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Rezension: Sachbuch

Kuckucksei

 - 12:00

Auf dem Buchmarkt ist die Zeit der Bescherung angebrochen. Schwer sind die Bücherpakete in diesen Wochen, und sie enthalten Überraschungen. So öffnete man eine jener repräsentativen Halblederausgaben, die man so gern auf den Gabentisch legt, und beginnt sich zu wundern. Ein neues, dickleibiges Werk über die Zeit des Nationalsozialismus ist erschienen, in einer Buchreihe, die gleichermaßen Prestige und wissenschaftlichen Anspruch auf sich vereint. Verfaßt von einem Mann, der als Wissenschaftler bislang nicht sonderlich hervorgetreten ist, als politischer Autor sich aber seinen Namen machte. Manch einer der Fachkollegen mag eben deshalb den Namen dieses Mannes wohl zum erstenmal hören. Ein Weihnachtsrätsel.

Bei dem bekannten Unbekannten handelt es sich um den Autor Karlheinz Weißmann. Das Werk, das er vorlegt, ist "Der Weg in den Abgrund", und bei der renommierten Reihe handelt es sich um die "Propyläen Geschichte Deutschlands". Wie hier eins zum anderen gefunden hat, ist die erste Frage. Zumindest der Fachwelt war bekannt, daß es Hans Mommsen war, der als Autor für die Zeit des Nationalsozialismus in dem renommierten Sammelwerk vorgesehen war. Dies wirkte auf das interessierte Publikum in hohem Maß plausibel, weil Hans Mommsen einer der besten Kenner des frühen zwanzigsten Jahrhunderts ist. Zudem hat er in der "Propyläen Geschichte Deutschlands" bereits den von der wissenschaftlichen Kritik vielgelobten Band über die Weimarer Republik geschrieben, so daß man nun mit dem Folgeband eine in sich geschlossene Darstellung einer Epoche erwarten durfte, die wie keine andere Gegenwarts- und Vergangenheitserfahrung prägt. Statt dessen nun Karlheinz Weißmann.

Natürlich ist ein Autorenwechsel auch in einer solchen Reihe aus einer Vielzahl von Gründen immer möglich. Hier aber sieht es aus wie ein Theatercoup: Mit einem Griff erscheint die Szenerie in einem anderen Licht. Die Umbesetzung ist also immerhin erklärungsbedürftig. Merkwürdigerweise wissen aber die, die hier doch informiert sein müßten, keine Erklärung.

Der Herausgeber der "Propyläen Geschichte Deutschlands", Dieter Groh, wußte von nichts. Das dicke Päckchen von der Post war kein verfrühtes Weihnachtsgeschenk, sondern eine Art Kuckucksei, das man ihm ins Nest der "Deutschen Geschichte" gelegt hat. Die Autoren, deren Mitwirkung am Gesamtwerk auf dem Deckblatt jedes Bandes vermerkt wird, wußten auch von nichts. Und alle diese angesehenen Historiker, unter ihnen Johannes Fried, dem kürzlich der Preis des Historischen Kollegs zugesprochen wurde, sie alle müssen einen Satz sagen, der ihnen in jeder Beziehung gegen den Strich gehen dürfte: Sie müssen sagen, sie hätten von alledem nichts gewußt. Es ist eine Groteske in Fortsetzung, die sich - in Steigerung des Grotesken - auch noch in historischem Entschuldungsvokabular formulieren läßt. Alle, die es wirklich angeht, haben also nichts gewußt, müssen nun aber durch die Verknüpfung der Reihe mit ihrem Ansehen, ihrer ganzen Person für das Werk eines Autors miteinstehen, dessen Befähigung zu einer solch großen Aufgabe durch eine Dissertation über den Runengebrauch im Nationalsozialismus doch nicht hinreichend erwiesen scheint.

Tatsächlich stellt sich bei Nachfragen heraus, daß der einstige Hard-Cover-Lektor bei Ullstein, Rainer Zitelmann, in einer Art stiller Revolution diesen Autorenwechsel ins Werk gesetzt hat und damit seinem Freund und politischen Weggefährten den Weg zu den olympischen Höhen der Geschichtswissenschaft geebnet hat, was dieser im Vorwort zu seinem Band denn auch mit artiger Dankbarkeit vermerkt. Man muß wissen, daß Zitelmann und Weißmann solche Art der Zusammenarbeit und der wissenschaftlichen Nobilitierung schon bei früherer Gelegenheit geübt haben und sich so als doppelte Speerspitze einer intellektuellen "Neuen Rechten" repräsentierten. Unter dem Gesichtspunkt der Konspiration war dies also eine gelungene Aktion nach bewährtem Muster, zumal man leicht die Säumigkeit des ursprünglich vorgesehenen Autors anführen kann. Aber die Luft in solchen Höhen ist ungleich dünner, schärfer und schneidender als in den Niederungen kumpaner Sammelbände. Man wird sehen, wie es mit der intellektuellen Wehrhaftigkeitund Wahrhaftigkeit des Runenforschers bestellt ist.

Die eingehende Kritik wird das Opus als Ganzes zu würdigen wissen. Als Erstbesichtiger kann man zu Protokoll geben, daß "Der Weg in den Abgrund" von Karlheinz Weißmann in einem Ozean von Anführungsstrichen ertrinkt - die Quellensprache des offiziellen Dritten Reichs natürlich. Man darf daran erinnern, daß sie Ausdruck einer verschleiernden, verharmlosenden Sprachpolitik war. Und genauso harmlos zitabel und keines weiteren Kommentars bedürftig ist in Weißmanns Augen etwa auch Himmlers Rede in Posen im April 1943, in der es heißt, man sei trotz allem "anständig" geblieben.

Ein längerer, unkommentierter Ausschnitt dieser Rede beschließt das Kapitel über die "Endlösung" - der Autor meint die Judenvernichtung. Auch scheinen originär nationalsozialistische Dichter und Denker ausgiebig gewürdigt, und allenthalben wird um Gerechtigkeit für das deutsche Volk gekämpft. Weißmann vergißt nicht hervorzuheben: "Aber niemals hat ein Volk so hart für die Untaten gebüßt, die es beging oder die doch in seinem Namen begangen wurden." Von den Völkern, die gar nicht ahnen konnten, wofür sie büßen, ist nicht weiter die Rede. Weißmanns Ansatz hat überhaupt nichts mit "Historisierung" zu tun, sondern ist biedermännisch daherkommende Geschichtserschleichung in einer dreisten Räuberpistole aus Verlags-und Geschichtspolitik. Am Ende wird sich das Kuckucksei wohl als taube Nuß erweisen. MICHAEL JEISMANN

Der Weg in den Abgrund

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.1995, Nr. 274 / Seite 35
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