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Bei dieser Hitze hilft nur Rum

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Gibt es eine lateinamerikanische Literatur von Rang nach Gabriel García Márquez? Ja, es gibt sie, und sie ist verbunden mit den Namen zweier Autoren, die, aus weit voneinander entfernten Ländern stammend, nicht viel miteinander gemein haben - außer der spanischen Sprache und der gewalttätigen Geschichte des iberoamerikanischen Kontinents. Gemeint ist einmal der Chilene Roberto Bolaño, der für sein fulminantes Debüt "Die wilden Detektive" den Premio Rómulo Gallegos erhielt und im Jahr 2003 mit nur fünfzig Jahren in Barcelona starb. Zum anderen sein Generationsgenosse Tomás González, der nach sechzehnjährigem Exil in den Vereinigten Staaten nach Bogotá zurückkehrte und sich mit einer Romantrilogie über seine Kindheit und Jugend an vorderster Front der kolumbianischen Literatur etablierte.

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Die Biographien beider Autoren, ihre Schreibweisen und Temperamente könnten kaum unterschiedlicher sein: Roberto Bolaños Kronzeuge hieß Jorge Luis Borges, und die Helden seiner im Literaturmilieu angesiedelten Romane waren Schriftsteller, die sich als Schurken oder Betrüger entpuppten - im kulturellen wie auch im kriminellen Sinn. Im Vergleich zu Bolaños ironisch gebrochenen, kunstvoll verrätselten Romanen ist Tomás González auf den ersten Blick ein naiver Realist, der, auf dem Umweg über Faulkner, die vergessen geglaubte und ad acta gelegte Tradition des Indigenismus wiederbelebt. Doch der idyllische Eindruck täuscht, denn hinter der archaisch wirkenden Erzählweise verbirgt sich ein mit allen Wassern der Postmoderne gewaschener Romancier.

"Am Anfang war das Meer" erzählt die Geschichte eines Aussteigers namens J., der zusammen mit seiner Lebensgefährtin Medellín verläßt, um sich auf einer der Küste vorgelagerten Insel an der Grenze zu Panama niederzulassen. Die Handlung spielt Ende der siebziger Jahre, als von der politischen Entwicklung enttäuschte Linke - Stichworte Kuba und Chile - aus den Städten aufs Land zogen, um, wie hundert Jahre zuvor die russischen Narodniki, den Traum vom alternativen Leben nicht mehr kollektiv, sondern individuell zu realisieren. "Selbstverwirklichung" nannte man das, und die Illusion ökonomischer Autarkie gehörte ebenso dazu wie eine erotische Utopie, die den Sexualtrieb - anders als im Lied der Rolling Stones - durch permanente Befriedigung ruhigstellen und befrieden wollte: "Eine feuchte, dunkle Sinnlichkeit bemächtigte sich ihrer Körper. Und während der Regen schwer und monoton aufs Dach trommelte, genossen sie einander bis zur Erschöpfung."

Die beiden Aussteiger scheitern auf der ganzen Linie, nicht nur, weil ihre sexuelle Begierde in der Tropenhitze erschlafft und J., statt nach Elenas Busen, lieber zur Rumflasche greift, um den wachsenden Frust im Alkohol zu ertränken. Seine wirtschaftlichen Aktivitäten haben keinen Erfolg, sie untergraben seine Autorität bei der örtlichen Bevölkerung und vergrößern die drückende Schuldenlast bei der Bank. J.s Versuch, Rinder zu züchten, führt ebenso zum Fiasko wie die Eröffnung eines Dorfladens oder das Abholzen des auf seinem Grundstück wachsenden Waldes, und die Tagelöhner, die er anheuert, wird er nicht mehr los. Am Ende engagiert J., um Ordnung ins Chaos zu bringen, einen aus dem Gefängnis entlassenen Sträfling, dem er keine Fragen über dessen Vergangenheit stellt und der seinen Chef, als dieser ihn fristlos entläßt, mit der Jagdflinte erschießt.

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"Chronik eines angekündigten Todes" könnte der Roman heißen, denn das tragische Ende der Geschichte ist den Lesern von Anfang an bekannt. Doch anders als sein Landsmann García Márquez bestätigt Tomás González keine literarischen Klischees, in denen sich Exotik auf Erotik reimt, sondern dekonstruiert den gängigen Lateinamerika-Diskurs, indem er das Vertraute dem fremden Blick aussetzt - nicht umgekehrt. Unter Verzicht auf kulinarische Sinnlichkeit schildert er Kolumbien als unbekannten Kontinent, den seine eigenen Bewohner nicht verstehen. Die Schwarzen an der Karibikküste erscheinen nicht als exotische Objekte, sondern als gesichts- und geschichtslose Opfer einer unbegriffenen Gewalt, die wie ein Orkan über sie hinwegfegt und sie, ohne ihr Zutun, auf einer einsamen Insel deponiert. Man könnte von einer Wiederkehr des Existentialismus sprechen, die derzeit vielerorts zu beobachten ist, und dazu paßt Kafkas Aphorismus vom "scheinbaren Einpfählen der scheinbaren Sache" - wörtlich und nicht bloß im übertragenen Sinn. Es geht um Stacheldraht, den Elena, während J. in Medellín um Bankkredite feilscht, am Strand hochziehen läßt, um beim Sonnenbaden vor lästigen Blicken Einheimischer geschützt zu sein. "Wenn sie nicht da war, zogen sie einfach den Draht auseinander und zwängten sich durch die Lücke. Jede Woche mußte Gilberto den Zaun aufs neue reparieren, eine nie endende Plackerei, die um so paradoxer war, als Gilberto und seine Familie es selbst waren, die den Draht hochbanden oder aus seiner Halterung rissen."

Der Doppel- und Hintersinn des Romans wird hier sichtbar, ebenso wie seine philosophische Botschaft: Albert Camus läßt grüßen - nur mit dem Unterschied, daß man sich Sisyphus in der Karibik nicht als glücklichen Menschen vorzustellen hat.

Tomás González: "Am Anfang war das Meer". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schultze-Kraft und Gert Loschütz. Verlag Edition 8, Zürich 2006. 175 S., geb., 18,80 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.07.2006, Nr. 162 / Seite 44
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