Rezension: Sachbuch

Das Zentrum liegt am Rande

 - 12:00

Es wird wohl kaum einem Besucher der National Gallery in London auffallen, daß die längste Sichtachse innerhalb des ganzen Hauses von zwei gemalten Totenschädeln gerahmt wird. Hängt am nördlichen Ende, im Saal 25, das kleine "Portrait eines Jünglings mit einem Schädel" von Frans Hals, so findet sich, sieben Säle weiter in Raum 4 als sein Pendant zur Seite des Trafalgar Square, das ungleich berühmtere Gemälde der zwei "Gesandten" von Hans Holbein dem Jüngeren. Gewiß nicht erst seit seiner vor fünf Jahren abgeschlossenen, inzwischen allerdings nicht unumstrittenen Restaurierung ist dieses Bild mit dem - durch die anamorphotische Darstellung riesengroßen - Totenschädel, mit den zwei einzigartigen Porträts der französischen "Gesandten" und mit der minutiösen Schilderung einer Etagere voller astronomischer und musikalischer Instrumente eines der glanzvollsten und populärsten Werke der ganzen Sammlung.

Von der Popularität dieses außergewöhnlichen Gemäldes zeugen nicht allein tagtäglich Besuchermassen, die sich davor drängeln. Denn wenn man nur wollte, könnte man das Bild inzwischen auch als Puzzle (tausend Teile), als Radiergummi oder gar als Kühlschrankmagnet mit nach Hause nehmen.

All dies steht jedoch in einem eigenwilligen Mißverhältnis zum spärlichen Wissen, das die Renaissance-Forschung in den zurückliegenden Jahrzehnten zu den "Gesandten" zusammentragen konnte. Bereits 1900 konnte Mary Harvey die Porträtierten zweifelsfrei identifizieren. Demnach sehen wir zur Linken Jean de Dinteville, der in jenem Jahr 1533 französischer Gesandter am Hof Heinrichs VIII. von England war, als sich der Konflikt zwischem dem Papst und dem König bis hin zum Abfall Englands vom Katholizismus zuspitzte. Zur Rechten steht Georges de Selves; genau wie Dinteville ein Karrierediplomat, allerdings im Dienst der Kirche, denn bereits im Alter von siebzehn Jahren wurde er Bischof von Lavaur. Das Gemälde entstand, wie wir aus erhaltenen Briefen Dintevilles wissen, anläßlich eines Besuches des jungen Geistlichen bei seinem Freund im Frühjahr 1533 in London. Hier enden bereits die gesicherten Kenntnisse; wesentliche Fragen bleiben unbeantwortet: Warum schauen die beiden Diplomaten so auffallend düster und ernst drein? Welche Funktion haben die zahlreichen Instrumente, die doch selbst bei flüchtiger Betrachtung ein enormes Maß an gelehrter Beschäftigung zu erkennen geben? Und vor allem: Was hat der zu einem grausigen Grinsen verzerrte Totenschädel im Vordergrund zu bedeuten?

Nur spekulativ ließ sich bislang auf solche durchaus naheliegenden Fragen antworten: Der melancholische Blick der "Gesandten" wie auch die gesprungene Saite der Laute könnten auf die immer bedrohlicher werdende Religionskrise im Europa des frühen sechzehnten Jahrhunderts verweisen. Der Schädel ließe sich als ein "memento mori" verstehen, das an den Unterschied zwischen vergänglicher Wissenschaft und Kunst einerseits sowie tieferer und dauerhafter Wahrheit des Glaubens andererseits erinnert. Oder ist er gar als "hohles Bein" und damit als versteckte und reichlich morbide Signatur des Künstlers zu lesen?

Angesichts solcher interpretatorischer Blüten kann es kaum erstaunen, daß John Norths Monographie mit einem rigorosen rappel à l'ordre einsetzt. Sein Vorhaben ist, dem Prinzip nach, bestechend einfach; hinsichtlich der Durchführung scheinen die Schwierigkeiten aber unüberschaubar zu sein: Das "Geisterhaus" der allegorischen Deutung (so North in seiner Einleitung wörtlich) konsequent meidend, sollen - wohl zum ersten Mal überhaupt - alle in diesem Bild versammelten Instrumente und Objekte hinsichtlich ihrer Funktion und ihrer möglichen Zeichenhaftigkeit systematisch untersucht werden. Das mag einen eher akademischen Lustgewinn in Aussicht stellen, doch kann für die Lektüre dieses Buches ruhigen Gewissens noch mehr versprochen werden. Denn man hat hier an einer wahren historischen Detektivgeschichte teil. Mit einem ausdrücklich positivistischen - North selbst sagt: naturalistischen - Blick geht der Autor auf kunstgeschichtliche Spurensuche. Kein Detail ist unscheinbar genug, um nicht vor die Lupe des Wissenschaftshistorikers gehalten zu werden. Astronomie und Kosmologie (North ist ein ausgewiesener Historiker dieser Disziplinen), Kabbala und Zahlenmystik, Alchemie und auch Diplomatiegeschichte haben in diesem Buch ihren Auftritt. Hier werden "Indizien" kombiniert, "Entdeckungen" gemacht, "Geheimnisse" enthüllt; und ganz nebenbei wird erzählt, daß Heinrich VIII. den Ärmelkanal überquerte, um im damals noch englischen Calais mit dem französischen Dauphin Tennis zu spielen.

