Rezension: Sachbuch

Was kostet die Kunst?

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Nautilus, das ist jener auf dem Grund südlicher Ozeane hausende Tintenfisch mit dem schneckenähnlichen Gehäuse, der dem ersten kernkraftgetriebenen Unterseeboot den Namen gab - jenem Schiff, dem es als erstem gelang, unter das nördliche Polareis zu tauchen und auf der andern Seite wieder zum Vorschein zu kommen. Edition Nautilus heißt ein junges Hamburger Verlagsunternehmen, dem das Verdienst zukommt, Peter Hacks in die literarische Landschaft des vereinigten Deutschlands eingeführt zu haben. Man kann nicht wiedereingeführt sagen, denn dieser Autor war, trotz einiger Zeitschriftenveröffentlichungen, dem Publikum seit 1989 so gut wie verlorengegangen.

"Ascher gegen Jahn", sein Großessay von 1988, ein ebenso brillanter wie verzweifelter Versuch, in dem Preußen von 1820, in das sich der Autor hineinversetzte, als ob er darin lebe, die Partei des Apparats gegen die Nationalromantiker zu nehmen, also den Polizeichef von Kamptz gegen den Dichter und Richter E. Th. A. Hoffmann zu verteidigen - diese mit Neudrucken von Aschers wie Jahns Werken gekoppelte Untersuchung fiel, von der Hinfälligkeit der real existierenden Apparate überrollt, anno 1990 als ein bibliophiler Brocken ins Leere; inzwischen ist sie in einem Sammelband wieder zur Hand.

In der Folge verlor Hacks den Berliner Verlag, dem er mehr als dreißig Jahre verbunden gewesen war; ein Dichter, dessen produktiver Impetus nicht ermüdete noch erlahmte (er nahm alle Brüche und Umbrüche der Zeit aufs Korn), war mitten in der Wiederherstellung einer gesamtdeutschen Literaturlandschaft so sehr ohne Resonanzboden, daß manche nach ihm fragten, als ob er gar nicht mehr unter den Tätigen weile. In einem Genovefa-Drama stilisierte er diese Lage in mittelalterlicher Verkleidung und wiederum mit einer Brillanz, daß die Verzweiflung des Gehalts darüber schier unsichtbar wurde. Zu den besonderen Hindernissen, die der Wirkung dieses Autors in den letzten zwei Jahrzehnten entgegenstanden, gehört der Umstand, daß seine Hervorbringungen - auch die dramatischen - sich weigern, die Tatsache, daß sie, wie alle erheblichen Dichtwerke, außer von der Befindlichkeit der Welt immer auch von der ihres Verfassers handeln, durch eine Nachgiebigkeit der Form, durch die Aufweichung (oder Zerreißung) der Kontur dem Leser anzutragen; er muß selbst darauf kommen. Hacks, der als Schriftsteller ein graphisches, kein malerisches Talent ist, zeichnet mit spitzem Griffel, er ist von unerbittlicher Linearität, jede Exhibition des bloß Persönlichen verweigernd.

Ein aristokratisch-preziöser, zuweilen hochfahrend-terroristisch ausschlagender Subjektivismus, der, was in seine Weltansicht nicht paßt, einfach ausblendet, sich hinter der Objektivität der Form gleichsam verschanzend - dies ist Problem und Reiz dieses exorbitanten Schriftstellers. Daß dies eine romantische Disposition sei, ist schwer zu übersehen, außer für den Autor selbst, der, wie alle Romantiker, ein entschiedener Goethe-Verehrer ist. Er findet bei diesem Meister, was ihm selber fehlt; man kann es den Einklang von Selbst- und Menschenliebe nennen. Mit Sympathie zitiert Peter Hacks in seiner dem gesamtdeutschen Publikum erstmals in einer eigenen Ausgabe vorgelegten Kunst-Ökonomie einen Satz aus Balzacs Revolutionsroman "Die Bauern": "Weshalb begreift man nicht, daß die Kunst in einem Land ohne große Vermögen, ohne gesicherte hohe Einkommen keine Wunderwerke hervorbringen kann! Wenn die Linke unbedingt die Könige umbringen will, soll sie uns wenigstens ein paar kleine, ganz unbedeutende Fürsten lassen!"

"Schöne Wirtschaft", mit dem Untertitel "Ästhetisch-ökonomische Fragmente", heißt dieses buntgewandete Nautilus-Bändchen von 128 Seiten. "Schöne Wirtschaft", das meint: die Wirtschaft des Schönen; es meint die Ökonomie der Kunstproduktion unter besonderer Berücksichtigung der Unkosten und des Preises. Das klingt (und das gibt sich) streng objektiv, aber auch dieses Buch handelt natürlich von dem Autor selbst, von seinem Begriff der Kunst, der ein hoher und modeabweisender, eher auf sich selbst bestehender ist. Es ist diese Spannung: von sich zu reden, indem man von der Welt redet, was dem Text seinen polemischen Furor, seine geistige Vehemenz gibt.

