Christa Wolf: August

Und er spürt es bis heute

Von Dietmar Dath
 - 13:26

Der unscheinbare Text sieht und hört alles, erinnert sich und redet darüber, ohne Angst davor, sich Wendungen zu erlauben, die man tausendmal gehört hat - weil es ihm gerade darum geht, die Bestechlichkeit der Seele durchs phrasenhaft Immergleiche zu überwinden, in einem Akt der willentlichen Wiederentdeckung des irreduzibel Besonderen: „Ihm fällt auf, dass er in diesen alten Geschichten blättern kann wie in einem Bilderbuch, nichts ist vergessen, kein Bild verblasst. Wenn er will, sieht er alles vor sich, das Schlossinnere, die breite geschwungene Treppe, jeden einzelnen Raum, die Bettenaufteilung in dem Saal, in dem die Lilo lag.“ Er: Das ist August, nach dem der unscheinbare Text heißt.

Seine Autorin sieht, das ist die poetische Textvoraussetzung, sehr spät noch einmal nach, wie es einer Figur heute geht, die in ihrem Werk schon lange wohnt - seit „Kindheitsmuster“ von 1976. Dort umgibt diesen August ein Erzählzusammenhang, den die Autorin seither abgestreift zu haben schien. Der elternlose Flüchtlingsjunge, den sie als Stimme reicher Erfahrung in „August“ wiederentdeckt, ist im älteren Text nur in einer Art Halbtotale, gleichsam im Profil zu sehen.

Stabile Wunder

Im jüngeren denkt er zurück an die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als er, elternloser Flüchtlingsjunge, dabei war, wie sich die Nachkriegsgesellschaft zusammenfand, im Mikrokosmos eines Krankenhauses, einer - geschichtsschweres Vokabular hallt nach - „Heilstätte“, einer „Mottenburg“ für Tuberkulöse und anderweitig Mangelgeschwächte. Augusts Weg von dort und dann nach hier und jetzt ist Christa Wolf Chiffre fürs Vergehen der Jahre, von denen sie viele, mehr als ein halbes Jahrhundert, an der Seite Gerhard Wolfs verbracht hat, dem ein Envoi im Büchlein dafür dankt - „Was soll ich Dir schenken, mein Lieber, wenn nicht ein paar beschriebene Blätter, in die viel Erinnerung eingeflossen ist, aus der Zeit, als wir uns noch nicht kannten.“

Auch August, der damals, im Krankenhaus, ein älteres Mädchen traf und sich auf kindliche Art verliebte, hat eine Weile danach eine Lebensbegleiterin gefunden. Sie ist schon gestorben, als die im Juli 2011 aufgeschriebene Geschichte beginnt. Die Liebe als gelebte Gemeinschaft hat die davor erfahrene, unwiederholbar überfordernde nicht ausgelöscht, nicht einmal überschrieben. Die beiden Erfahrungen scheinen vielmehr auf eine mit Worten nie greifbare Art ineinander verwoben: Das stabile Wunder senkt sich gleichsam ins flüchtigste, und dichterisch entspricht dem ganz, dass das kaum Benennbare in diesem Text seine Kraft aus dem klar, oft fast überdeutlich Bestimmten schöpft, aus Eigennamen, Liedertiteln, Ortsbezeichnungen.

Kindheitsmuster

„Irgendwann hört jeder seinen Namen wie zum erstenmal“ - so steht’s in „Kindheitsmuster“. Jener Roman holt seine Verfügung übers Material, seine berichtende und urteilende Autorität aus der Fülle seiner Verweise aufs Wissen und Denken - das beginnt mit dem Neruda-Gedicht als Motto und dem berühmten, nicht ausgewiesenen Faulknerzitat übers Vergangene als Romananfang und führt bis zu dem schwindelerregenden, an Pascal anknüpfenden Leitgedanken, das Gedächtnis selbst könnte als das spezifisch Menschliche eines Tages im Historischen verschwinden - wenn sich dann niemand mehr daran erinnert, dass es einmal etwas wie „das Gedächtnis“ gab, ist dies das schlimmste Sterben, das sich denken lässt.

