Alexander Fest im Gespräch

Werden wir ewig lesen, Herr Fest?

Von Frank Schirrmacher und Felicitas von Lovenberg
 - 18:08

Wir treffen Alexander Fest in unserer Berliner Redaktion. Der Verleger möchte rauchen, aber niemand hat Feuer dabei. Im Kaminzimmer finden sich Streichhölzer. Alexander Fest steckt sich eine Zigarette an. Er ist konzentriert und entspannt.

Hundert Jahre Rowohlt: Feiern Sie das Jubiläum im Gefühl, den Übertritt von der Gutenberg-Galaxie ins 21. Jahrhundert haben wir geschafft? Mit anderen Worten: Liegt die größte Krise des Selbstbewusstseins hinter Rowohlt, oder steht der große Kampf ums Lesen und ums Buch noch bevor?

Ich glaube, wenn ein Verlag hundert Jahre alt ist, ist das Größte, was es zu feiern gibt, dass er überhaupt da ist. Liest man die Geschichte dieser hundert Jahre, vor allem die der Anfänge und Wiederanfänge, in denen Ernst Rowohlt den Verlag aufgebaut hat, und zwar dreimal, um 1910, nach 1918 und noch einmal nach 1945, dann sieht man, was für eine enorme Leistung das war. Ohne Rowohlts Unbeirrbarkeit und Willenskraft wäre das nicht möglich gewesen, und natürlich war das Ganze von Zufällen abhängig, Zufällen, die die Amerikaner „publisher's luck“ nennen.

Was für Zufälle meinen Sie?

Ein Verlag braucht in Anfangszeiten Bestseller, die noch deutlich größer sind als das, was normalerweise Bestseller heißt. Welterfolge. So wie es Suhrkamp nicht ohne Hesse gäbe und Feltrinelli nicht ohne „Dr. Schiwago“ und den „Gattopardo“, gäbe es auch Rowohlt nicht ohne die Erfolge von Emil Ludwig, der in der zwanziger Jahren so etwas wie der erste europäische Bestsellerautor aus Deutschland war.

Wie viele Exemplare hat er denn verkauft?

Seine Napoleon-Biographie kam auf mehr als 600.000 Exemplare. Solche Zahlen braucht eine Verlagsgründung. Und nach dem Zweiten Weltkrieg, bei der dritten Rowohlt-Gründung, wäre es ohne Cerams „Götter, Gräber und Gelehrte“ wohl auch nicht gutgegangen. Was aber die erwähnte Krise betrifft, durch die das Lesen von Büchern hindurchgeht, kam die erste Welle vermutlich schon in den achtziger Jahren, wurde aber durch den Fall der Mauer und die damit verbundene Erweiterung gerade der Taschenbuchmärkte zunächst verdeckt. Erst in den Neunzigern war die Krise spürbar da. Das liegt jetzt hinter uns - als Etappe jedenfalls. Und ich glaube, dass das Buch durch die elektronische Form nicht so bald abgelöst werden wird. Für mich ist das Buch, dieser unscheinbare, im Lauf der Jahrhunderte alltäglich gewordene Gegenstand, sozusagen ein evolutionärer Endpunkt in der Entwicklung einer bestimmten Art von kultureller Wissenstechnik.

Ist Daniel Kehlmann eine Art C. W. Ceram fürs 21. Jahrhundert?

Für uns ja. Und das Erstaunliche: Man sieht so etwas nicht voraus, weiß gar nichts. Bei Marek, der ja Lektor bei Rowohlt war und „Götter, Gräber und Gelehrte“ unter dem Pseudonym C. W. Ceram geschrieben hat, war es übrigens genauso. Niemand hatte auch nur den blassesten Schimmer, wie erfolgreich das Buch sein würde. Dazu ist eine schöne Szene überliefert: Marek und Ernst von Salomon sitzen auf Sylt in einer Kneipe zusammen - Salomon war nämlich der Erste, der „Götter, Gräber und Gelehrte“ gelesen hatte -, und jetzt stellte sich die Frage, welche Erstauflage man drucken sollte. In der Kneipe klingelte das Telefon, Marek wurde an den Apparat gerufen, Ernst Rowohlt war dran und fragte, was er denn nun drucken solle, und Marek sagt: „20.000.“ „Sie spinnen wohl“, sagt Rowohlt, „geben Sie mir mal Salomon.“ Und Salomon sagt auch: „20.000!“ Rowohlt knallt den Hörer auf. Fünf Minuten später klingelt es wieder, und Marek und Salomon hören, wie der Wirt abhebt und sagt: „Nein, nein, nur zwei oder drei Glas Wein.“ Dann wurden 1,6 Millionen Bücher verkauft. Niemand hatte die geringste Ahnung. Auch für uns wäre „Die Vermessung der Welt“, wenn sie sich, sagen wir, vierzig- bis fünfzigtausend Mal verkauft hätte, ein Erfolg gewesen. Wir haben das getan, was ein Verlag tun kann, haben ein Leseexemplar gedruckt, für Werbung gesorgt et cetera. Damit können Sie den Verkauf der ersten zwanzigtausend Exemplare fördern, aber mehr nicht. Danach entscheiden die beiden zentralen Kräfte, die Leser und der Handel.

