„Der Kreis“ von Andreas Maier

Stille inmitten des infernalischen Krachs

Von Andreas Platthaus
 - 13:54

„Das Licht ging aus. Moment allergrößter Anspannung. Noch war keiner zu sehen, aber ein undefinierbares, maschinenartiges Geräusch war zu hören, das stetig anwuchs. Dampf. Nebel. Dumpfes, grünrotdunkles Licht und einige wie außer Kontrolle geratene Scheinwerfer, die kreisförmig wirr in den Saal hineinleuchteten und mich an Flaklichter erinnerten. Während alles immer lauter, nebeliger und grünrotdunkler wurde, kamen vorn in der Dunkelheit Menschen auf die Bühne. Die Band. Man hing sich, nur als schwarzer Schemen sichtbar, die Instrumente um oder setzte sich ans Schlagzeug. Währenddessen toste und johlte die Menge um mich herum, und allein von dem schrillen Pfeifen des breitschultrigen, gefönten Mannes, der inzwischen halbschräg vor mir stand und sich leider auch noch genau im Moment seines Pfeifens in meine Richtung wendete, klingelte es in meinen Ohren.“

Generalpause. Im Buch wie in dieser Besprechung. Der Erzähler schweigt.

Andreas Maier ist angekommen. In der Festhalle Frankfurt im Winter 1981, bei einem Rockkonzert. Und beim fünften Band seines auf elf Teile angelegten Romanzyklus mit dem Arbeitstitel „Ortsumgehung“, der das eigene Leben des 1967 geborenen Schriftstellers nacherzählt. Begonnen wurde er 2010 mit „Das Zimmer“, fortgesetzt mit „Das Haus“, „Die Straße“ und „Der Ort“, und nun ist „Der Kreis“ erreicht. Das Prinzip der Titelwahl ist klar: Vom engsten Umfeld weitet sich die Perspektive des Ich-Erzählers immer mehr aus, analog zu dessen Aufwachsen in und Herauswachsen aus einer familiären und geographischen Konstellation, die bis ins Kleinste der Kindheit und Jugend des Autors zu entsprechend scheint.

Wie weiland Thomas Bernhard

Das ist eines jener autobiographischen Romanvorhaben, die in jüngster Zeit viel Aufmerksamkeit finden: Der Norweger Karl Ove Knausgård begann ein Jahr vor Maier mit „Min kamp“ (Mein Kampf) und bleibt darin genauso eng am eigenen Erleben wie der Deutsche. Gerhard Henschel wiederum hatte bereits 2002 auf der Grundlage des eigenen Lebenswegs einen mittlerweile beim sechsten regulären Band - eine Ouvertüre übers Kennenlernen der Eltern ging allem voran - angekommenen Romanzyklus gestartet, der die eigenen Erlebnisse einem Alter Ego namens Martin Schlosser zuschreibt.

Muster für diese Projekte sind jeweils Thomas Bernhards von 1975 bis 1982 veröffentlichte Jugendschilderungen, die allerdings ohne die Gattungsbezeichnung „Roman“ erschienen, aber in der Akribie der Erinnerung bei gleichzeitiger fiktionaler Freiheit im Einzelfall als beispielhaft nicht nur für die beiden deutschen Autoren, sondern auch für Knausgård, den ehemaligen Literaturstudenten und Kenner unserer Literatur, gelten müssen. Nur sind die anderen beiden autobiographischen Romangroßprojekte in ihren Teilen weitaus voluminöser angelegt als Maiers schlanke Bände, die jeweils zwischen 150 und zweihundert Seiten schwanken. Mit dieser zumindest umfangmäßigen Beschränkung der Ich-Bezogenheit eifert er als Einziger des Trios Thomas Bernhard konsequent nach; das neue Buch, „Der Kreis“, ist in drei Stunden Lektürezeit leicht zu bewältigen.

Eine legitime Strategie zur Leserbindung

Als gerade auch formalen Erben Bernhards hatte man Maier schon bei Erscheinen von dessen Debütroman „Wäldchestag“ vor sechzehn Jahren bezeichnet. Das Stilmittel der Suada aber hat er längst ausrangiert; was davon blieb, ist der exzessive Gebrauch von Signalworten. Doch daraus macht Maier viel mehr als eine rhetorische Figur. Dafür bietet „Der Kreis“ ein gutes Beispiel.

