Deborah Feldmans „Überbitten“

Neue Heimat im verteufelten Berlin

Von Katharina Teutsch
 - 11:39

Am 20. April bestätigte das Oberlandesgericht Brandenburg ein Urteil des Landgerichts Neuruppin. Dieses hatte den Brandenburger Marcel Zech zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt. Er hatte zwei Jahre zuvor mit einem Tattoo des Auschwitz-Geländes, das sich um seinen speckigen Rumpf wand, in einem Spaßbad paradiert.

Den nun einsetzenden Prozess verfolgen nicht nur deutsche Beobachter der rechtsextremen Szene. Zur Urteilsverkündung erscheint auch Deborah Feldman. Sie war Marcel Zech ebenfalls im Schwimmbad begegnet. Und sie wird hinterher sagen: „Anders als Zech, wollte ich nie an der Vergangenheit festhalten. Ich habe immer so schnell wie möglich Richtung Zukunft rennen wollen, und aufgrund einer großartigen Wendung der Ironie war es nun Zech selbst, der mir half, mich von meinen Zwängen zu befreien.“

Die Grenzen der neu gewonnenen Freiheit

Deborah Feldman ist die Autorin des Buchs „Unorthodox“, das ihr vor fünf Jahren in den Vereinigten Staaten zu Berühmtheit verhalf. Denn sie hatte der jüdischen Gemeinschaft von Brooklyn, die von ihr heute klar als fundamentalistisch eingestuft wird, den Rücken gekehrt. Wenn ihr selbst nicht klar war, ob sie jemals die freie Person würde werden können, von der sie in all den Jahren der Abgeschiedenheit hinter den alten und neuen Mythen der chassidischen Gemeinschaft geträumt hatte, so wollte sie wenigstens für ihren Sohn ein anderes Leben. Sie hat erst Amerika, dann Europa bereist. Sie wollte das Land verstehen, in dem sie aufgewachsen war. Dann wollte sie wissen, wo ihre Vorfahren zu Hause gewesen waren, woher deren Rezepte, Akzente, vergilbte Fotografien stammten.

Für ihre Neugier wurde sie von ihren Verwandten angefeindet und von einer auf Happy Endings getrimmten Öffentlichkeit gefeiert. So kam es, dass die Medien ihr die Grenzen der neu gewonnenen Freiheit schnell vor Augen führten. Ihr zweites Buch „Exodus“, das von ihrem neuen Leben handelte, wurde so großzügig auf die Bedürfnisse des amerikanischen Marktes hin designt, dass ihre deutschen Leser sich jetzt über eine Wiederaufnahme der ursprünglichen Buchidee freuen dürfen.

Eine unwahrscheinliche Eintracht

Christian Ruzicska hat für seinen Secessions Verlag mehr als siebenhundert Seiten dieses Work in Progress ins Deutsche gebracht. Und nun liest man diese Geschichte nach der Geschichte mit Ungeduld. Sie endet dort, wo der negative Gründungsmythos der chassidischen Gemeinschaft wurzelt: in Deutschland. Genauer, mit dem Prozess gegen den Neonazi Zech und dessen rechtskräftiger Verurteilung. Für Feldman war sie die „persönliche Zusicherung dafür, dass der Staat sich als zuverlässiger Hüter des Gesetzes“ erwiesen hatte. Zu Hause in Brooklyn war die allgemeine Gefahr des Nazismus immer beschworen und als Grund für die Abschottung genannt worden. Über die realen Schrecknisse der Konzentrationslager brachte die Großmutter jedoch kein Wort über die Lippen. Ihre Unfähigkeit, den Schmerz auszudrücken, übertrug sich auf die Enkelin, die als treue Vollstreckerin einer stillen Rache die Bürde der Unfreiheit zu tragen hatte: „Meine Loyalität gegenüber ihrer Erinnerung verlangte von mir, dass ich die Flamme ihres Leidens in meinem eigenen Herzen lebendig hielt.“

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Jetzt, nach Jahren des Vagabundierens, ist Feldman in einer Stadt angekommen, die das Zeug hatte, für sie zur neuen Heimat zu werden: in Berlin. Wie eine Lebensmitschrift zur „Lebensversicherung“ werden kann, davon erzählt sie in ihrem neuen Buch „Überbitten“. Der Titel bezieht sich auf ein altes jiddisches Konzept. Mit „iberbetn“ ist eine „unwahrscheinliche Eintracht“ gemeint, die sich zwischen Menschen mit unüberbrückbaren Differenzen einstellen kann, da sie vom Glauben an Versöhnung getragen ist und nicht durch das Fallbeil der Vernunft. Dieses Prinzip bildet die Brücke zwischen der alten Welt, in der die Autorin ihre ersten Gewissheiten (und die ersten Zweifel daran) fand, und dem vorläufigen Endpunkt ihrer autobiographischen Erzählung als autarke Frau in Berlin. Was erlebte diese Frau in den Jahren ihrer „Befreiung“?

