Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg

Was übel anfängt, geht auch böse aus

Von Patrick Bahners
 - 18:40

Was für ein Anfang! Ein Schlag in die Magengrube und ins Kontor. Der ganzen Menschheit Jammer fasst uns an und lässt uns zurückschrecken. Ist so viel Unglück nicht ansteckend? Was, wenn auch unser Seelenhaushalt aus der Balance gerät, unsere kunstgerecht geschönten Lebensbilanzen in Mitleidenschaft gezogen werden? Wir sind fasziniert und abgestoßen, folgen dem Gang der Dinge schwankend und gebannt.

Dabei ist das Schicksal, das sich auf den ersten Seiten von Anna Katharina Hahns Roman „Am Schwarzen Berg“ entfaltet, auf den ersten Blick ein alltägliches, durch und durch prosaisches. Ein Mann, den seine Lebensgefährtin unter Mitnahme der Kinder verlassen hat, zieht wieder bei seinen Eltern ein. Er ist unrasiert und hat wohl nicht gesund gelebt. Als er den Kofferraum auslädt, wird ein Ausschlag auf dem Rücken sichtbar. Der „schlammverschmierte Glasbehälter“, den er aus dem „rostigen Fiat“ hebt und mit Mühe zur Haustür schleppt, ist ein Aquarium. Nun ja, das ist rührend und lächerlich, also normal, dass man sich an ein solches Erinnerungsstück klammert, ein Modell der heilen Welt. Furchtbar wird das Ganze dadurch, dass wir es mit den Augen Emils, des Nachbarn, sehen und dass wir sehen, wie Emil es von seinem Balkon aus beobachtet. Im Ungesunden und Ungepflegten der Erscheinung dieses Peter, den Emil schon als kleinen Jungen kannte, sieht er Vorzeichen des Unheils. Wir ahnen, dass diese übergriffige Sorge, diese Phantasie der Identifikation, die das Objekt verloren gibt, das sie weder festhalten noch loslassen kann, ihren Anteil am Unglück hat. „Emil umklammerte das Geländer mit beiden Händen, fühlte den brüchigen Lack.“

Zur Nachempfindung dienen Rückblenden

Im Kosmos dieses Romans wimmelt es von porösen Oberflächen. Die Personen fühlen, dass der Anstrich von Alltagssicherheit abblättert, der doch ersichtlich Mimikry war, durchschaubare Tarnung. Über zwei Kapitel dehnt der Roman den Bericht über Emils Wacht auf dem Balkon. Am Anfang hält sich Emil noch am Geländer fest, am Ende kauert er hilflos auf dem ungefegten Boden, und seine Frau Veronika muss ihn aufheben. Eine Studie über Scham und Enthemmung: Fast unerträglich präzise schildert Anna Katharina Hahn jedes physiologische Detail an diesem Häufchen Elend. Wie Veronika ihrem Mann zunächst nicht aufhilft, darin steckt schon die ganze Geschichte dieser Ehe, einer auf Wegsehen gegründeten Symbiose von Alkoholikern.

Damit wir nachempfinden, wie die Qual des Beobachters im Balkonversteck sich hinzieht, werden Rückblenden eingeschoben: Emils letzter Besuch bei Peter, der Einzug von Peters Familie ins Nachbarhaus. Als Dr. Hans-Joachim Rau 1979 das Haus am Waldrand in Besitz nahm, sah sein Nachbar, wie der Daimlerbesitzer „mit dem Fuß gegen den bröckelnden Putz“ trat. Das Haus in einem kleinbürgerlichen Viertel, in dem Raus Sohn, der nicht Medizin studieren wollte, dreißig Jahre später eine Wohnung bezog, ist ein dreistöckiger Nachkriegsbau „mit vermoostem Dach und bröckelndem blauem Verputz“.

