Rezension: Sachbuch

Stabile Harmonie des Sozialismus

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Es ist still geworden um Peter Hacks. Er galt einmal als der produktivste deutsche Bühnenautor und Bearbeiter alter Stücke, neben seinem Antipoden Heiner Müller ein Vorzeigedramatiker der DDR. Wenn es auch nicht die Dramen nach Stoffen der Antike oder der deutschen Geschichte und selbstverständlich nicht die Stücke zu Problemen des sozialistischen Aufbaus waren, die auf die Bühnen der Bundesrepublik drängten, so wurden doch leichtgeschürzte und artistisch ausgefeilte Stücke wie "Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern" (nach Goethes Farce) und das "Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe" in westdeutschen Theatern zu Serienerfolgen: Zuckerbrot für die Schauspieler wie das Publikum.

Westdeutsche Verlage eiferten den Bühnen nach. Unter den Lizenzausgaben waren auch seine Aufsätze zur Kunsttheorie. 1972 erschien in der edition suhrkamp der Essayband "Das Poetische", der auch das Herzstück der Sammelausgabe "Die Maßgaben der Kunst" bildete, die 1977 der Claassen Verlag herausbrachte. Nun legt die Edition Nautilus dieses Kernstück erneut vor, unter dem Titel "Das Poetische. Ansätze zu einer postrevolutionären Dramaturgie". Die Aufsätze sind zwischen 1958 und 1966 entstanden, also etwa im Jahrzehnt nach Hacks' Übersiedlung von München nach Ost-Berlin.

Lesen wir heute von "postrevolutionärer" Dramaturgie, so assoziieren wir zunächst eher "postsozialistische" Dramaturgie. Was Hacks aber mit dem Begriff umschrieb, war der Versuch, sich vom mächtigen Vaterbild Brecht abzusetzen. Er sah sich, zumal mit seinen Rückgriffen auf antike Mythen, schon in der Nähe einer "sozialistischen Klassik". Rechtfertigungsmoment für den Begriff Klassik war die Aufhebung antagonistischer Widersprüche in der Gesellschaft der DDR: "Die Harmonie der sozialistischen Gesellschaft hat doch eine andere Qualität als die früheren; sie ist stabiler." Solche Sätze des Autors klingen heute wie Hohn.

Wer im neuen Band das Vorwort aufschlägt, erwartet ein paar Reflexe auf die neue Situation, ein Nachwort zum Vorwort. Aber nachgedruckt wird nur das alte Vorwort mit seinem Hoch auf die wirtschaftliche Überlegenheit des Sozialismus, der den "weit übers Jahrhundert hinausgreifenden Erfolg der DDR" garantiere. Das Schweigen des Widerlegten ärgert beim Wiederlesen der Aufsätze.

Gewiß, nichts ist zurückzunehmen vom Lob der geschmeidigen, ja eleganten Prosa, die Peter Hacks zu einer Sondererscheinung in der DDR werden ließ. Und allemal lesenswert bleiben die zehn Thesen zur Wiederverwendung des Tantaliden-Mythos; ästhetisch sensibel sind die Beobachtungen zu Heiner Müllers Gebrauch des Blankverses im "Umsiedler"-Fragment; als fair empfinden wir noch heute die Würdigung von Hartmut Langes Theaterdebüt; und exemplarisch bleibt die Kritik von Fritz Kortners Fernseheinrichtung der "Lysistrata". Aber unerträglich hohl geworden sind ästhetische Parolen wie die von der künftigen "Größe der sozialistischen Klassik" mit ihren "kompletten Menschen". Nein, Peter Hacks' "Ansätze zu einer postrevolutionären Dramaturgie" lassen sich nur noch als historische Dokumente lesen.

WALTER HINCK

Peter Hacks: "Das Poetische". Ansätze zu einer postrevolutionären Dramaturgie. Edition Nautilus, Hamburg 2001. 122 S., br., 24,80 DM.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2001, Nr. 232 / Seite 42
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