Liest man „Kindheitsmuster“ wieder, von „August“ dazu eingeladen, erinnert man sich an die Vorwürfe und den Spott, die Christa Wolf seit den späten achtziger Jahren ertragen musste: Sie sei jemand, der das Begreifen überm Ergreifen vernachlässige, die emotiven Passagen ihrer Bücher überwucherten die beschreibenden und die reflexiven. Es ist nicht wahr - im Gegenteil, von „Kindheitsmuster“ bis zu den „Gesammelten Erzählungen“ von 1989 findet sich fast zu viel Gedankenprosa, herrscht die transparente, hell rationale Konstruktion, zusammengehalten nicht selten von Maximen, Aphoristischem, sentenziöser Logik, die spricht wie eine ortlose, an niemand Bestimmtes gerichtete Inschrift. „Irgendwann hört jeder seinen Namen wie zum erstenmal.“

Trauer und Glück vermischt

Dieser Sentenz antwortet in „August“ eine kleine Passage, die das Sentenzenmachen einfach los wird, indem sie den hochabstrakten Gedanken liebevoll ins Allerkonkreteste bettet: „Und wie sie dann fragte, wie er heiße, und wie er ihr seinen Namen sagen musste: August. Und wie sie den Namen wiederholte, so dass er ganz anders klang, als wenn ein anderer ihn aussprach, und wie gerne er dann immer seinen Namen aus ihrem Mund hörte. Denn von diesem Tag an hing er an ihr.“

Nirgends in „August“ begegnen wir den Mängeln, die so viele gegenwärtige Versuche in der ars memoria belasten, dem Sentimentalen, dem Gezierten („bemerkte die fünfjährige Chantal“), dem Altbackenen oder ihrer aller schädlichstem Gegengift, dem aufgesetzt Lakonischen. Wir sind ganz im Jetzt, wenn August die Passagiere („eine Gruppe quietschvergnügter Rentner“: das Klischee selbst schlägt hier seinen ihm wesensgemäßen Lärm) einer Busfahrt durch die Welt steuert und dabei im Unwiederbringlichen Zuflucht sucht vor dem Gefühl, es bleibe nur noch wenig Zeit, sich zu erinnern - einem Empfinden, das wenig mit dem Altern des sich erinnernden Subjekts zu tun hat und alles mit dem Altern der Welt als solcher.

Es ist das Gefühl, das man spürt, wenn man im Handy-Nummernverzeichnis auf den Namen eines Menschen stößt, der nicht mehr lebt: Man kann da nie mehr anrufen, aber man darf das nicht löschen, und das ist kaum auszuhalten, aber wahr. „August erinnert sich, dass am Abend, als das Hannelörchen gestorben war, die Lilo den Kindern kein Lied zur Guten Nacht sang. Stumm saß sie wie immer auf seinem Bett, und er fragte sie, leise, dass die anderen es nicht hörten: Bist du traurig?, und die Lilo sagte leise: Ja. Und August spürte, und er spürt es bis heute, dass er der Lilo niemals näher kommen würde als in dieser Minute, und er lernte, dass Trauer und Glück miteinander vermischt sein können.“

Die Wahrheit der Erinnerung

Vor ein paar Jahren durfte der Rezensent in schicklicher Hörweite verfolgen, wie Christa Wolf in einem Berliner Restaurant beim Abendessen mit einem jüngeren Kollegen dessen neuesten Roman besprach, den sie offensichtlich mindestens so sorgfältig gelesen hatte wie das Lektorat des gemeinsamen Verlags: „Also, das Buch hat ein schreckliches Ende. Furchtbar traurig“, sagte sie. Als der von diesem Urteil erkennbar bestürzte Kollege den Blick auf seine Nudeln senkte, um seine Dünnhäutigkeit nicht weiter zu entblößen, setzte die Bewunderte mit warmer Stimme hinzu, so billigend wie nachdenklich: „Aber das ist ein Ende. Es hat eins, das ist doch was.“ In den ersten beiden Sätzen sprach die Leserin, in den beiden andern die Lehrerin.

„August“ ist, außer weise und tief, auch eine unaufdringliche Sammlung technischer Feinheiten, die sich die Schriftstellerin erarbeitet hat und die sie hier großzügig weitergibt: Wie klug ist etwa der bewegliche Querschnitt der Erzählzeiten - allein das Händchen dafür, wann und wie man aus dem Imperfekt ins Präsens wechselt und zurück, wo man für solche Scharnierstellen einen Absatz macht und wo nicht, ersetzt als Anschauungsunterricht massivste erzählkundliche Lehrbuchbatterien. Das Sanatorium, den Jungen, die von ihm scheu und sehnsuchtsvoll Geliebte: Sie alle hat es wirklich gegeben. Die Schriftstellerin war, in einem anderen Leben, beteiligt an allen Wahrheiten, von denen sie berichtet. Sie hat sie nicht erschaffen, sondern ist, sagt der dankbare, erfüllte Ton des Textes wie des Briefes, der ihn begleitet, von ihr erschaffen worden, als Person wie als Autorin. Christa Wolfs Erinnerungskunst findet in „August“ kein Ende. Sie braucht keins, denn nicht nur das Leben geht weiter, sondern auch seine Wahrheit.

Christa Wolf: „August“. Erzählung. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 38 S., 14,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenChrista WolfBestechlichkeitKrankenhaus