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Rezension: Sachbuch

Schattenwunder

 - 12:00

Der Tiefpunkt ereilte den Wegelagerer im Romanischen Café, einem Treffpunkt der Berliner Boheme. Hier, im "Olymp der brotlosen Künste", brach Umbo im Dezember 1926 zusammen, ausgelaugt, übernächtigt, von Hunger geschwächt und vom Alkohol betäubt. Wenige Monate zuvor hatte der Großstadt-Flaneur den "Rausch des Alleinseins" noch zum Existenzideal verklärt. Im Winter nächtigte er als Vagabund in der Berliner Ringbahn. Die Emphase der Einsamkeit wich der Resignation: "Ich bin wieder hinuntergestiegen, meldete mich heute wieder zur Fürsorge, aß in der Volksküche in der Mariendorfer Straße im Keller", notierte Umbo im Tagebuch. Beinahe hätte der Kollaps die Entwicklung einer Ausnahmeerscheinung in der Fotografie der späten Zwanziger beendet. Doch die Episode markierte den Wendepunkt in Umbos Leben.

Umbo, 1902 als Otto Maximilian Umbehr in Düsseldorf geboren, war in den Schubladen der Fotografiegeschichte verschwunden, als Herbert Molderings ihn im vergangenen Jahr mit einer Retrospektive in Düsseldorf wieder in Erinnerung rief (F.A.Z. vom 17.August 1995). Umbo hatte einen "dritten Weg" gefunden zwischen den Hauptströmungen seiner Zeit, zwischen Neuem Sehen und Neuer Sachlichkeit. Aber in seiner notorischen Faulheit ging er verschwenderisch mit seinem Talent um. Der verschrobene Lebensweg des Bohemiens forderte geradezu eine Darstellung, die Person und Werk synchronisiert. Molderings schlägt in der bibliophilen Monographie, die jetzt nach langjährigen Recherchen des Kölner Kunsthistorikers entstanden ist, eine Tonlage an, die man in der akademischen Literatur selten antrifft: Er verbindet emotionale Einfühlung und sprühende Erzählfreude mit wissenschaftlicher Präzision.

Molderings führt den Leser noch einmal zurück in die zur Weltstadt aufgestiegene Kunst- und Vergnügungsmetropole Berlin mit ihren unzähligen Kinos, Varietés, Theatern, Verlagshäusern und Magazinen. Das snobistisch-mondäne Leben einer gekünstelten Gesellschaft, die das Rampenlicht liebte und sich den Modetrends hingab, die internationalen künstlerischen Avantgarden, die in Berlin zu Hause waren - diese Zeiterscheinungen bilden den Rahmen der Monographie. Molderings geht der Chronologie der entscheidenden Jahre von 1926 bis 1933 nach und unterscheidet im wesentlichen vier Werkgruppen. Dem "neuen Porträt" folgen "Bilder der Boheme" und "Berliner Stadtlandschaften", bevor Umbo als "Künstler unter Journalisten" Mitte 1928 mit dem Kaffeehausliteraten Simon Guttmann den "Deutschen Photo-Dienst", die Dephot, gründete.

Als Student am Weimarer Bauhaus hatte der junge Freigeist und Wandervogel die maßgeblichen Impulse von dem Maler und Theoretiker Johannes Itten empfangen. Die Porträts der Schauspielerin Ruth Landshoff, mit denen er berühmt werden sollte, wären ohne die Schule Ittens undenkbar gewesen. Deshalb gibt Molderings den Weimarer Erfahrungen Umbos breiten Raum. Weil er darauf bestand, von der Metall- in die Goldschmiedewerkstatt zu wechseln, und mit allerlei Schabernack bei Walter Gropius in Ungnade fiel, wurde Umbo aus der Schülerliste gestrichen. So machte er sich auf nach Berlin.

Als Umbo nach dem Zusammenbruch auf die Rettungswache im Bahnhof Zoo gebracht worden war, half ihm der Zufall. Paul Citroen, Collagist, Mäzen und Sammler, hatte von dem Unglück des ehemaligen Bauhaus-Kollegen erfahren, nahm ihn bei sich auf und animierte ihn, von der Zeichnung abzulassen, um es mit der Fotografie zu versuchen - hatte Umbo doch bereits mit dem roboterartigen "Rasenden Reporter" eine der berühmtesten Collagen der zwanziger Jahre geschaffen. Inspiriert von Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin", dem Ereignis der Kinosaison 1926, fotografierte Umbo das Gesicht des Freundes aus einer frontalen, psychedelischen Nähe, durch die sich, wie Molderings schreibt, der "Spannungsfluß" zwischen Bild und Betrachter umkehrt: "Nicht wir blicken das Foto an, sondern das Foto blickt uns an." Der Durchbruch gelang mit einem Bild der Landshoff: "Ruth. Die Hand", von 1927. Darin verbinden sich das Gesicht der Schauspielerin und ihre Hand im gleißenden Licht zu einer eleganten Konfiguration vor tiefdunklem Hintergrund. Die distanzlose Nähe zum Antlitz wirkte stilbildend.

Umbo zog es in die Kaffeehäuser und auf die Straßen, wo er die "Ikonographie des Schaufensters" für sich entdeckte und einen Blick auf den Alltag kultivierte, dessen Mentalität Molderings als tranceartiges Schweben charakterisiert. Drei Bilder von 1928 - "Mysterium der Straße", "Schattenwunder" und die "Unheimliche Straße" -, steil von oben aufgenommen und durch Drehung um neunzig Grad magisch verrätselt, zählt Molderings "zu den schönsten fotografischen Illustrationen dieses urbanen Wörterbuchs", "unter den Millionen Fotos, die in den zwanziger Jahren aufgenommen wurden . . . singulär".

Auf dem Höhepunkt seines Ruhms begibt sich Umbo als Bildreporter ins Leben der Artisten und Clowns, der Tänzerinnen und Schaufensterpuppen, jener "heimlichen Göttinnen dieser künstlichen Welt" (Molderings). Er prägt die erzählerische Bilderserie beispielhaft mit der Verwandlung des Herrn Wettach in den Clown Dr. phil. h. c. Grock, eine Sequenz, die wie ein Kurzfilm erscheint. Doch 1933 wurde dem Flanieren der Boden entzogen. Eine gewisse Tragik Umbos spiegelt sich darin, daß das letzte Kapitel der weit ausholenden Monographie (,Nach dem Krieg") nur wenige Seiten zählt, obwohl es Jahrzehnte umfaßt. Der frühere Wegbereiter kam kaum mehr über "Allerweltsaufnahmen" hinaus. Noch der Siebzigjährige verdingte sich in Hannover als Lagergehilfe und Kassenwart der Kestner-Gesellschaft. Erst 1979, ein Jahr vor Umbos Tod, widmete ihm das Hannoveraner Stadtmuseum noch einmal eine Einzelausstellung.

Da Umbos Archiv 1943 bei einem Bombenangriff zerstört wurde, sind nur 450 Originalfotos aus der relevanten Schaffensphase bis 1939 erhalten geblieben. 140 dieser Aufnahmen und einige Bildreportagen hat Molderings für das Werkverzeichnis ausgewählt. Sie zeigen einen Fotografen, der dem Gegenüber unerschrocken und hellsichtig ins Auge sah und tagträumerisch durch die Schattenwelt der Boheme wandelte.

Herbert Molderings: "Umbo. Otto Umbehr 1902-1980". Richter Verlag, Düsseldorf 1996. 384 S., Abb., geb., 198,- DM.

Umbo. Otto Umbehr 1902-1980

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.1996, Nr. 197 / Seite B5
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