Wiedereinsetzen der Erzählstimme: „Mit einer Lärmexplosion und einem gigantischen Aufflammen der Scheinwerfer begann das Konzert. Der erste Moment war bereits so laut, daß ich eigentlich erwartet hätte, alle im Saal würden entweder ohnmächtig umfallen oder zumindest taumeln. Zugleich zu dem gewaltigen Knall setzte sich die Menge der Körper um mich herum in völlig unkontrollierte, chaotische Bewegung. Innerhalb des Explosionsmoments wurde ich durch den Aufprall anderer Körper mindestens zwei, drei Meter von meiner ursprünglichen Stelle gerissen.“

Was den Erfolg von Knausgård, Henschel und eben auch Maier ausmacht, ist die Alltäglichkeit der erzählten Erfahrungen - Kinderfreundschaften, Familiensonderlinge, Schuldesaster, Entdeckung der Sexualität, jugendliche Politisierung und auch Ästhetisierung -, die aber durch ihre Beschreibungsgenauigkeit jenen literarischen Anspruch erhebt, den Fiktion sonst der Phantasie auferlegt. Nichts in diesen Büchern möchte jedoch als ausgedacht identifizierbar sein, alles strebt nach Authentizität; wenn Namen variiert werden, wie bei Henschel, ist das schon der Gipfel der Verfremdung. Suggeriert wird dem Leser, dass auch sein Leben zum Romanstoff tauge, und so sehen wir die großen autobiographischen Zyklen als Bestätigung unserer eigenen Bedeutung. Das ist als Strategie zur Leserbindung legitim; über die literarische Leistung sagt es nichts aus - weder im Positiven noch im Negativen.

Tatsache ist, dass Maier mit dem Frankfurter Rockkonzert vom Februar 1981 eine Stimmungsschilderung gelingt, die jeder, der sich zum ersten Mal in eine solche Veranstaltung begibt, nachempfinden kann. Doch was er mit seiner atmosphärischen Prosa eigentlich vorbereitet, ist der Einsatz des Zentralbegriffs seines neuen Romans. Er schließt dabei an zwei früher im Buch geschilderte Eindrücke des Erzählers an: in der mütterlichen Lese- und Schreibstube daheim und vom gleichfalls mütterlichen Klavierspiel.

In der Frankfurter Festhalle aber ist es die Stimme des Sängers („übersetzt in die lauteste Rockmusik aller Zeiten“), die die ästhetische Erfahrung auslöst, und es ist, als hätte Maier eine zeitgemäße Entsprechung zur Szenerie der berühmtesten literarischen Konzertschilderung, des Vortrags der Sonate Verdurins im Salon von Madame de Saint-Euverte in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, gesucht: „Alles hier im Raum wurde von dieser Stimme zusammengehalten und versammelt. Es wirkte, als würde sie allen eine Kraft oder etwas Immaterielles spenden, das eminent wichtig für ihr Leben zu sein schien, ähnlich wie damals der Geist im Bücherzimmer meiner Mutter, und das geschah noch wesentlich umfassender als bei meinen nachmittäglichen Stunden auf dem Bett mit meinen Schallplatten, denn dort lag ich allein, hier aber war ich inmitten einer allein kraft dieser Stimme und Erscheinung und Musik gezeugten Bruderschaft. Offenbar kam diese Musik erst wirklich zu sich selbst und konnte so viele Menschen versammeln, wenn sie sich ganz in Lärm auflöste, wodurch seltsamerweise fast so etwas wie Stille inmitten des infernalischen Krachs entstand. Ich begann nun darauf zu achten, ob sich, wie damals im Bücherzimmer mit den Gardinen oder bei den Bach-Akkorden meiner Mutter, jenes Durchwehen einstellen würde.“

Mit dem letzten Satz wird aus dem hier dreizehnjährigen Ich-Erzähler jener Phänomenologe, der heute einen Roman wie „Der Kreis“ verfassen kann. Er erkennt wiederkehrende Muster im Leben: konkret das „Durchwehen“, den erwähnten Zentralbegriff. Im mütterlichen Bücherzimmer war es die Erfahrung von Stille und Einsamkeit, die als Einbruch eines neuen Gefühls empfunden wurde: „ein Zug durch den Raum“ - Attraktion. In die Isoliertheit bricht die Erfahrung von Vergeistigung ein. Sie ist Voraussetzung für das Entstehen von Literatur, von aller Kunst. „Der Kreis“ ist das Scharnier in Maiers Romanzyklus: Von nun an werden wir einem Künstler bei seiner Selbstfindung folgen. Wie das hier klargemacht wird, ist das bislang größte Kunststück dieses Projekts.

Andreas Maier: „Der Kreis“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 149 S., geb., 20,- €.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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