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Anthony McCarten: Ganz normale Helden

Und Trauer lässt sich doch nicht teilen

Von Anja Hirsch
 - 16:50
Rezension: Anthony McCartens „Ganz normale Helden“ Bild: Verlag, F.A.Z.

Normalerweise ist Jim die Zuverlässigkeit in Person. Er ist Anwalt, und das sagt auch etwas über seinen Charakter: korrekt, verlässlich, ein klarer Kopf. Seit dem Tod seines Sohns Donald kommen ihm diese Eigenschaften allerdings mehr und mehr abhanden. Von seiner Frau Renata hat er sich distanziert. Sein zweiter Sohn Jeffrey, gerade 18, sitzt stundenlang an einem Computerspiel, das täglich mehr Mitglieder zählt, nach Angaben der Betreiber das größte „Echtzeit-Erzählexperiment“, seit Gutenberg die Druckerpresse erfunden hat. Keiner weiß, wo diese gigantische Pixel-Welt eigentlich endet.

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Es gibt endlose Wüsten, düstere Gebirge, Städte, in denen man auf Krieger trifft, die man niederstrecken muss, bevor sie einen selbst töten. Wenn das passiert, „np“, no problem, wie es im Chat heißt - ab ins Reinkarnationszentrum. Leider hat man dann zwar alle erworbenen Fähigkeiten auf einen Schlag verloren. Aber man kann sich praktischerweise neu erfinden, mit stählernem Körper und verführerischen Eigenschaften.

Ungeahnte erzählerische Möglichkeiten

Anthony McCartens Roman „Ganz normale Helden“ nimmt Fahrt auf, als Jim, der trockene Anwalt, diese Welt erstmals betritt. Er will dort seinen Sohn Jeffrey finden, denn der ist über Nacht einfach von zu Hause ausgezogen, ohne den Eltern eine Nachricht zu hinterlassen. Die Online-Suche erweist sich als schwieriger als gedacht. Denn „Merchant of Menace“, wie Jeffrey im Spiel heißt, ist für den als harmlose Spielfigur gut getarnten Vater auch hier nicht zu sprechen. Meistens hat er gerade keine Zeit, weil er andere Neulinge gegen echtes Geld in der Kunst von „Life of Lore“ unterweist.

Oder aber er weilt in einem virtuellen Club, den Jim erst betreten darf, wenn er Level vier erreicht hat. Auf Level zwei immerhin springt ihm Jeffrey freundlicherweise zur Seite, als er gerade mal wieder von besonders aggressiven Mitspielern angegriffen wird. Sein Erstgeborener - welch ein Held! Da klopft das Vaterherz höher, und überhaupt sieht er Jeffrey im virtuellen Umfeld mit neuen Augen. Manches freilich hätte er lieber nicht gesehen.

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McCartens Idee, den Generationenkonflikt virtuell durchzuspielen, birgt für die Beziehung zwischen Vater und Sohn Chancen wie Risiken. Vor allem aber eröffnen sich ungeahnte erzählerische Möglichkeiten, die McCarten mit Witz und viel Charme für seine emsig eifernden Figuren nutzt. Sie wächst einem bald ans Herz, diese trauernde Familie, die nach dem Tod Donalds weiterzuleben versucht.

Die Rettung der Figuren

Donald, der an Krebs starb, kennen McCarten-Leser aus „Superhero“. Die Verfilmung des 2007 erschienenen Romans läuft gerade unter dem Titel „Am Ende eines viel zu kurzen Tages“ auch in deutschen Kinos. Doch auch ohne Kenntnis der Vorgeschichte wird man schnell mit dem Kern einer Trauer bekannt, die alles verändert. Jeder geht damit anders um. Jeffrey schreibt dem toten Bruder Kurznachrichten auf dessen Handy, das er mit ins Grab geworfen hat. Die Mutter holt sich Ratschläge bei einem anonymen Beichtvater aus dem Internet.

Und als schließlich der andere Sohn Jeffrey unauffindbar verschwindet, kämpft sie mit allen erdenklichen Mitteln. Sie startet peinliche Suchaktionen als Werbetafel vor Kaufhäusern oder sprüht Graffiti an Autobahnbrücken. McCartens Porträt dieser auseinandergebrochenen Familie bewegt nicht zuletzt deshalb, weil es die Einsamkeit des Einzelnen lange nur in seinen absurden Handlungen spiegelt, ohne sie eigens benennen zu müssen. Es lässt kaum Raum für Begegnungen. Trauer erscheint hier als etwas, das sich nicht teilen lässt, das vereinzelt. Und das man gar nicht so gern hergeben will.

