Theresia Enzensbergers Debüt

Diese Moderne ist gar nicht modern

Von Andreas Platthaus
 - 12:49

Es gibt einen Moment in diesem Roman, da lebt alles auf: „Ich höre Musik aus der Ferne. Die Ohren sind schneller als die Augen, aber in der Dunkelheit erkenne ich etwas Helles. Ich beschleunige meine Schritte, sie knirschen auf dem gefrorenen Schnee. Mir wächst ein riesiger leuchtender Würfel entgegen, der mitten in der Einöde steht. Das Licht, das durch die enorme Glasfassade nach außen dringt, blendet mich. Das Gebäude glänzt und schwebt, es ist durchsichtig und doch massiv. Es ist wie ein Fremdkörper, wie ein gleißendes Raumschiff, das sich sanft auf der Erde niedergelassen hat und jetzt in scharfgestochenem Kontrast aufrecht und weiß auf dem grauen schneebedeckten Boden thront.“ Alles an dieser Passage ist filmisch: Blickführung, Ausleuchtung, Inszenierung, ja selbst der Musikeinsatz. Es ist eine Heimkehr und doch auch eine erste Begegnung: Luise Schilling trifft am Bauhaus in Dessau ein. Es ist Anfang Dezember 1926.

Die junge Frau war auch schon in Weimar, am ersten Sitz des Bauhauses, gegen den Willen des Vaters, eines erfolgreichen Berliner Unternehmers, aber da es dort auch eine Webwerkstatt gibt, glaubte er die Tochter doch nicht ganz falsch aufgehoben. Immerhin mehr als zwei Jahre vergehen, bis der Vater die Geduld verliert, Luise das Schulgeld streicht und sie aus Weimar zurück nach Berlin beordert, wo sie eine Haushaltsschule besuchen soll. Ihr Traum von einer Architektinnenkarriere scheint ebenso geplatzt wie die Mitgliedschaft in der verschworenen Gemeinschaft der Bauhäusler und die Liebe zu dem brillanten Kommilitonen Jakob. Doch noch einmal drei Jahre später stirbt der Vater, und im familiären Ausnahmezustand, als die Mutter wieder zu sich selbst finden muss und der ältere Bruder die Geschäftsführung übernimmt, findet Luise den Mut, es ein zweites Mal am Bauhaus zu versuchen. In dessen Direktor Walter Gropius hat sie einen Mentor, den ihre autodidaktisch erstellten Architekturentwürfe schon bei der ersten Bewerbung überzeugt hatten. Neuer Ort, neues Glück.

Mut zur Unkonventionalität

Das sind die wichtigsten Ingredienzien des Romans „Blaupause“ von Theresia Enzensberger. Alles ist auf den ersten Blick richtig daran: das Thema pünktlich zum im nächsten Jahr anstehenden hundertsten Bauhaus-Jubiläum, die Ansiedelung der Handlung an beiden Standorten, die Emanzipationsgeschichte einer begabten Frau, die Auftritte von Prominenz in Gestalt der Bauhausmeister von Gropius über Hannes Meyer bis zum Mystiker Johannes Itten, dessen eingeschworene Schülerschar, die in ihrer Irrationalität so gar nicht in die Brutstätte der Moderne zu passen scheint, zum Faszinosum für Luise wird. Auf der ersten Seite des Buchs wird die Ich-Erzählerin die Itten-Schüler noch als „Kuttenträger“ verspotten, doch schon bald gehört sie selbst dazu.

Dieser Umschlag von Ablehnung in Anziehung geht schnell, sehr schnell, wie überhaupt alles sehr schnell geht in diesem Roman, der für sieben Jahre Handlungszeit gerade einmal 240 Seiten braucht. Und dann zum Schluss noch einmal sieben Seiten für rund vierzig weitere Jahre, das Leben von Luise nach dem Bauhaus, erzählt in Form von unchronologisch sortierten Dokumenten aus ihrem Nachlass – ein Bruch, so wie es auch am Ende der Weimarer Hälfte des Buchs jenen Brief des Vaters als Addendum gab, mit dem er Luise nach Berlin zurückzwang. Diese Einbeziehung von weiteren Stimmen neben jener der Ich-Erzählerin ist ein schöner Kunstgriff, doch er kommt jeweils viel zu spät, und er wird viel zu wenig eingesetzt. Was diesem Roman fehlt, ist gerade das, was das Bauhaus ausgemacht hat und was Luise daran bewundert: Mut zur Unkonventionalität.