Der Ertrag dieser weit ausgreifenden detektivischen Arbeit ist erstaunlich: Ließ sich die Fülle der zwischen den beiden "Gesandten" aufgehäuften Objekte bislang allenfalls recht pauschal als ein Ausweis humanistischer Bildung verstehen, so kann North nach einer detaillierten Untersuchung der Globen und der beiden Sonnenuhren, des Quadranten und des Torquetums zeigen, daß all diese Instrumente gemeinsam höchst präzise den Ort und die Zeit der im Gemälde dargestellten Szene bezeichnen. Festgehalten ist demnach der 11. April 1533, zwischen drei und vier Uhr nachmittags in London. Im Jahr 1533 fiel der Karfreitag auf ebendiesen 11. April, und Christus starb nach der biblischen Überlieferung im Alter von 33 Jahren, und zwar um drei Uhr nachmittags, am Kreuz. Vor den Augen des Lesers verwandelt sich das gelehrt-humanistische Doppelporträt Holbeins in ein privates Andachtsbild, das den 1500. Todestag Christi, auf die Stunde genau berechnet, festhalten will.

Verdanken sich diese verblüffenden Einsichten der subtilen astronomischen und kosmologischen Lektüre des Gemäldes, so wendet North seine Aufmerksamkeit schließlich auf das Feld der Geometrie. Nahezu obsessiv spürt er dem sich im Bild allerorten wiederholenden Winkel von 27° nach: Im aufgeschlagenen Gesangbuch ist er zu finden und im Arithmetikbuch, in der polyedrischen Sonnenuhr und im Torquetum. Kann es da überraschen, daß der Sonnenstand in der ersten Todesstunde Christi um vier Uhr nachmittags 27° beträgt? Es ist aber nun eben diese Winkelzahl, die bei der Betrachtung des Totenschädels wiederkehrt: Die Anamorphose löst sich nämlich dann zu einer regulären Darstellung auf, wenn man, gerechnet von der Horizontalen, in einem Winkel von 27° von der rechten Seite her auf das Bild des Schädels herabschaut. Richtet man seinen Blick nun von diesem ungewöhnlichen Betrachterpunkt aus im selben Winkel nach oben, so kreuzt eine vom Auge ausgehende gedachte Linie die astronomischen Instrumente für die Bestimmung von Ort und Zeit, schließlich das linke Auge Dintevilles, um zuletzt auf das hinter dem grünen Vorhang kaum merkliche Kruzifix zu treffen. Am äußersten linken oberen Bildrand sind wir endlich im ideellen Zentrum des Gemäldes angekommen. Die berühmte Anamorphose wird als raffinierte Anweisung an den Betrachter verständlich. In wie vielen Reproduktionen von Holbeins Meisterwerk mag aber das Kruzifix schon versehentlich abgeschnitten worden sein?

Auf solche eindrucksvollen Entdeckungen gestützt, versucht North schließlich, eine Reihe weiterer Strukturen im Bild zu beschreiben, so daß am Ende seiner Analysen die beiden Gesandten in ein wahres Geflecht von Davidsternen und Horoskopquadraten, "St.-Michael-Rom-Linien" und "Handschuh-Achsen" eingeschnürt sind. Es ist North selbst, der zu bedenken gibt: "Nur schwer läßt sich absehen, wo man endlich aufhören sollte, einem noch so kleinen Detail Bedeutung abgewinnen zu wollen." Gleichwohl kann man aus John Norths Buch lernen, daß es mitunter nicht genügt, sich den verführerischen Inszenierungen von Museumskuratoren anzuvertrauen. Wer in der National Gallery den Weg von Saal 25 zu Saal 4, von Frans Hals zu Hans Holbein nimmt, sollte es daher nicht versäumen, einen ungewohnten Blick auf ein ungewöhnliches Gemälde zu werfen. Denn erst von seinem Rand her entfaltet sich eine höchst kunstvolle, ganz und gar erstaunliche Inszenierung aus der Zeit der europäischen Renaissance.

STEFFEN SIEGEL

John North: "The Ambassadors' Secret". Holbein and the World of the Renaissance. Hambledon and London, London, New York 2002. 360 S., geb., 25,- britische Pfund.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2002, Nr. 120 / Seite 46
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