Schöne Dinge, böser Glauben

Emil Bub ist Deutschlehrer, und im vernachlässigten Arztsohn hatte er den Musterschüler gefunden, den das Gymnasium nicht mehr hervorbringen will. In der Schule gibt der Studienrat sich nur mit der Oberstufe ab, doch den kleinen Peter im Privatissimum ließ er eines der dunkelsten Gedichte Eduard Mörikes auswendig lernen, „Die Elemente“. Der erste Vers liefert den Titel des Romans: „Am schwarzen Berg da steht der Riese“. Die Straße, in der die Raus und die Bubs wohnen, heißt Am Schwarzen Berg, und Emil hat Peter das Märchen erzählt, Mörike habe das Gedicht auf einem Spaziergang dort geschrieben. „Am Schwarzen Berg“ ist eine Travestie des Bildungsromans, der Roman einer Verwahrlosung. Der Bildungsehrgeiz kennt das Instrument der im Fortgang der Unterweisung aufzuklärenden Täuschung. Im Gefilde des Schwarzen Berges gibt es keine harmlose Lüge.

Die Schildkröte, die Peter von Emil geschenkt bekam, stammte aus der Zoohandlung. Indem Emil erzählte, er habe sie im Garten gefunden, nährte er in seinem Schützling den Glauben des Müßiggängers, die schönen Dinge liefen einem zu. Mia, Peters Freundin, weiß, dass man im Leben nichts umsonst bekommt. Ihre Mutter war Putzfrau. Als Mia Peter verließ, weil er sich mit dem sozialen Abstieg arrangiert hatte, musste sie eine böse Lüge einsetzen, damit die Kinder im Auto sitzen blieben. Veronika Bub-Beyer, ihres Zeichens Bibliothekarin, füllt die Aschenbecher mit halbgerauchten Zigaretten, weil sie dem Aberglauben huldigt, das Gift konzentriere sich auf den letzten Millimetern. Emil gibt sich am Telefon als Peters Vater aus, und Veronika lässt einen früheren Liebhaber in dem Glauben, sie sei Peters Mutter.

Zeitkritische Topoi gewinnen begriffliche Präzision

Mörike hat den „Elementen“ ein Motto aus dem Römerbrief vorangestellt, die Verheißung des Lebens in der Wahrheit: „Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.“ Die Erfahrung der Entfremdung wird als Versprechen der Heimkehr gedeutet. Der Riese des Gedichts ist ein Vollstrecker des harten Naturgesetzes, der „rastlos wütend“ in „schmerzensreichster Lust“ der Hoffnung eine Bresche schlägt: Mit seiner „alten Keule“ spaltet er den Erdkörper. Im Roman pflanzt sich diese Spaltung in den Haarrissen der Fassaden fort, die dem Spaziergänger überall in Stuttgart ins Auge fallen.

Die Zeit der Handlung ist die Gegenwart. Ausgelöst wurde Mias Trennung von Peter dadurch, dass Peter mit den Kindern in den Schlossgarten umgezogen war, ins Lager der Gegner von Stuttgart 21. Er redete sich ein, dort, in der Großfamilie der Naturfreunde, erfülle sich das von Emil gepredigte Evangelium nach Mörike. Viel ist über romantische Antriebe und apokalyptische Anfechtungen der Bewegung der Bahnhofsbaugegner geschrieben worden. Bei Anna Katharina Hahn gewinnen diese zeitkritischen Topoi nun geradezu begriffliche Präzision - so sorgfältig ist ihre Erzählung gebaut. Sie muss die Szenerie des Lagers gar nicht ausmalen. Beschrieben wird nur, was im Motivzusammenhang Bedeutung gewinnt. Auf Blutreste und Schmutzflecken kommt es an, Spuren von Verletzungen, die auch dort anfallen, wo Unversehrtheit beschworen wird.

Bei Paulus folgt auf den von Mörike zitierten Vers der Ursatz einer ökologischen Theologie. Nicht nur die Menschen warten auf die Erlösung. „Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.“ Demgemäß findet man zu Peters aufgeplatzter Haut in allen Dingen allegorische Entsprechungen. Der Leser macht sich Emils Überempfindlichkeit so sehr zu eigen, dass er sogar mit einem Stück Träubleskuchen mitleiden wird, mit dem Peters Mutter Carla die Lebensgeister ihres Sohnes aufpäppeln möchte. „In den Hohlräumen der aufgeplatzten Baiserkruste krochen Wespen herum. Ihre prächtigen schwarzgelben Leiber bewegten sich leicht auf und ab, während sie mit den Gebisszangen süße Krümel herausrissen.“

Die Kinderlosigkeit als Drückebergerdasein

Der Roman fängt übel an und geht böse aus. Er unterhält durch Momente des grotesken Humors. Der Bücherwurm Emil Bub erkennt nicht, dass die Fabel all der Rarissima der Mörike-Biographik, deren Spur er auf Antiquariatstouren mit Peter an der Seite verfolgt, von ihm selbst erzählt. Das Erinnerungsbuch des Mörike-Freundes Carl Fridolin Weinsteiger, 1899 „in verschwindend geringer Auflage“ gedruckt, enthüllt, dass der Dichter mit Maria Meyer, seiner Peregrina, eine Zweitfamilie gründete. Diese Auflösung von Mörikes Lebensrätsel ist spießbürgerliche Wunscherfüllung. Wie Mörike nach dieser Legende einen Sohn hatte, ersetzt Peter den Bubs das eigene Kind. Und wie Weinsteiger seinem Helden angeblich in den abenteuerlichsten Verkleidungen nachstieg, kann man Emils nachbarschaftliche Fürsorglichkeit Stalking nennen.

Emil Bub ist bei Facebook. Als Passfoto hat er ein Mörike-Porträt eingestellt. So liegt vor aller Augen, dass dieser brave Lehrer sich in der Rolle getäuscht hat. Er verhält sich wie ein Schüler und erfüllt das Gesetz, das ihm sein Nachname vorgibt. Das Weinsteiger-Buch hat Anna Katharina Hahn erfunden. Hermann Lenz, der im Roman seinerseits Gegenstand von Emils Nachstellungen wird, hat ein solches Buch 1981 sogar geschrieben: „Erinnerung an Eduard“. Der Mörike-Freund dieser fiktiven Memoiren heißt Otto Nestle. Im Alter erinnert er sich: „Vielleicht ein schrulliger Gedanke, dieses: Du drückst dich vorbei am Leben, weil du keine Kinder hast.“ Um diesen Gedanken machen die Bubs durch die Adoption Peters einen Bogen. Für Peter sind die Söhne sein Leben. Mozart klagt in Mörikes Novelle: „Ward ich denn je nur meiner Kinder ein volles Stündchen froh?“ Peter hat Mia eröffnet, er wolle seine Zeit lieber mit den Kindern verbringen als im Büro. Er ist ein Künstler ohne Werk.

Wie Anna Katharina Hahns vielbewunderter erster Roman „Kürzere Tage“ sich nicht in der Satire auf den Perfektionismus der modernen Mütter erschöpfte, so dient in „Am Schwarzen Berg“ die Kinderlosigkeit als Exempel für das bürgerliche Problem des ungelebten Lebens. Mörike gründete mit seinem Freund Ludwig Bauer das Phantasieland Orplid. Postbiedermeierlich geht von virtuellen Identitäten die Rede. Der Realität versichert man sich in der Stadt unter dem Schwarzen Berg durch den Ekel. „Auf der Rolltreppe zuckte Veronikas Hand vor dem fettigen schwarzen Halteband zurück.“ Wer diesen Roman ausgelesen hat, kehrt heim in eine fremde Welt.

Anna Katharina Hahn: „Am Schwarzen Berg“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 237 S., geb., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Patrick Bahners - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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