Neuer Roman von Clemens Setz

Wer ist hier eigentlich krank?

Von Jan Wiele
 - 15:18

Diesen Roman zu lesen ist eine Qual, das muss man so sagen. Aber das heißt nicht, dass es sich nicht lohnt. Vielleicht ist das bei Literatur noch immer (oder heute wieder) ein geläufiges Missverständnis, dass sie uns, ohne zu sehr zu verstören, hübsch durchpsychologisierte Geschichten und Figuren servieren soll, die letztlich unser Weltbild bestätigen. Von moderner Kunst zum Beispiel würde man das ja nicht unbedingt erwarten. Bei einem Roman von Clemens Setz sollte man es auf keinen Fall erwarten.

Der 1982 in Graz geborene Autor hat offenbar die Tradition der modernen, insbesondere der österreichischen Literatur verinnerlicht: Sprachkrise und Empiriokritizismus in der Muttermilch sozusagen. Empfindungszergliederung von Mach bis Musil, Formzertümmerung von Bahr bis Bernhard. Was Setz noch mit dem „nervösen“ Zeitalter verbindet, ist der Hang zur Darstellung von Krankheit und Deformation.

Eine Protagonistin von Aurigkeit

Aber seine Literatur ist bei weitem keine der nur wiederholten Moderne, denn sie erschließt stofflich ganz neue, gegenwärtige Erfahrungsräume, insbesondere die Auswirkungen der Internetkommunikation. Manchmal kippt sie auch ins Genre der dystopischen Science-Fiction – und nicht selten ertappt man sich dabei, etwas googeln zum müssen, um zu sehen, ob es das wirklich gibt oder man wieder nur einem verrückten Setz-Einfall aufgesessen ist.

Dieser Erfindergeist bedingt, dass die Erzählungen von Clemens Setz auch sprachlich neue Wege beschreiten. Der Autor liebt Neologismen. Gleich auf den ersten Seiten plaziert er das für den Roman zentrale Adjektiv: „aurig“. Das klingt ein bisschen wie „traurig“ ohne „tr“, leitet sich aber von „Aura“ ab. Und für Menschen mit einer besonderen, auch unheimlichen Aura hat Setz seit jeher ein Faible; man denkt gleich auch an die seltsame Indigo-Krankheit in seinem letzten Roman.

Bis in die hintersten Winkel der Wahrnehmung

Hier nun trifft es eine junge Frau, Natalie Reinegger: „Aurig – das war ihr Wort, seit der Kindheit, für den Zustand, der einem Grand-Mal-Anfall vorauszugehen pflegte.“ Mit diesem Satz weiß man das Wichtigste über die Protagonistin des Romans, dass sie nämlich sozusagen unter Strom steht, immer bedroht von einer epileptischen Attacke der großen Malaise, ja vom großen Meltdown und dem Todeshauch, wie es später heißt. Trotz oder gerade wegen dieser Disposition ist Natalie eine, die sich um andere Kranke kümmert. In Graz arbeitet sie in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Aber über die ersten paar hundert Seiten wird man sich zunächst immer sicherer, dass die Hauptfigur noch kränker ist als alle Insassen des Wohnheims.

Sie hat ständig eine imaginäre Maus auf der Schulter. Sie zeichnet ihre eigenen Essgeräusche mit dem iPhone auf und macht daraus einen Podcast, den sie zur Austreibung musikalischer Ohrwürmer hört. Wenn sie die Haut einer anderen Frau sieht, die sich jahrelang geritzt hat, möchte sie „am liebsten Honig darauf schmieren“, einem Patienten sieht sie sich im Geiste eine Axt in den Schädel hauen. Sie würde am liebsten Hundehaufen mit der Zunge berühren. Unter einer Brücke hat sie fast täglich Oralverkehr mit fremden Männern, während sie mit dem von ihr hinausgeworfenen Freund, der sie offenbar noch liebt, Chat-Spielchen treibt: Sie schreibt ihm etwa „Warum rufst Du nicht zurück, Schatz?“, nur um dann, wenn er es tatsächlich tut, mit den Worten „Ich kann jetzt nicht!“ aufzulegen.

Verwirrung als Metakommentar?

Dieser Natalie folgt der Leser in die hintersten Winkel ihrer Wahrnehmung, ihrer sexuellen Vorstellungen, die für die meisten wohl als ekelhaft gelten, ihrer Assoziationen, die nach medizinischer Definition wohl manifeste Zwangsneurosen sind. Aber genau das stellt der Roman mit aller Sprachphantasie in Frage: was eigentlich normal und was krank ist.

Das Aufweichen fester Vorstellungen und gängiger Erzählungen kann sich bei Setz auch an scheinbar geläufigen Begriffen festmachen. Ein für den Roman zentraler ist der des Stalkers. Um ihn konzentriert sich eine Handlung, die den Roman in Richtung Thriller wendet: Natalie pflegt nämlich einen Mann im Rollstuhl, Herrn Dorm, der vor Jahren einen Herrn Hollberg derart verfolgt und belästigt haben soll, dass dessen Frau sich umbrachte. Nun besucht kurioserweise Herr Hollberg seinen früheren Stalker regelmäßig, und die beiden scheinen sich auch noch prächtig zu verstehen. Was hinter dieser seltsamen Geschichte steckt, in die Natalie sich aus Empathie wie aus Neugier immer tiefer verstrickt, wird nur sehr langsam klarer und birgt überraschende Wendungen, bei denen Täter und Opfer des Stalkings mitunter die Rollen tauschen und die Grenzen zwischen Zuneigung und sadistischem Psychoterror verschwimmen. Sind am Ende sogar die Therapeuten die Stalker der Patienten, denen sie ihre Vorstellungen aufzwingen? Was wie Liebe wirkt, kann hier auch ein subtiler Akt der Rache sein.