Reibungs- und somit auch reizlos dahinschnurrende Chronologie

Theresia Enzensberger lässt ihre Protagonistin zunächst wie den Backfisch erzählen, der sie ist. Inhaltlich ist das konsequent, aber schwer erträglich: die Sprache schwärmerisch, ohne jemals reflektiert zu sein. Immer wieder werden Weihnachten und Ostern zu zeitlichen Referenzpunkten, als könnte sich Luise niemals aus der Rolle des Nesthäkchens lösen, das sie aber längst nicht mehr sein will. Man könnte das als ironisches Signal der Autorin für eine subtile Selbsttäuschung ihrer Erzählerin betrachten, wenn es denn im Buch weitere Anhaltspunkte dafür gäbe. Ironie spielt keine Rolle; Theresia Enzensberger meint ihre Geschichte einer weiblichen Selbstermächtigung bitterernst.

Dass sie den blinden Fleck der Moderne, die Miss-, um nicht zu sagen Verachtung weiblicher Kreativität durch die männlichen Platzhirsche, sichtbar macht, ist verdienstvoll, aber heute nicht mehr sonderlich originell. Nun ist Originalität keine notwendige Bedingung für ein gelungenes Buch, aber Stilsicherheit und Formgefühl sind es, und daran hapert es in diesem Debüt der Anfangdreißigerin, was umso mehr überraschen muss, als dass Theresia Enzensberger längst als scharfsichtige und sprachmächtige Publizistin bekannt ist. Doch angesichts der Größe des Mythos vom Bauhaus unterliegt sie wie Luise beim Versuch, seinen Erwartungen gerecht zu werden. Nur dass Theresia Enzensberger dafür selbst die Verantwortung trägt.

Das fängt mit dem historischen Präsens als Stilmittel an, das Unmittelbarkeit suggerieren soll, aber durch die reibungs- und somit auch reizlos dahinschnurrende Chronologie der Haupthandlung diesen Effekt ebenso verfehlt wie durch eine Sprache, die bisweilen aus Selbsterfahrungsberichten einer Illustrierten zu stammen scheint: „Das Ausmaß seines Betrugs, dessen ich mir nun so sicher bin, erschüttert mich, aber da ist nicht nur Wut und Demütigung, sondern auch Enttäuschung. Ich fühle mich von mir selbst verraten: Anscheinend habe ich an einem Stück Hoffnung festgehalten, anscheinend ist mir das alles doch nicht so gleichgültig, wie ich es gerne hätte.“

Bunter Themenstrauß, der sich zu leicht nimmt

Es gibt zahllose Details im Roman, die wohl sorgfältig recherchiert, aber für das Geschehen belanglos sind. Ein Beispiel: „Fräulein Schild, Gropius’ Sekretärin, die unter uns Studenten ohne ersichtlichen Grund nur die ‚wilde Ilse‘ genannt wird, kommt in schnellen Schritten auf uns zu.“ Ilse Schild tritt im Roman dreimal auf, dieser Einschub ist die zweite Erwähnung. Er bleibt ohne Relevanz für die erste und dritte oder für irgendetwas, was sonst passierte. Ähnlich verhält es sich mit Moholy-Nagy, Klee und Breuer, die durch die Handlung huschen, Kandinsky wird nur erwähnt, Feininger fehlt.

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Was „Blaupause“, dessen Titel man nicht erläutern kann, ohne den besten Clou des Buchs zu enthüllen, leisten will, ist klar: eine Vergegenwärtigung des Bauhauses, auch dessen Parallelisierung zu unserer Gegenwart mit ihren gescheiterten Idealen und Ideologien. Aber dafür ist Theresia Enzensbergers Blick zu nost- algisch verbrämt, gerade in den Klischees der Geschlechterverhältnisse, die nicht dadurch kompensiert werden, dass es einen Ausflug in die Transvestitenszene des Berlins der Goldenen Zwanziger gibt. Die mangelnde Neugier von Luise Schilling auf ihre eigene politisch hochbrisante Zeit, in der sie – nur zum Beispiel – als Frau erstmals wählen durfte, ist verblüffend und nicht motiviert, denn neben den jeweils rasch eingegangenen Liebesbeziehungen der beiden BauhausAufenthalte bleibt der sehr engagierten Studentin mehr als genug Energie für mikrosoziologische Betrachtungen.

Lesen lässt sich dieser Roman federleicht, und das ist eine Qualität. Aber seinen bunten Themenstrauß – psychologische, historische, ästhetische – hat Theresia Enzensberger auch zu leicht genommen. Ihrem Buch widerfährt, was Luise hundert Seiten nach der emphatischen Ankunft in Dessau als nunmehr verkehrte Reprise erzählt: „Von hier aus kann ich das Bauhaus sehen. Die Nachmittagssonne fällt auf die Wandflächen, die Glasfassaden liegen gräulich und fahl. In ein paar Zimmern im Prellerhaus brennt Licht, die Balkone hängen monoton in Reih und Glied. Das Gebäude starrt mich an.“ Entzauberung der Moderne, ihres Anspruchs.

Hanser Verlag, München 2017. 256 S., geb., 22 Euro

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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