Rezension: Sachbuch

Konterrevolution der Romantik

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Kein kommunistischer Schriftsteller dürfte unter Linken so unbeliebt sein wie Peter Hacks. Schuld daran ist vor allem sein höhnischer Kommentar zur Ausbürgerung Biermanns und zu dessen Gastgeber Heinrich Böll, der sich mit den Augen eines Thurber-Hundes darüber verwundere, daß Konterrevolution in sozialistischen Ländern verboten sei. Das hat ihm die Linke bis heute nicht verziehen. In der Sottise kam ja eine Verachtung all dessen zum Ausdruck, was den Sozialismus für die westliche Mainstream-Linke attraktiv machte: der rebellische Geist, die humanitären Ideen, die irgendwie unklaren Verhältnisse.

Hacks schätzte dagegen am Kommunismus das glatte Gegenteil: den Staat. Ein sozialistischer Staat wie die DDR habe keinen Bedarf mehr an neuen Revolutionen und könne sich in aller Ruhe auf die Ausbildung einer postrevolutionären Klassik konzentrieren. Alles andere sei "Romantik" und mithin verächtlich.

Niemand, der mit Hacks' Werk vertraut ist, konnte annehmen, daß seine Haltung durch den Zusammenbruch jenes Staates, der den Unterbau seiner ästhetischen Ansichten bildete, eine wesentliche Revision erfahren würde. Und tatsächlich präsentiert Hacks nun unter dem unscheinbaren Titel "Zur Romantik" einen systematischen Überblick über seine Verschwörungstheorien, der an Bosheit, Aberwitz und logischer Stringenz alle früheren Einlassungen noch übertrifft. Kurz zusammengefaßt hält Hacks die "Konterrevolution von 1989" für das gemeinsame Werk zweier sowjetischer Geheimdienste und "auch wohl" des ihnen unterstellten Staatssicherheitsdienstes der DDR; vorbereitet und in Szene gesetzt worden aber sei sie durch romantisch infizierte Künstler. Die "Romantik" erscheint als der Inbegriff der Destruktion, des Furchtbarsten also, was der Kunst, dem Sozialismus oder einem Staat passieren kann: "Das erste Auftauchen der Romantik in einem Land ist wie Salpeter in einem Haus, Läuse auf einem Kind oder der Mantel von Heiner Müller am Garderobenhaken eines Vorzimmers. Ein von der Romantik befallenes Land sollte die Möglichkeit seines Untergangs in Betracht ziehen."

Es geht in diesem bemerkenswerten Essay also um den engen Zusammenhang von Romantik, Konterrevolution und Geheimdienst. Durchgeführt wird das Thema vor allem anhand der deutschen Romantiker zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, die Hacks allesamt im Dienst der antinapoleonischen Fronde und insbesondere des britischen Secret Service sieht. Nur jene Hypothesen erscheinen ihm dabei stichhaltig, die einen genügend großen Schuß Paranoia enthalten. Sehr plausibel kommt ihm zum Beispiel die Theorie des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Otto W. Johnston vor, der Kleists Selbstmord auf Mißverständnisse mit seinem Führungsoffizier Karl Justus Gruner zurückführt. Gruner habe Kleist weisgemacht, seine Geheimdiensttätigkeit für das Foreign Office werde vom preußischen Regierungschef, August von Hardenberg, gebilligt; als Kleist erkennen mußte, daß Hardenberg in Wirklichkeit auf der Gegenseite stand, er selber also "karrieretechnisch umsonst gedichtet" hatte, machte er Schluß. Ähnlich verstrickt in gegenbonapartistische Umtriebe und Geheimdienste wähnt Hacks Fichte, Schleiermacher und Arndt, geschart allesamt um die "Zahlstelle" des Freiherrn vom Stein; die deutschen Romantiker erscheinen ihm komplett als Einflußagenten der englischen Regierung.

Dabei weist Hacks das Mißverständnis weit von sich, Agententätigkeit allein könne die Literatur diskreditieren. Hier kommt ein Unterthema des Essays zum Tragen, der Komplex Literatur und Stasi. Laut Hacks wird alle Dichtkunst, die etwas wert ist, von Geheimdiensten bezahlt, ob vom französischen oder vom englischen, ob vom KGB oder vom CIA; umständlich, wenngleich nicht völlig stringent erläutert Hacks, weshalb man annehmen muß, daß Wieland und Goethe zum Beispiel auf der Gehaltsliste der französischen Dienste standen. Es kommt also nicht auf das Geld, sondern auf die Qualität an: "Ein Kunstwerk, wenn es nur schön ist, stinkt nicht."

Vor allem aber entscheidet sich das Urteil über die Romantik an den Inhalten. Daß die deutschen Romantiker von den Engländern abgeschrieben haben, daß sie allesamt opiumsüchtig, sexuell abhängig und gewohnheitsmäßig auf unbegründeten Reisen waren, all diese vom Autor mehr in kunstvollster Polemik behaupteten als bewiesenen Umstände sagten noch nichts, wenn nicht das Entscheidende hinzukäme: Sie stehen auf der Seite der "Unvernunft". Hacks macht sich vorbehaltlos Goethes Diktum zu eigen: "Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke". Romantik ist also krank, subjektiv, abstrakt; sie ist willkürlich, beliebig, formzertrümmernd, abweichlerisch ("alle Abweichungen sind grundsätzlich dümmer als die Regel"). Politisch, so kann Hacks anhand der Romantik-Kampagne Fühmanns in der DDR der siebziger Jahre zeigen, tendiert sie daher zum "Pluralismus", was den Autor nicht eben geneigter stimmt: "Das Trickwort Pluralismus hat einen genauen deutschen Sinn. Pluralismus, das bedeutet die Alleinherrschaft der schlechten Seite."

Unschwer zu erkennen, daß Romantik im Hacksschen Sinn ein anderes Wort für Moderne ist, sofern damit auch Zweifel, Unsicherheit, Anarchie, eben: Krankheit ausgedrückt ist. Nicht zufällig erscheinen nach einem Passus, der die Mittelmäßigkeit der Künstler mit der Mittelmäßigkeit der ihnen zujubelnden Menge in Beziehung setzt, kommentarlos in einer eigenen Zeile: "Beuys, Warhol, Beckett." Nach dem Vorangehenden weiß der Leser schon, was er von denen zu halten hat. Kein Wunder also, daß Hacks auch unter den nichtsozialistischen Moderne-Verächtern längst ein Geheimtip ist. Aber sie sollen sich nicht täuschen. Der typische Hacks-Sound, eine mit Goethe und Stalin gleichermaßen betriebene Hyper-Affirmation des Klassischen, ist selber viel zu grell, einem Warhol-Bild nicht unähnlich, um als klassisch durchgehen zu können. Hacks läßt sich zwar bei keiner offenkundigen Schwäche oder gar Ironie erwischen; aber die Souveränität, mit der er die entlegensten Standpunkte behauptet, kommt so forciert daher, daß sie schon wieder Verdacht erregt. Unwillkürlich vermutet man etwas Gefährdetes, ja fast, ohne dem Autor zu nahe treten zu wollen, Romantisches, um nicht zu sagen: Sympathisches dahinter.

MARK SIEMONS

Peter Hacks: "Zur Romantik". Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2001. 157 S., geb., 39,- DM.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2001, Nr. 202 / Seite 42
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