Menschen – und ich nehme mich da keineswegs aus – vor der Kamera reflexhaft verbiegen. Ich kenne den Zwang, das zu sagen oder zu tun, was der Zuschauer vor dem Schirm erwartet. Marcel kannte diesen Zwang offensichtlich nicht, und wenn er ihn kannte, hat er sich ihm nicht unterworfen. Er hat nie in seinem Leben das gesagt, was man von ihm hören wollte, und selten das getan, was man von ihm erwartet hat. Und er hat sich auch damals die Freiheit genommen, mir den Preis verbal um die Ohren zu hauen.

Seit diesem Moment, den offensichtlich nur wir beide keine Sekunde als peinlich empfunden haben, waren wir so etwas wie befreundet. Mir war immer etwas bange, diese Beziehung könnte als mein Versuch missdeutet werden, in seinem Windschatten aus den seichten Gewässern meines Berufsstandes in die Bedeutungstiefe seiner Welt hinterherzusegeln. Und als er mir bei einem Dinner auf der letzten Buchmesse in seiner Art, die keinen Widerspruch duldete, den Platz neben sich zuwies, war ich in der Tat mächtig stolz in meiner Position als Lieblingsjünger des Herrn. Aber selbst für solche Eitelkeiten hatte er Verständnis. Er wusste, dass diese Eigenschaft zu unserem Beruf gehört. Er hatte sie nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei Thomas Mann und Schiller ausgemacht. Mit Marcel Reich-Ranicki war man immer in guter Gesellschaft.“

Thomas Gottschalk

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMarcel Reich-RanickiSchweizORF