Eine zwischen weitester Verbreitung und Beinahe-Verborgenheit hin und her gerissene Wirkungserfahrung schärft den Blick dieses Autors aufs große Ganze; es schärft ihn so sehr, daß der Unterschied zwischen West und Ost, zwischen Kapitalismus und Sozialismus dabei schier verschwindet. Wie von einem hohen Turm, dessen Aussehen dem eines Elfenbeinturms nicht unähnlich ist, blickt der 1987 geschriebene Text auf die Differenz der gesellschaftlichen Verhältnisse; die Kunst, sagt der Autor und beruft sich dabei kritisch-ironisch auf Marx, "eignet sich nicht oder ,nur in geringem Umfang' für die Erzeugungsweise des Kapitalismus, folglich dann auch des Sozialismus". "Sie will einmal recht ungern vergesellschaftet sein", fährt er fort und setzt hinzu: "Hier hört die Kunst Marx zu kümmern auf und fängt sie uns zu kümmern an." Und das hat anno 1988 in Berlin-DDR gedruckt werden können? Dieser Autor und sein Land waren damals weiter, als es vielen damals schien. Sonst wäre der Übergang gen Westen auch nicht so einfach vonstatten gegangen.

"Schöne Wirtschaft" gehört in die Hände aller einschlägig mit dem Thema Befaßten: der Intendanten und der Kulturreferenten, der Kunsthändler wie der Kunstverfertiger. Es ist ein Lehrbuch in sechzig Kapiteln, denen die Kurzweil an die Stirn geschrieben steht: Sie sind zwischen einer halben und drei Seiten lang. Aber so unterhaltsam der Scharfsinn einherkommt, der hier den Platz der Kunsterzeugung auf dem Feld der Ökonomie ausmittelt: Hacks' Witz ist immer auch Waffe. Die Prägnanz einer Analyse, die das Kunstwerk in seiner Einzigartigkeit und Unbezahlbarkeit herausstellt, als ein "Alleingut", das mit den Maßen allgemeiner Wirtschaftslehre nicht zu fassen sei und auch von Marx, mehr noch von Engels verfehlt worden sei, besonders aber von ihren kulturrevolutionären Nachtretern, geht zur Kritik an einem Kunstzustand über, in dem der Autor mehr als nur Anzeichen der Verwahrlosung wahrnimmt. Sein beflügelter Zorn gilt jener Entfachlichung der Kunstproduktion, die er von zwei Seiten betrieben sieht, von den Romantikern der Selbstverwirklichung und von den Betreibern einer Kulturindustrie, der er diesen schönenden Namen durchaus vorenthält. "Die Industrie", so das Fazit, "beschäftigt keine Künstler, folglich wirkt und wirbt sie gegen den Künstlerberuf. Sie ist im Besitz des Ministers, welcher im Besitz der Mode ist. Durch die Mode hat sie eine Stimmung hervorbringen lassen, als sei an kunstvoller Arbeit etwas Ehrenrühriges. Zur Annihilierung des Künstlers ist aber einmal die Annihilierung der Kunst erfordert." Er setzt hinzu: "Das ganze Marxische Wunschbild vom alltüchtigen Menschen, muß befürchtet werden, ist die linksromantische, die anarcho-demokratische Verklärung der industriellen Einstampferei."

Hacks' Schrift ist Lehrbuch und Kampfschrift, sie ist Analyse und Satire; sie besteht auf der Höhe und Einzigartigkeit des Kunstwerks (daß es auch einzigartige Trivialkunst geben könne, räumt er ohne weiteres ein) und untersucht die Bedingungen seiner Erzeugung. "Was kostet die Kunst, und weshalb kostet sie, was sie kostet?" ist die Eingangsfrage, und die 108 Seiten später ergehende Bestimmung dessen, was Kunstherstellung, ökonomisch betrachtet, sei, ist nur scheinbar abstrakt; sie zieht das Fazit einer weiten Gedankenreise: "Kunsterzeugung ist die kleine und ausnehmend geschickte Erzeugung von verlangten oder unverlangten Alleingütern bei vorsätzlicher Absehung von der Nachfrage und mit dem Ziel, dieselben zum Höchstangebot zu verkaufen oder nicht zu verkaufen." Kürzer kann man es wirklich nicht sagen.

Hacks' sprachlich-gedankliche Abbreviatorik stellt, obschon allen Dunkelheiten abhold, besondere Anforderungen an den Leser, auch an dessen Humor. Dieser Autor schreibt nicht für den fußgängerischen Biedersinn; er ist ein Schnelldenker, dessen Eigensinn die Gedankenwege in hohen Sprüngen abzukürzen pflegt - ein Känguruh, dessen Beutel immer voll ist, eine Heuschrecke, die allen Grillen das Nachsehen gibt. In einem komfortablen Unterseeboot ist dieser Autor unter allerlei Eisbergen weggetaucht und scheint nun mit Hamburger Hilfe, als ein wahrer Nautilus, wieder auftauchen zu wollen, aus einem Eismeer, in das sich der Autor auch episch versetzt hat, in einer nicht genügend bekannt gewordenen Erzählung namens "Die Gräfin Pappel". Es gibt Autoren, die die Kunst beherrschen, nicht anstößiger zu sein als es nötig ist, um als anstößig bemerkt zu werden. Hacks hat dieses Maß immer weit überschritten; es könnte aber sein, daß die Zeit ihm entgegenkommt. Er wird ihr nicht nach dem Munde reden. FRIEDRICH DIECKMANN

Peter Hacks: "Schöne Wirtschaft". Ästhetisch-ökonomische Fragmente. Edition Nautilus, Hamburg 1997. 128 Seiten, geb., 18,- DM.

Schöne Wirtschaft

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.1997, Nr. 153 / Seite 32
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