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Acht Stunden Turbo-Inspiration

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Wie dieses Buch beschreiben? Es ist kurz, heiter, humorig witzig, mild satirisch, geistreich, voller realistischer Phantasie, kultiviert, gut gemacht - und eben nicht nur "gemacht", sondern auch auf schöne Weise naiv, denn dies ist ja die Schwierigkeit: Intelligenz allein genügt nicht, vielleicht ist sie nicht einmal notwendige Bedingung. Zudem ist das Buch, obwohl es fast ohne Kriminelles und Erotisches auskommt, spannend. Und Matthias Strobel hat es trefflich übersetzt. César Aira, Jahrgang 1949, ist Argentinier und einer der wichtigsten Autoren seines Kontinents. Ausreichend herumgesprochen hat sich das indes noch nicht; dem Nobelpreiskomitee sollte er auffallen. Nicht allein wegen dieses Buchs, das ein - freilich brillantes - Nebenwerk ist, aber eben auch.

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Die Fiktion dieser Novelle ist diese: Varamo, ein "drittrangiger Schreiber" in einem Ministerium, verfaßt 1923 in der Stadt Colón in Panama in einer einzigen kurzen Nacht ein berühmtes avantgardistisches Meisterwerk, ein Gedicht. Das Ding heißt, genial suggestiv nichtssagend: "Gesang des jungfräulichen Kindes". Der Verfasser ist unbedarft in jeder Hinsicht, er hat vorher nichts Literarisches geschrieben und wird dies auch nachher nicht wieder tun. Mit Literatur hat er nichts am Hut. Und Lyrik schreibt er nur, "weil ihm die Idee der Prosa, dieser Kulturleistung der alten Zivilisationen, vollkommen fremd" ist. Airas Novelle bemüht sich nun - "alles auf dieser Welt hat seine Erklärung" - zu zeigen, welche Bedingungen dieses rätselhafte Meisterwerk hatte.

Was war geschehen im Leben Varamos an diesem einen Tag ungefähr zwischen 16 Uhr und Mitternacht, denn erst um Mitternacht begann er zu schreiben (und war bei Tagesanbruch fertig)? Da ist nun wirklich Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Und die Lesezeit fällt mit der der Handlung auch fast zusammen. Es geschieht da wirklich einiges, obwohl es ganz alltäglich beginnt und eigentlich auch bleibt: etwa die paranoide Mutter, bei der der Junggeselle lebt und die er zu beruhigen hat, der Autounfall des Ministers, dessen Zeuge er wird, wobei sich der Unfall als Attentat erweist, das "Gleichmäßigkeitsrennen" (die Autos müssen da mit möglichst gleichmäßiger Geschwindigkeit von einem Punkt zum anderen kommen, also gerade kein Rasen und das Ganze gedacht als Falle für Anarchisten), das Haus der Góngoras (so heißt ja auch ein großer spanischer Dichter), die Schmugglerinnen dort (Golfschläger), der diffuse Freund Zigarillo, ebenfalls Schmuggler (Zigaretten), das Mädchen Caricias (was "Zärtlichkeiten" heißt), die ihm die Schlüssel der unverständlichen Botschaften gab, die aus dem Hause leise nach außen dringen (Varamo hielt dies immer für seine Stimmen) - dies alles auf dem Weg zum Café, "dieser arabischen Institution", der Varamo auch in dieser Nacht zustrebt. Und dort dann, als unmittelbare Auslöser, die drei beeindruckenden Raubdruck-Verleger, die ihn beredt dazu bringen zu schreiben.

Der Erzähler erklärt, es handle sich bei seinem Bericht "der Gattung nach" um einen Roman, er sei aber eigentlich "ein Experiment in Literaturkritik", das hier quasi unvermeidlich die Form eines Romans erhalte. Da kommt nun auch, es bleibt aber hübsch in der Schwebe, ein satirisches Humbug-Element herein. "Avantgardistisch", doziert der Erzähler, sei jede Kunst, "die eine Rekonstruktion der realen Umstände erlaubt, aus denen sie geboren ist". Das "konventionelle" Kunstwerk hingegen nehme seine Ursache und seine Wirkung thematisch in sich auf und schließe sich so "auf halluzinatorische Weise" in sich selbst. Also stünde das "konventionelle Werk" als das eigentlich künstlerische weit höher als das "avantgardistische". Bei letzterem könne man "jeden Vers, jedes Wort in das Realitätspartikel übersetzen, das es verursacht hat". Diese "Realitätspartikel" nun bilden in ihrer Gesamtheit und Abfolge unvermeidlich etwas wie einen "Roman", in diesem Fall "eine Art Erzählung von surrealem Anstrich". Dann kommt der Erzähler abrupt aufs Geld, das "eine Gesellschaft mit Abstraktion" infiziere, einfach weil "Geld Abstraktion ist".

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Das ist zwar nicht falsch, gerät hier aber doch in die Nähe dessen, was neuerdings, philosophisch durch Harry G. Frankfurt legitimiert, "bullshit" heißt. Tatsächlich steht bei Varamo am Ausgang der vielen realen "Partikel", die zu seinem abrupten und erratischen "Meisterwerk" führten, Geld - genauer: Falschgeld, denn Varamo erhält, als er an der Kasse des Ministeriums sein Gehalt abholt, zweihundert Pesos, die, er sieht es sofort, falsch sind. Er wagt nicht zu reagieren, steckt sie ein, und schon ist es zu spät, denn versuchte er, sie auszugeben, würde er womöglich verhaftet. Also wurde er durch dieses eigentlich etwas konkretere Geld, denn seine Falschheit macht es weniger abstrakt, aus seiner "gewohnten Denkbahn gerissen".

Klug bleibt uns Aira eines schuldig: das Gedicht selbst. Es habe von diesem ja "zahlreiche Neuauflagen" gegeben, "so daß jeder, der möchte, es lesen kann". Das Gedicht wäre, nach dem englischen Sprichwort, der Test auf den Pudding. Aber hier ist dieser Test unnötig.

HANS-MARTIN GAUGER

César Aira: "Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo". Novelle. Aus dem Spanischen übersetzt von Matthias Strobel. Verlag Nagel & Kimche, Wien 2006. 116 S., geb., 14,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.04.2006, Nr. 93 / Seite 34
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