Verlage sind heute mehr denn je auf einzelne Bestseller angewiesen, um das ganze Programm finanzieren zu können. Sind Erfolge im Sachbuchbereich leichter planbar, gewissermaßen vorhersehbarer als in der Belletristik?

Zum Teil - wenn entweder das Thema unmittelbar einem öffentlichen Interesse entspricht, oder wenn der Autor durchs Fernsehen bekannt ist. Aber im Grunde bleibt auch hier alles unvorhersehbar, bis man hört, wie ein Buch im Verlag selbst aufgenommen wird: wie es bei denen ankommt, die nicht direkt mit dem Programm zu tun haben und deswegen ganz unvoreingenommen lesen. Wenn diese Leute begeistert sind, klärt sich das Bild etwas. Auch dann allerdings hängt immer noch viel davon ab, wie die Konkurrenz aussieht. Wäre Kehlmann etwa gleichzeitig mit „Herr Lehmann“ von Sven Regener erschienen, hätte alles anders kommen können, für beide Bücher.

Früher gab es legendäre Männerfreundschaften zwischen Verlegern und ihren Autoren. Muss der Verleger heute nicht vor allem Manager sein - bereit, das Manuskript auch eines befreundeten Schriftstellers abzulehnen, falls es nicht erfolgversprechend ist?

Grundsätzlich ist Treue zum Autor natürlich wichtiger. Aber die Risiken, die Verlage eingehen müssen, um ein Buch herauszubringen, sind gewachsen. Das fängt beim Vorschuss an. Zu Ernst Rowohlts Zeiten war der Vorschuss ja noch fast unerheblich, außer vielleicht bei jemandem wie Musil, der schrieb und schrieb und Geld brauchte, jahrelang. Heute dagegen werden zum Teil gigantische Beträge vorgeschossen, um ein Recht zu erwerben, mit beträchtlichen Überzahlungen, so dass von den Verlagen jedes Jahr große Summen abgeschrieben werden müssen. Das erhöht das Wagnis. Es macht auch die feste Autorenbeziehung manchmal schwieriger. Aber Freundschaften gibt es doch noch, wie ja das Privatleben von Verlagsleuten ohnehin hauptsächlich mit den Autoren stattfindet, glücklicherweise. Wäre ich je die deutsch-tschechische Grenze abgewandert, wenn ich nicht Wolfgang Büscher auf seiner Deutschlandreise ein Stück begleitet hätte? Wäre ich je nach Litauen oder Estland gekommen ohne Max Goldt? Hätte ich je um vier Uhr nachts an einem Black-Jack-Tisch gesessen ohne Heinz Strunk? Kaum.

Es doch ein Wunder, dass heute die großen Verlage des Landes noch immer die sind, die es nach dem Zweiten Weltkrieg waren - Rowohlt, Suhrkamp, Hanser, S. Fischer.

Ja, der Kreis der größeren Häuser ist geschlossen. Der Berlin Verlag war der letzte ehrgeizige Versuch, noch einmal einen Verlag der mittleren Größe zu schaffen, mit starkem Wachstumswillen, auch Taschenbücher zu machen. Solche Unternehmungen sind schwierig geworden, durch den Markt, den Buchhandel.

Welche Rolle spielt heute die Literaturkritik?

Das hängt wesentlich davon ab, wie viel Mut der Rezensent, wenn er ein Buch loben will, zur Begeisterung hat. Das ist viel seltener, als Sie vielleicht annehmen möchten: diese Entschlossenheit der Kritik, nicht zu feige zu sein für die eigene Begeisterung. Darüber entscheidet auch der Ton einer Rezension; hat sie ihn, kann sie viel bewirken. Außerdem spielt eine Rolle, ob die Besprechungen sozusagen geballt kommen. Wenn sie sich über Monate strecken, ist eine Wirkung im Handel kaum spürbar.

