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Rezension: Sachbuch

Fanfare für den Schund der steilsten Sorte

 - 12:00

Um die amerikanischen, die westlichen Werte hat man in den letzten Monaten einigen Lärm gemacht. Aber Werte kann man nicht lieben. Wie man auf eine Frau nicht dann aufmerksam wird, wenn sie besonders tugendhaft ist, sondern weil irgend etwas Besonderes, selbst ein Makel, den Blick festhält, so haben auch die Vereinigten Staaten einen oft verschwiegenen Sympathieträger ersten Ranges - den Schund. Wobei gleich hinzugefügt werden muß, daß wir mit "Schund" in diesem Fall nicht die schlechte Literatur meinen, sondern die grellen, genial-geschmacklosen Bücher jenseits der mittleren literarischen Normen. Manchmal geschieht es sogar, daß das Allerunterste, Sensationalistische, unter Überspringung des sogenannten "guten", also des Lehrer- und Buchhändler-Buches, sich mit der steilsten Artistik verbindet. Das war der Fall von Edgar Allen Poe, und Michel Houellebecq will uns davon überzeugen, daß sich H. P. Lovecraft, wenn die mittlere Literatur der mittleren Bildung einmal in den Orkus gewandert ist, als einer der Großen des vergangenen Jahrhunderts erweisen wird.

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Das ist nicht ganz neu. Im deutschen Sprachraum waren es H. C. Artmann und Arno Schmidt, die schon in den siebziger Jahren in Lovecraft den Meister entdeckten. Seine Erzählungen setzten den Maßstab für den phantastischen Horror; Lovecraft hat bei seinen Schilderungen der Monster - allen voran Cthulhus - aus der Zeiten- und Meerestiefe alle nur denkbaren Register des Ekels gezogen. Zur Rationalisierung dieses Ekels gehörte sein Rassismus, der beträchtlich war und auch von Houellebecq nicht verschwiegen wird. Vielmehr hält er ihm zugute, den Rassismus auf seine "wesentliche, auf seine tiefste Quelle" zurückgeführt zu haben: "Die Furcht". Es ist ein verallgemeinerter Widerwille gegen die Welt, der Lovecrafts Haupthelden allesamt in den Wahnsinn führt.

Und dieser delirierende Widerwille gegen die Realität, gegen die realistische Literatur hat es dem französischen Schriftsteller angetan. Jeder Autor wird irgendwann seine Poetik schreiben und sich eine Vorläufer-Reihe konstruieren, eine legitimierende Genealogie. Houellebecqs Essay über Lovecraft, 1988 begonnen, erschien erstmals 1991, also lange vor den Romanen, mit denen er Ende der neunziger Jahre berühmt wurde. Es ist der Rechenschaftsbericht einer Initiation. Mit sechzehn Jahren hatte er Lovecraft entdeckt, später dann die Fortschreibungen des Cthulhu-Mythos durch andere Autoren. "Von Zeit zu Zeit - ziemlich oft - kehrte ich zu den ,großen Texten' von Lovecraft zurück. Sie übten auf mich immer wieder eine eigenartige Anziehungskraft aus, die im Gegensatz zu meinen sonstigen literarischen Vorlieben stand."

Was ihn an dem amerikanischen Autor vor allem anzieht, ist die Vision eines sinn- und götterleeren Kosmos: Piranesis Gefängnisse für das zwanzigste und einundzwanzigste Jahrhundert. "Elementarteilchen" heißt ein Roman von Houellebecq, das Stichwort findet sich schon hier: "Nur wenige Menschen waren wie er in diesem Grade von der absoluten Nichtigkeit jedes menschlichen Strebens geprägt und bis auf die Knochen durchdrungen. Die Welt ist nur ein flüchtiges Gefüge von Elementarteilchen . . . und die menschlichen Handlungen sind genauso frei und sinnleer wie die freien Bewegungen der Elementarteilchen." Lovecraft, so die Schlußfolgerung, antizipiert den heil- und hoffnungslosen Kosmos der gegenwärtigen Menschheit.

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Houellebecqs Buch hat den Fanfarenklang eines literarischen Manifestes: "Wenn sich die morbiden Nebelschwaden der Avantgarden erst einmal verzogen haben", schreibt er, "wird das zwanzigste Jahrhundert vielleicht als das Goldene Zeitalter der epischen und phantastischen Literatur erscheinen. Es hat bereits das Auftauchen von Howard, Lovecraft und Tolkien erlaubt. Drei völlig verschiedene Welten. Drei Säulen einer Traumliteratur, die von der Kritik im gleichen Maße verachtet werden, wie sie vom Publikum geschätzt werden." Und nicht nur geschätzt. Das französische Original hat hier den Ausdruck "plebiscitée", also: durch einen Volksentscheid, kanonisiert. Wer will, kann von einem populistischen Gegenkanon sprechen.

Mit großem Recht steht Robert E. Howard neben Lovecraft: Er, der meist nur als Erfinder der "Conan"-Figur bekannt ist, kaum aber mit dem meisterhaften "Kull", war ein Freund und Briefpartner von Lovecraft und wurde von ihm zur Schriftstellerei ermutigt, auch wenn das schleimige Tiefsee-Grau des Cthulhu-Mythos bei Howard in allen Farben - zumeist aber blutrot - aufblühte. Auch John Norman wäre hier zu nennen, dessen sadomasochistische "Gor"- Serie inzwischen in manchen Ländern verboten wurde: Neben Lovecraft und Howard bewährt er sich als Stern von kaum geringerer Leuchtkraft.

Wer solche Bücher liest, bemerkt die eigene Nervosität: Er befindet sich in schlechter Gesellschaft, unbestreitbar handelt es sich um mindere Gattungen, und wer sich zu ihnen bekennt, wird förmlich von der eigenen Scham verzehrt. Und dennoch: Die Meisterschaft ist offensichtlich, und der Lustgewinn gibt am Ende den Ausschlag. Lichtenberg hat auch hier das rechte Wort gefunden, als er einmal lakonisch notierte: "Genie auf jeder Stufenleiter".

Michel Houellebecq: "Gegen die Welt. Gegen das Leben. H. P. Lovecraft". Aus dem Französischen übersetzt von Ronald Vouillié. DuMont Verlag, Köln 2002. 115 S., geb., 14,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2002, Nr. 233 / Seite L12
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