Anzeige

Das Zittern der Zeit

 - 12:00

Anzeige

Welch ein sperriger Untertitel! "(Über das Entwickeln von Veloxpapier)" hat Henry Parland seinem kurzen Roman als Zweitnamen beigegeben und meint doch eigentlich "Über die Erinnerung". Das zu Beginn beschriebene Verfahren, wie man das Bild von belichteten Glasnegativplatten auf damals übliches Fotopapier überträgt, ist so prekär wie jeder Versuch, die Vergangenheit auf Befehl zu vergegenwärtigen: Die fehlende Schärfe des Bildes lässt sich zwar durch vorsichtiges Schwenken in der Entwicklerflüssigkeit wettmachen; man kann so die Kontraste intensivieren. Doch wartet man zu lange, entstehen Flecken, ja kann das ganze Bild verderben.

Ami, die Geliebte des Erzählers, ist gestorben, und der Kaufmann und Hobby-Fotograf hat sich ein Jahr nach ihrem plötzlichen Tod vorgenommen, ein Buch über sie zu schreiben. Er verabredet sich zum nächtlichen Rendezvous, das eher den Charakter einer Geisterbeschwörung hat. Das Entwickeln der bisher unberührt gebliebenen Fotoplatten wird den Erinnerungsvorgang auslösen: "Ami kommt". Doch mit dem Bild der Geliebten kehren auch der Schmerz und die Verzweiflung zurück. Ans Licht gehoben wird die Geschichte einer gegenseitigen Verfehlung: Das flüchtige gemeinsame Glück wurde stets überschattet durch die Unmöglichkeit, vom anderen einen deutlichen Eindruck zu gewinnen: Alle Bilder bleiben unscharf, der Geliebte immer fremd.

Henry Parland, 1908 in Viborg geboren, gehörte Ende der zwanziger Jahre in der schwedischsprachigen Gemeinschaft Helsinkis zu einer Künstlergruppe, die Dada, Expressionismus, Filmkunst und Jazz aufsog und nach neuen Formen suchte. Parland schrieb Gedichte, Feuilletons und Essays; "Sönder", so der Originaltitel, ist sein einziges längeres Erzählwerk. Erst 2005 wurde der lange für unvollendet gehaltene Roman in einer authentischen Fassung herausgegeben, die dank der Übersetzerin Renate Bleibtreu und der Verlegerin Katharina Wagenbach-Wolff in der Friedenauer Presse erscheinen wird. Zu entdecken ist ein kleines, ungeheuer facettenreiches Meisterwerk der Klassischen Moderne, das den Fokus auf einen Ort abseits der üblichen Zentren richtet.

Anzeige

Gleich im vorangestellten Motto bezieht sich Parland selbstironisch auf das große Vorbild von Prousts "Recherche", deren Abschlussband kurz zuvor, 1927, erschienen war. Doch statt einer Nachahmung liefert Parland einen höchst originellen Beitrag zur Poetik des autobiographischen Romans. Neben die Fotometapher treten bald weitere Bilder, die die Rolle der Einbildungskraft ausleuchten, auch die eminente Bedeutung des Films für das moderne Bewusstsein wird erörtert. Ami liebt das "Kulissenhafte" des amerikanischen Films; der Erzähler die deutsche "Hervorbringung von Albträumen und Sadismus" - schon das ist eine Mesalliance.

Je tiefer die Erinnerung gräbt, desto schillernder wird das Bild eines Verhältnisses, das man wohl zähneknirschend moderne Liebe nennen muss. Die finanzielle Abhängigkeit Amis vom chronisch verschuldeten Inhaber des Kontors "Parland & Co.", seine rasende Eifersucht und Illusionen von einer dauerhaften Verbindung mit dem flatterhaften, stets nach Zerstreuung suchenden Mädchen, der beide zerrüttende Alkoholgenuss - "zerbrochen", kaputt ist hier vieles. Bestürzend ist, wie wenig der Erzähler selbst von Tragik zu wissen scheint, wie er etwa mitten in einem Zusammenbruch Amis von seinen Geschäftsplänen phantasiert oder sich am Badestrand vor dem entscheidenden Tête-à-tête erotischen Tagträumen hingibt.

"Zerbrochen" entstand im litauischen Kaunas, wo der verschuldete Künstler seit Mai 1929 am Konsulat arbeitete. Am 10. November 1930 stirbt Henry Parland dort, an Scharlachfieber, zweiundzwanzig Jahre alt und, wie man nun erkennt, eine der größten schriftstellerischen Begabungen seiner Generation. Es bleibt ein Buch aus hochempfindlichem Papier, in dem das Zittern seiner Zeit für immer festgehalten ist.

RICHARD KÄMMERLINGS

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.09.2007, Nr. 225 / Seite 33
  Zur Startseite

Anzeige