Amerikanische Autoren hatten Sie im Gepäck, als Sie zu Rowohlt kamen. Die deutsche Literatur wird, siehe Kehlmann, siehe Walser, durch wenige, dafür extrem erfolgreiche Autoren gestärkt. Aber was ist mit der europäischen Literatur? Und wie wichtig ist ein klares Profil in einer Literaturlandschaft, wo jeder Verlag von allem etwas hat?

Darüber denkt man natürlich oft nach, und zwar nicht bloß in einem vagen Sich-Besinnen auf die Tradition, sondern mit dem Gefühl, dass im Buchhandel der Name Rowohlt für bestimmte Dinge steht. Was die europäische Literatur angeht, so habe ich gerade eine neue Lektorin eingestellt.

Können Sie heute noch Autoren formen, Bücher in Auftrag geben, oder ist die Verlegerei eine reine Verarbeitungsmaschine?

Überhaupt nicht. Gut möglich sogar, dass der Raum für diese Seite der Arbeit größer geworden ist. Ernst Rowohlt etwa hatte viel mehr als ich mit wirtschaftlichen Dingen zu tun; er war in erster Linie Unternehmer, musste es sein. Einmal kam ein Lektor zu ihm, aber Rowohlt hatte keine Zeit. Das wiederholte sich. Schließlich setzte der Lektor sich einfach in Rowohlts Büro auf einen Stuhl und sagte, über dieses Manuskript hier müsse jetzt geredet werden. Und Rowohlt: Wie gesagt, dafür hab ich keine Zeit, der Stuhl, auf dem Sie sitzen, ist schon gepfändet. Ungläubigkeit beim Lektor. Rowohlt hieß ihn aufstehen, drehte den Stuhl um - unten klebte der Kuckuck. Heute, durch die stärkere Arbeitsteilung innerhalb eines Verlags wie Rowohlt, gibt es für Leute wie mich Freiheiten, die früher nicht da waren. Ich glaube also nicht, dass das Gespräch mit den Autoren gelitten hat. Ich habe ja auch eine Reihe von Büchern angeregt, „Berlin-Moskau“ von Wolfgang Büscher oder „Einfach abgehängt“ von Nadja Klinger und Jens König und viele andere.

Und die Bücher Ihres Vaters?

Ja, auch die, vor allem beim „Untergang“. Mein Vater hatte für die „Deutschen Erinnerungsorte“ des Beck Verlags über die Reichskanzlei und den Bunker geschrieben; da drängte ich ihn, etwas Größeres daraus zu machen. Auch bei „Ich nicht“ haben unsere Gespräche vermutlich eine gewisse Rolle gespielt, denn ich hatte ihn immer gebeten, seine Erinnerungen aufzuschreiben, schon für uns, die Familie. Und er sagte ungefähr: „Ich kann doch meine Autobiographie nicht schreiben, so ein Intellektuellen-Leben am Schreibtisch ist ja unwahrscheinlich langweilig.“ Dann kam ihm der Gedanke, den zweiten Teil der Biographie zuerst zu schreiben: Das waren die „Begegnungen“, sozusagen der Teil seines Lebens, den er am Schreibtisch verbracht hatte. Erst danach schrieb er über seine Jugend. Das war dann „Ich nicht“.

Welcher Ihrer Autoren hat nicht die verdiente Aufmerksamkeit gefunden?

Wenn Sie die Aufmerksamkeit nicht der Presse, sondern der Leser meinen, könnte man viele nennen. Hans Joachim Schädlich. Peter Rühmkorf. Jan Böttcher. Dann Georg Klein, für den ich mir viel mehr Leser wünsche. Aber natürlich ist jeder Verleger unersättlich, und wenn man einen Roman herausbringt wie Walsers „Liebenden Mann“, dann hat man auch nach hunderttausend und mehr verkauften Büchern noch eine ganz elende Mickrigkeitsempfindung. Das müssten, sagt man sich, doch ganze Städte lesen! Millionen eben.

Welches Buch hätten Sie gern verlegt?

Von den Büchern der letzten Jahre sicherlich Handkes „Gestern unterwegs“. Ich hatte Handke eigentlich nie richtig gelesen, bis Martin Walser mir vor einigen Jahren das „Gewicht der Welt“ nannte, das müsse ich kennen. Da las ich es, beeindruckt. Kurz darauf kam dann „Gestern unterwegs“ heraus, das ich dann dreimal gelesen habe in den letzten Jahren. Ein nicht auszuschöpfendes Buch, schon weil es kein Wissen weitergeben, so gut wie nichts lehren, nichts erzählen will. Es will bloß gelesen und im Lesen angenommen und verstanden werden. Ich kann hier schwer ausdrücken, welchen Genuss mir das verschafft hat.

Wie und wann entspannen Sie?