Für viele noch immer ein Tabu

Feldman ließ die Sicherheit ihrer Herkunft hinter sich, um sie gegen die Unsicherheit des metropolitanen Alltags einzutauschen. Zwar ging sie aufs College, gewann erste Freunde, fand eine Vorschule für ihren Sohn. Doch kaum hatte sie sich aus dem Getto ihrer Kindheit in Brooklyn befreit, fand sie sich in einem anderen wieder: dem der reichen Juden an der Upper East Side. Dort erlebte Feldman existentielle Not, den Zynismus der Superreichen, die ihr ein Gefühl von Unzugehörigkeit vermittelten, und entschloss sich zur traumatischen Eizellenspende. Doch Feldman hielt auf Anraten ihrer Anwältin im juristisch liberalen Manhattan durch und gewann so den Sorgerechtsstreit gegen ihren ultrakonservativen Mann. Um die Rolle der Bestsellerautorin abzustreifen, zog sie aufs Land und eignete sich dort in diesmal selbstgewählter Abgeschiedenheit einen Kanon aufgeklärter jüdischer Autoren an. Mit Jean Améry, Primo Levi, Imre Kertész, Joseph Roth und vielen anderen Schriftstellern wird Deborah Feldmans Leben vollends zum Entwicklungsroman.

In New England lernt sie einen Künstler kennen, mit dem sie ihre ersten Reisen nach Europa unternimmt. Eine Jüdin, die mit dem Fundamentalismus ihrer Kindheit bricht, begibt sich auf die Suche nach jüdischen Identitäten und findet: philosemitische Begeisterung in Deutschland, neu erstarkenden Antisemitismus in Ungarn, gespenstische Abwesenheit jüdischen Lebens in Spanien, jüdische Folklore in Paris – so ziemlich alles, nur keinen entspannten Umgang mit dem jüdischen Erbe. Ein globales Judentum scheint sich in Europa vorerst nicht realisieren zu lassen. Am ehesten noch eine gelebte Alltagstoleranz ausgerechnet im Land der Yekkes, einer aufgrund ihres Assimilationswillens von Chassiden besonders verachteten Gruppe von Juden. Denn hatte nicht auch deren Weg geradewegs in die Konzentrationslager geführt? Ein Leben in Deutschland ist für viele Juden, mit denen Feldman spricht, noch immer ein Tabu.

Eine dauerhafte Behausung finden

In Berlin kommt sie trotz dieser Widersprüche zur Ruhe. Es klingt unwahrscheinlich, aber ein Kreis schließt sich. Sprachlich, denn das Jiddische besteht zum Großteil aus deutschen Lehnwörtern. Biographisch, denn großväterlicherseits weist Feldmans Stammbaum nach Deutschland. Und mit dem Fall Marcel Zech endlich auch psychologisch. Man liest all das mit wachsendem Interesse. Wer möchte, kann in Feldmans autobiographischem Bericht aber noch zu tieferen Einsichten kommen. Denn von Beginn an hat die Autorin mehr als eine Enthüllungsstory verfassen wollen. „Überbitten“ gliedert sich in sieben Kapitel, die der Struktur des landwirtschaftlichen Zyklus im alten Israel nachempfunden sind: Alle sieben Jahre muss ein Acker ein Jahr lang ruhen. Dieses Schabbat-Jahr folgt der Übersiedelung Deborah Feldmans nach Berlin.

Doch es gibt noch eine zweite, tiefere Verbindung zur Überlieferung. Die seltsame Idee nämlich, dass der tote Buchstabe einen lebendigen Glauben begründen kann. Das Alte Testament wird für das Volk Israel zum Träger einer neuen vergeistigten Form von Identität, die Jan Assmann einmal „portatives Vaterland“ genannt hat. Das eigentlich Faszinierende an Deborah Feldmans Lebensmitschrift ist das Anknüpfen an diese jüdische Tradition – an den Versuch, im aufnotierten Wort eine dauerhafte Behausung zu finden.

Deborah Feldman: „Überbitten“. Eine autobiografische Erzählung. Aus dem Englischen von Christian Ruzicska. Secessions Verlag für Literatur, Zürich 2017. 704 S., geb., 28,– €.

Quelle: F.A.Z.
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