David Vogel: Eine Wiener Romanze

Eros und die Leere vor dem großen Krieg

Von Hubert Spiegel
 - 17:00

Dieses Buch ist eine Zeitkapsel aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert, wie sein Entdecker Lilach Netanel schreibt, und es ist wohl eines der außergewöhnlichsten Dokumente der jüdischen Literaturgeschichte des vorigen Jahrhunderts. Vor drei Jahren, also ungefähr ein Jahrhundert nach seiner Entstehung, ist dieser Roman erstmals erschienen, in Israel, wo er fünfzig Jahre lang im Archiv Genazim geschlummert hatte, bis das Manuskript zufällig entdeckt wurde. Jetzt liegt „Eine Wiener Romanze“ auch auf Deutsch vor.

Der Roman erzählt die Geschichte von Michael Rost, einem zunächst mittellosen jungen Mann, der aus einem jüdischen Schtetl nach Wien kommt, sich im Exilantenmilieu der Kneipen und Cafés mit Literaten, Gaunern, Anarchisten und Prostituierten herumtreibt, auf einen geheimnisvollen reichen Gönner trifft, sich ein Zimmer als Untermieter in einem bürgerlichen Wiener Haushalt nimmt und dort erst ein stürmisches Verhältnis mit der sinnlichen Gertrud beginnt, dann aber rasch mit Gertruds sechzehnjähriger Tochter Erna anbändelt, während der ahnungslose Hausherr dem jungen Untermieter einige großspurige Ratschläge im Umgang mit Frauen erteilt: „Vor allem muss man sie zu nehmen wissen, darauf kommt es in erster Linie an.“

Der Eros ist das alles bestimmende Thema

David Vogels Buch ist eine delikate Dreiecksgeschichte, die Jahrzehnte vor dem Erscheinen von „Lolita“ die Grundkonstellation von Nabokovs Welterfolg vorwegnimmt, und ein ungemein lebendiges Wiener Sittenbild aus den Jahren kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs: Scharfkantige Facetten folgen auf poetische Stadtbeschreibungen, die Kneipendialoge klingen wie Vorspiele zu den Schlägereien, die stets in der Luft liegen, geflirtet wird mit jener Mischung aus schmierigem Charme und nackter Brutalität, wie sie später Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ prägen wird.

Sexualität ist der Motor allen Geschehens und das zentrale Thema des Romans, sie ist Lebensmittel und Schattenwährung, das „einzige Glück, der Inbegriff allen Erlebens“, wie Vogel Gertrud nach der ersten Liebesnacht mit dem jungen Rost sagen lässt. Die Atmosphäre ist geprägt von Langeweile, Leere, Selbstverachtung, Ekel und brutaler Lebensgier. Sie schwankt zwischen Schnitzlers bittermandelsüßen Liebeleien und dem desillusionierten Eros der Neuen Sachlichkeit. Frauenkörper werden betrachtet, genossen und beschrieben, als handele es sich um Heiligtümer einer Naturreligion, die kurz vor ihrem Untergang steht. Wo gerade noch mystische Ekstase nach dem hohen Ton verlangt, macht der Ekel vor dem vergänglichen Fleisch im nächsten Augenblick schon stumm.

Vogels männliche Figuren haben zu viel in Otto Weiningers juden-wie frauenfeindlichem Pamphlet „Geschlecht und Charakter“ geblättert: Die Frau ist ein unergründlicher, aber auch unersättlicher Abgrund, nicht intelligent, aber raffiniert und daher gefährlich. Die einzige Gegenposition nimmt eine junge Frau mit dem nicht zufällig russisch-revolutionär klingenden Namen Ljoba ein. Sie ist eine Freundin von Mischa, dem Anarchisten, einer der pittoresken Kneipenbekanntschaften Rosts; sie studiert Chemie und eröffnet dem verdutzten Rost einen Blick in die Zukunft: „Ihr wart entschlossen, die Dinge unter euch zu regeln, die Hälfte der Menschheit auszuschließen. Jetzt – Schluss damit! Jetzt kommen wir Frauen. Wo ihr versagt habt, werden wir es versuchen – und wir werden es können.“ Doch für einen wie Rost kommt eine wie Ljoba ein Jahrhundert zu früh. Verstimmt wirft er Seitenblicke auf ihren „harten, unelastischen Gang“ und stellt Mutmaßungen über ihre Sterilität an, die er aus jeder ihrer Bewegungen erkennen zu können meint.

Ein Leben in Gefangenschaft

Wer erfahren möchte, wer David Vogel war, sollte zuerst erfahren, wo dieser Dichter herkam. Geboren wurde er 1891 in einer Landschaft, deren Namen den wenigsten heute noch etwas sagt: Podolien. Heute gehört Podolien teils zur Ukraine, teils zu Moldawien, damals bildete es ein eigenes Gouvernement des russischen Zarenreiches. Um dem Armeedienst zu entgehen, ging Vogel nach Wilna, studierte dort Hebräisch, zog weiter nach Wien, wo er während des Ersten Weltkrieges als Angehöriger einer feindlichen Nation zwei Jahre lang interniert wurde. Mitte der zwanziger Jahre, sein erstes Buch war bereits erschienen, lebte Vogel in Paris und wanderte 1929 nach Israel aus, wo er indes nur kurze Zeit blieb.

Anfang der dreißiger Jahre lebte er zunächst in Berlin, später in Paris, wo er nach Kriegsbeginn zum zweiten und dritten Mal interniert wurde, zunächst von den Franzosen, die ihn als Österreicher betrachteten, danach von den Nazis, die David Vogel nach Auschwitz deportierten, wo sich seine Spur verliert. Um seinen Tod ranken sich ebenso Legenden wie um Verbleib und Schicksal seiner Manuskripte, die er kurz vor seiner Verhaftung im Hinterhof einer Pension im südfranzösischen Hauteville vergraben haben soll, wo sie ein Freund Vogels, der Maler Abraham Goldberg, später ausgegraben haben will. Lilach Netanel, der diese und viele andere Details aus dem Leben und Nachleben des David Vogel in seinem lesenswerten Nachwort berichtet, hegt starke Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Version.

Ein unfassbarer Fund

Wie auch immer, was im Laufe etlicher Jahre an verschiedenen Orten in Frankreich, Tel Aviv und New York aus dem verstreuten Nachlass Vogels gefunden wurde, liegt heute unter der Aktennummer231 im Anfang der sechziger Jahre begründeten israelischen Literaturarchiv Genazim. Dazu gehören Gedichte, sein Tagebuch aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, ein auf Jiddisch verfasster Roman aus dem Zweiten Weltkrieg sowie die Manuskripte der zu Vogels Lebzeiten erschienenen Prosawerke: der Roman „Eine Ehe in Wien“ sowie die beiden Novellen „Im Sanatorium“ und „An der See“.

Alle drei Werke sind in den frühen neunziger Jahren auch auf Deutsch erschienen, gefolgt von den ebenfalls von Ruth Achlama übersetzten Tagebüchern David Vogels. Wohl niemand hätte danach damit gerechnet, dass noch ein weiteres Werk Vogels auftauchen würde: ein Archivfund von fünfzehn großformatigen Papierbögen, bedeckt mit 75.000 Wörtern in Vogels winziger Handschrift. Der Roman wurde nie vollendet, die vorliegende Fassung beruht auf Entscheidungen der Herausgeber. Jetzt gibt „Eine Romanze in Wien“ erneut Anlass, David Vogel zu lesen und einen Schriftsteller wiederzuentdecken, der in Israel seit langem zu den wichtigsten jüdischen Autoren der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gerechnet wird.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spiegel, Hubert (igl)
Hubert Spiegel
Redakteur im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenÖdön von HorváthBerlinIsraelParisWienRezension