Nun hat der 1961 geborene Neuseeländer Anthony McCarten als virtuoser Herrscher über erzählte Welten, die sich ineinander- und gegeneinanderschieben lassen, noch ein ganz anderes Anliegen. Er will seine Figuren der Trauer nicht einfach anheimgeben, sondern ihre Rettung erwirken. Er will sie wieder einander sich zuwenden lassen. Dass er dazu eine virtuelle Parallelwelt erschließt, ist ein genialer Trick, eine Verdopplung dessen, was auch Literatur unter anderen Rahmenbedingungen erlaubt: Rollen auszuprobieren, ohne die Konsequenzen für das eigene Verhalten tragen zu müssen. So jedenfalls die Theorie der Spiele-Befürworter.

Mit blitzenden Dialogen und Selbstgesprächen

Mit deren Überprüfung macht es sich McCarten, vermutlich nach eingehender Recherche, nicht leicht. Er schickt Jim mit mächtigem Tastaturgeklapper geradezu unbewaffnet auf ein Terrain, das so verteufelt furchtbar zunächst gar nicht wirkt. Jim benötigt erst einmal einige Einführungshilfen, bevor er wendig wie Luke Skywalker Tötungsmanöver überlebt. Und da Jim ein persönliches Anliegen hat, ist er gelehrig, bald sogar ehrgeiziger als notwendig. Das Kind im Manne erwacht - während Jeffrey, Jims Sohn, einen harten Aufprall in der harschen Wirklichkeit erleben wird und in kürzester Zeitspanne um Jahre nachreift.

Das ist eingängig, klug, hintergründig erzählt und unangestrengt übersetzt, mit blitzenden Dialogen und Selbstgesprächen, in rascher Spielgeschwindigkeit, die in Erschöpfung mündet. Anthony McCarten hat seinen Roman gut rhythmisiert. Alltag und Spielwelt wechseln einander in immer kürzeren Abständen ab. Man wird selbst kurzzeitig süchtig nach der Fortsetzung der Abenteuer in „Life of Lore“. Wie langweilig ist dagegen Jims Büroleben, seine Gespräche mit dem zunehmend um ihn besorgten Chef. Lieber mal eben eine lebenshungrige Pixelfrau von Fesseln befreien.

Satire und Tragödie

“Ganz normale Helden“ ist also auch ein skurriler Trockenkurs für Online-Spiele, der Abglanz der realen Welt, die McCarten hier wie in einem Spiegel haarklein analysiert. Zeitweise spielt der Roman im Chatroom, notiert in rechtschreibfreier Zone. Konkrete Regelhinweise wechseln mit lebensphilosophischen Aphorismen, welche die Sehnsucht nach Anerkennung bedienen: „geschichten sind die landkarten für die erziehung des herzens. sie warnen uns. sie locken und sie führen, beflügeln, tadeln. sie sind großartige ratgeber“, formuliert etwa „Luther“ im Spiel. Was lässt sich dagegen sagen? Als Alternative zum Leben, das macht McCarten mehr als deutlich, eignet sich die Parallelwelt allerdings nicht. Vor allem dann, wenn die Spielfiguren ins echte Leben einzudringen drohen. Cyberstalking bleibt eben nicht unbestraft.

Die Freude beim Lesen dieses Romans verdankt sich aber doch eher dem ungelenken Verhalten seiner eben „ganz normalen“ Helden. Anthony McCarten führt sie zwar gnadenlos vor, verweigert sich aber jedem Zynismus. Seine Prosa kommt ohne Vorverurteilung aus. Sie stellt Fragen und schafft schutzbedürftige Figuren, um die man sich kümmern will. Kein Wunder, dass diese Romane filmtauglich sind - die Drehbücher dazu schreibt der Autor gern selbst.

Seine neue Geschichte vom Vater und dem verlorenen Sohn erzählt am Puls der Zeit von der Notwendigkeit, dass in gewissen Lebensphasen die Rollen auch mal vertauscht werden müssen. Söhne retten Väter im digitalen Dschungel, Väter zeugen Cyberkinder, die Welt steht kopf in diesem rasant erzählten Roman, der regen Gebrauch macht von den diversen Möglichkeiten, das Leben auszuhalten. „Ganz normale Helden“ ist Satire und Tragödie, das Buch zum Virus Spielsucht und gleichzeitig Trauerprotokoll, als Zwitterwesen bitter komisch, erschreckend traurig und voller Empathie.

Anthony McCarten: „Ganz normale Helden“. Roman. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Diogenes Verlag, Zürich 2012. 455 S., geb., 22,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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