Nerdhafte Kryptokommunikation

Vielleicht ist diese Verwirrung eine Art Metakommentar zu jüngst erschienenen Stalking-Romanen wie jenem von Dirk Kurbjuweit und Judith Hermann, etwa mit dem Tenor: Es ist alles noch viel komplizierter. Genau das ist es allerdings auch, was die Lektüre von Setz’ Roman zur Arbeit macht. Sie ist eine permanente hermeneutische Herausforderung, manchmal eine Zumutung. In der Schreibart von Setz spiegelt sich eine Vorliebe seiner Hauptfigur für die sogenannte „Nonseq“-Kommunikation, also auf Bahnen der freien Assoziation, bei der nicht eines aus dem anderen hervorgeht, sondern Prinz Albert sich auf Mehl und Hirsche reimt, warum auch immer. Das erinnert an die écriture automatique der Surrealisten und ist mitunter auch amüsant: Es liegt ja oft ein unerklärliches Glück im Sprachspiel, und für Natalie ist „Nonseq“ das Gegengift zur „Aurigkeit“. Zudem sind die Figuren, wie so oft bei Setz, synästhetisch begabt, sie haben zum Beispiel ein dunkelgoldenes Gefühl auf der Schädeldecke.

Und wenn man gerade denkt, der Autor habe sich Quatsch ausgedacht wie zum Beispiel bei der Abkürzung ASMR für „Autonomous Sensory Meridian Response“, eine Art Gehirnsex, aber zur Sicherheit noch mal nachschaut, dann kommt man auch eingedenk des alten Diktums von Philip Roth ins Staunen, dass die Wirklichkeit verrückter ist als jede Fiktion: Denn tatsächlich gibt es im Netz ASMR-Videos, in denen etwa eine russische Amerikanerin mit den Fingern durch eine Haarbürste geht und eine Duftkerze beschwört, und das schauen sich zwölf Millionen Menschen an und schreiben darunter: Oh, mein Gott, danke für diese außergewöhnliche Erfahrung!

Unter der Last des Enzyklopädischen

Auf Dauer allerdings ist die Kryptokommunikation in diesem Roman, der zu einem Großteil aus nerdhaften Dialogen besteht, anstrengend bis zur Erschöpfung und stellenweise auch bis zu einer gewissen Wut über die Aufzeichnung noch der letzten kuriosen Beobachtung, aus der nichts hervorgeht. Vielleicht ist auch das ein Programm des Buches, nämlich die Frage zu stellen, was eigentlich relevante Informationen sind. Und man wird oft das Gefühl nicht los, dass die Figur Natalie nur ein sehr großes Gefäß ist für die universalistischen Interessen des Autors, ob diese sich nun auf abseitige Videos, Computerspiele, Fernsehsendungen oder medizinische Phänomene richten.

Für Setz-Dimensionen ist „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ – der Titel verweist auf eine misogyne Assoziation des Stalkers von Frauen- und Instrumentenkörper – zwar ziemlich realistisch erzählt, denn es gibt nur eine Fiktionsebene, dafür ist der darin angelegte Intertext aber umso größer. Zum Aufspüren der zahlreichen Verweise, die von John Updike über Stephen King zu Halldór Laxness reichen und die zwischen Liebesroman und Horrorfilm changierende Atmosphäre noch anreichern, könnte man ein Dechiffriersyndikat beschäftigen. Zudem ist der Text durch ein Netz von Motiven und Schlüsselbegriffen strukturiert.

Einiges hätte man lieber nicht gelesen

Doch er droht unter der Last des Enzyklopädischen zusammenzubrechen. Am Ende erinnert er an ein medizinisches Diagnosemanual, wenn auch eines mit lauter fiktiven Krankheiten, eine Art literarische Version der ICD (International Classification of Diseases), insbesondere des Kapitels über psychische und Verhaltensstörungen.

Der Roman kann auch einen ähnlichen Effekt zeitigen wie dieses Kapitel im Handbuch: Je mehr man liest, desto öfter beschleicht einen das Gefühl, dass das Beschriebene auch auf einen selbst zutreffen könnte. Das ist das Phänomen der angelesenen Krankheit, der „Google Disease“, die Menschen bei sich selbst diagnostizieren und damit Ärzte zur Verzweiflung bringen.

Insofern ist der Roman von Setz ein Buch, das im Gegensatz zu vielen anderen heute erscheinenden tatsächlich eine ästhetische Wirkung hervorruft, wenn auch nicht unbedingt eine angenehme: Einiges darin hätte man lieber nicht gelesen und sich vorgestellt. Für anderes dagegen ist man dankbar, etwa für die absurde Halloween-Party im Wohnheim der Verrückten. Im Vergleich zur Assoziationsgabe der Hauptfigur ist es vielleicht banal, aber womöglich erinnert ihr Name, Natalie, nicht nur an das schwedische Wort für Nacht („natt“), wie es einmal heißt, sondern auch an das englische für Verrückte („nut“). Auf Englisch sollte der Roman daher „Lost in the Nuthouse“ heißen.

Clemens Setz: „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 1020 S., geb., 29,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenGraz