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Rezension: Sachbuch

Heiliges Senfkorn

 - 12:00

Der Scharfsinn beim Nachdenken über Gott führt nur dann nicht in den Wahn, wenn er im Rahmen einer theologischen Unschärferelation steht. Je genauer die göttlichen Dinge abgemessen werden, desto ungenauer muß der menschliche Verstand gedacht werden: Nur wer sich des analogen Charakters seiner theologischen Aussage bewußt ist, kann hier präzise sprechen. "Wie viele Wege gibt es zu Gott?" wird Joseph Kardinal Ratzinger an einer Stelle des langen Interviews gefragt, das der vor Jahren aus der Kirche ausgetretene und später wieder eingetretene Publizist Peter Seewald mit ihm geführt hat. Die Antwort: "So viele, wie es Menschen gibt." So exakt dürfen die Ergebnisse nur ausfallen, wenn die Relation der Unschärfe stimmt. Ratzingers Antwort vermittelt den kanonischen Auftrag der ihm unterstellten Glaubenskongregation, "die gesunde Lehre zu verbreiten" mit dem alttestamentlichen Wissen, daß Gottes Gedanken so hoch über den Gedanken der Menschen sind, wie der Himmel über der Erde ist.

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Theologische Worte, die noch so "klar und wahr" daherkommen, scheinen bei Ratzinger immer auch den Vorbehalt auszudrücken: Denkt nicht, daß ihr Gott "habt", wenn ihr die gesunde Lehre habt. Das Sichtbare gilt es vom Unsichtbaren her zu verstehen, und auch die gesunde Lehre ist in diesem Sinne nur etwas Sichtbares. Vielleicht hängt es auch damit zusammen und ist nicht nur römische List, daß Ratzinger sich auf die brenzlige Kasuistik von Reizthemen wie Sexualmoral und Zölibat gar nicht erst eingelassen hat und es stattdessen bei der Darlegung ihrer weniger strittigen geistlichen Perspektiven beläßt.

Provozierend gelassen kommentiert der römische Bayer die empirisch erkennbare Situation der Kirche in Europa. Nicht daß er die schwindende Anzahl von Christen schönredete. Im Laufe des Interviews kommen so ziemlich sämtliche kirchlichen Probleme zur Sprache, die, jedenfalls in Europa, vorstellbar sind: vom "Absturz der einfachen religiösen Information" über den Autoritätsschwund des Lehramts bis hin zum mangelnden Priesternachwuchs. Doch über allem steht der Satz, daß die Statistik nun einmal "nicht eines der Maße Gottes" sei. Die Rede ist vom Christentum "im Senfkorn-Zeichen", Ratzinger rät, von "quantitativen Erfolgsmaßstäben abzusehen" und die Idee der "Volkskirche" zugunsten der Idee der kleinen Gemeinschaften zurückzustellen. Ob das bedeutet, daß die Kirche im dritten Jahrtausend wieder in die Katakomben geht?

Gegen die Tyrannei der klerikalen Intimität setzt Ratzinger eine Ekklesiologie, derzufolge das Kirchliche der Teilkirchen nicht vom kuscheligen Miteinander ihrer Mitglieder abhängt, sondern von der Einheit mit dem Leib Christi in der Eucharistie, die zugleich die Einheit mit der Gesamtkirche verbürgt: "In ihr ist sie am dichtesten sie selbst." Die Entstrukturierung der konfessionellen Milieus ist in dieser Sicht keine Beschneidung von Kirchlichkeit, sondern geradezu eine Bedingung für ihre Möglichkeit. Es gelte, "mehr auf äußere Macht, auf äußere Faktoren zu verzichten, aber um so mehr aus dem Glauben zu leben". Die römische Treuhand ist denn auch der Ansicht, daß in Deutschland ein institutionelles Abspecken nur guttun könne: "Hier haben wir weit mehr kirchliche Institutionen, als wir mit kirchlichem Geist decken können." Ratzingers in erster Linie außerempirischer, sakramentaler Kirchenbegriff geht so weit, daß er jeden historisch-soziologischen Maßstab als untauglich verwirft, wenn mit ihm etwas Wesentliches über die Heilsgeschichte ausgesagt werden soll: "Denn was ist schon genau ein christliches Zeitalter?"

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Zynisch hört sich so ein Satz nur aus dem Mund eines Agnostikers an. Natürlich erinnert Ratzinger im selben Atemzug, mit dem er die heilige Wurstigkeit predigt, an die Notwendigkeit der "Neuevangelisierung" Europas, für die sich der Christ in seinem persönlichen Umfeld mit "innerer Unruhe" einsetzen soll. Aber so etwas wie eine Theorie des letzten Gefechts ist hier nicht herauszuhören. Gewiß, die Kontemplation sei die Grundlage des christlichen Lebens. Aber schon der Satz Rahners: "Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, oder er wird es nicht sein", scheint Ratzinger zu sehr vom Menschen her gedacht. "Solche großen Ansprüche würde ich nicht stellen, denn die Menschen bleiben immer gleich." Das klingt schon fast nach Adenauer.

Die Polemik gegen das Selbstgemachte in der Kirche entfaltet Ratzinger am effektvollsten im Bereich der Liturgie. Es müsse wieder klarwerden, daß Liturgiewissenschaft nicht dazu da ist, analog zur Autoindustrie ständig neue Modelle hervorzubringen. Vielmehr gehe es darum, "den Menschen in das Mysterium einzuführen". Diese Chance werde vertan, wenn der Priester sich in einer Art Verständlichkeitsmanie als Dolmetscher der Riten inszeniert: "Er darf im Gegenteil als Showmaster völlig unbegabt sein, weil er etwas ganz anderes vertritt und es gar nicht auf ihn ankommt."

Vor der souveränen Betonung des Überzeitlichen wirken dann manche Analysen des Zeitlichen doch merkwürdig unsouverän. In den Kapiteln, die der tour d'horizon durch den (untergehenden) Geist der Zeit gewidmet sind, greift Ratzinger zum Teil recht ungebrochen auf Stereotypen aus der Kiste konservativer Kulturkritik zurück. Damit wird ein Zusammenhang zwischen katholischer Glaubenslehre und einer bestimmten kulturellen Position suggeriert, den Ratzingers Kirchenverständnis eben noch erfolgreich zu widerlegen schien. Was folgt schon aus einer Feststellung wie jener, daß "in der Weltanschauung von heute" der Autonomiegedanke und der antiautoritäre Gedanke "zur einzigen Kategorie (werden), die im Miteinander der Menschen wirklich zählt"? Bei solchen Pauschalitäten ist von einer Unschärferelation nichts mehr zu merken. Sie führen geradewegs in die Einsicht, daß in der Welt von heute sowieso alles den Bach runtergeht.

Der Theologe Wolfgang Beinert hat Ratzingers Schriftsprache einmal "klassische Strahlkraft" bescheinigt. So etwas ließe sich ohne weiteres auch für seine mündliche Rede sagen, würde da nicht hier und da das einlullende "Gemeindedeutsch" hervorlugen. Immerhin kommt bei Ratzinger nur ein einziges Mal, sozusagen aus Versehen, jene Wendung vor, die der Glaubenstöter einer jeden Sonntagspredigt ist: "ein Stück weit".

Joseph Kardinal Ratzinger: "Salz der Erde". Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende. Ein Gespräch mit Peter Seewald. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1996. 302 S., geb., 39,80 DM.

Das Salz der Erde

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.1996, Nr. 258 / Seite L19
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