Auf verschiedene Weise, regelmäßig aber dadurch, dass ich morgens in einem Buch lese, das nichts mit meiner Arbeit zu tun hat. Ich lese, sagen wir, Ludwig Richters Lebenserinnerungen, oder Werner Herzogs „Vom Gehen im Eis“. Ich habe schon seit langem, im Grunde seit der Schulzeit, diese Angewohnheit: mir von Buchstaben in den Tag hineinhelfen zu lassen.

Und was lesen Sie gerade?

Das neue Manuskript von Daniel Kehlmann, ein, wie ich sagen kann, unglaubliches Buch. Es ist in seiner Modernität deutlicher als die „Vermessung“, vielleicht auch wirklich formal gewagter. Es geht darin viel um technische Mißgeschicke, Pannen von Handys und Rechnern, und alles ist immer an der Grenze von Komik und Ernst, ja Schrecken entlang geschrieben. Man wird sehen, wie die Kritik darauf reagiert. Sie wird Kehlmann nach seinem großen Erfolg anders als bisher ansehen, nämlich skeptischer, argwöhnischer; meine Meinung allerdings ist, dass es so ein Buch im Deutschen noch nicht gegeben hat.

Was war die bisher wichtigste Entscheidung Ihres Lebens?

Innerhalb der beruflichen Dinge, über die wir hier sprechen, vermutlich mein Entschluss, für eine winzige Summe die Rechte am dritten Roman eines unbekannten amerikanischen Autors zu kaufen, der Jonathan Franzen hieß. Das war 1997, Jahre bevor ich zu Rowohlt kam. Der Roman hieß „Die Korrekturen“ und handelte damals noch von einem staatlichen Ermittler namens Andy Aberrant, der irgendwie mit einer Familie aus St. Louis zu tun bekam. Ich hatte hundert Seiten, und die gefielen mir sehr gut, wie auch das erste Buch des Autors, „Die 27te Stadt“. Dennoch zögerte ich, denn schon damals war klar, dass es ein riesiger Roman werden würde, und ich leitete ja einen winzigen jungen Verlag. Würden wir die Übersetzung überhaupt bezahlen können? Konnten wir uns so einen Schinken zumuten? Ich sprach mit meinem Freund Martin Bauer, damals Chef der Fischer-Taschenbücher, und der sagte: „Das machst du.“ Und ich machte es tatsächlich. Als das Buch dann 2002 erschien, mit einer gewaltigen Resonanz, änderte es mein Selbstverständnis stark. Zum ersten Mal war mir passiert, was einem Verleger irgendwann passieren muss: Ich sah, dass andere meine Leseerlebnisse teilten, und zwar in großer Zahl. Das ist die Grundvoraussetzung dieses Berufs. Von da an war alles leichter, und ich wusste, jetzt bedarf's nicht mehr viel, nur noch a rush and a push, and the land is mine. Dies Rowohlt'sche Land meine ich, in dem ich jetzt zu Hause bin.

Zur Person

Alexander Fest wird am 25. Januar 1960 in Berlin geboren und wächst in Hamburg auf. Der Sohn des Historikers und späteren Mitherausgebers dieser Zeitung Joachim Fest studiert Altphilologie und Philosophie in Tübingen, München und Zürich.

1986 beginnt er als Lektor im Deutschen Taschenbuch Verlag, 1991 wechselt er zum Siedler Verlag nach Berlin, wo er ab 1992 Cheflektor ist.

1996 gründet er in Berlin den Alexander Fest Verlag unter dem Dach von S. Fischer. Das ehrgeizige Programm kombiniert Zeit- und Kulturgeschichte mit Belletristik und wird von der Kritik wohlwollend begleitet.

2000 übernimmt Alexander Fest zusätzlich zu seinem eigenen Verlag die Leitung des zu Rowohlt gehörenden Kindler Verlags.

2002 wird er verlegerischer Geschäftsführer des Rowohlt Verlags in Reinbek bei Hamburg und gibt dafür den Alexander Fest Verlag auf. Viele Autoren, darunter Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides, Denis Johnson, Georg Klein und Wolfgang Büscher, folgen ihm zu Rowohlt.

Der 1908 gegründete Rowohlt Verlag hat seit Fests Amtsantritt gleich mehrmals hintereinander das erfolgreichste Jahr seiner Geschichte erlebt, mit Bestsellern wie „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann, „Die Korrekturen“ von Jonathan Franzen, „Die Glücksformel“ von Stefan Klein, „Frau Thomas Mann“ von Walter und Inge Jens oder aktuell „Ein liebender Mann“ von Martin Walser.

Quelle: F.A.Z., 29.03.2008, Nr. 74 / Seite Z6
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