Der entsorgte Künstler

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Ein junger Journalist, Sebastian Zöllner, stellt einem alten Maler nach. Er möchte die definitive Biographie über den ehemals so berühmten Kaminski schreiben. Mit allen Mitteln sucht sich der Erzähler Zugang zu dieser Vergangenheit zu verschaffen.

Es geht dabei nicht nur im übertragenen Sinne um den Einbruch in ein Leben. Miriam, die säuerliche, possessive Tochter des Künstlers, wird überrumpelt, und Zöllner schleicht sich heimlich in das Haus in den Bergen ein, durchsucht Schreibtisch und Atelier und setzt den halbblinden, kranken Mann unter Druck. Kaminski geht schließlich auf einen Pakt ein, stimmt zu, eine Reise zu einer - von Zöllner recherchierten - Jugendliebe anzutreten. Dann beginnt eine Art Roadmovie.

Von der Rückkehr in die frühen Jahre erwartet sich Zöllner exklusive Informationen und den Funken, der Sinn in die Bildwelt des Künstlers bringen könnte. Ein bißchen Citizen Kane und "Rosebud" klingen im Motiv an. Das Buch zitiert, um das Werk Kaminskis in der Realität zu verankern, Briefe von Matisse, Äußerungen von Picasso, Hinweise auf Korrespondenz mit Claes Oldenburg. Der Maler äußert sich auch über Duchamp, aber eigentlich nur, um den unüberbrückbaren Abstand zur konzeptuellen Position hervorzuheben. Daniel Kehlmann möchte mit Kaminski ganz offensichtlich eine plausible Figur einführen. Für einen kurzen Moment hofft man auf die Rettung, auf einen Schlüsselroman. Statt dessen treffen wir nur auf falsche Fährten.

Die Feststellung, daß alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen letztlich ausfallen, macht aus dem Text ein schwer verdauliches Elaborat. Der Collagenkitsch lauert hinter diesen Seiten. Unglaubhaftes macht es nicht besser, etwa wenn wir erfahren, daß zwei der Bilder des einst gefeierten Malers beinahe vom Pariser Musée d'Orsay angekauft worden seien, von einer Institution, die sich eindeutig der Kunst des neunzehnten Jahrhunderts widmet. Der Autor setzt seinen Künstler aus so vielen konkreten, disparaten Einzelteilen zusammen, daß er, wie ein Frankensteinsches Monster, die Spuren der Vernähungen sichtbar an sich trägt. Es ist ein vermintes Terrain, auf das sich dieser Roman wagt. Es gibt im Umkreis der fingierten Biographie - abgesehen von Thomas Manns "Dr. Faustus" - kaum etwas, was sich konkret und spannend der Realität des Künstlers zu nähern vermag.

Eine Ausnahme bildet noch am ehesten der französische Künstler Jean Le Gac, der mit seinen vorgespiegelten Künstlermythen genau und ironisch in die Ateliers und Viten der Konzeptkünstler eindringt. In diesem Bereich, in dem es keine konkreten Sonnenuntergänge der "mittleren Periode", sondern labyrinthische Kopfarbeit zu beschreiben gilt, kommt so etwas wie eine Definition des Möglichen, Nichtrealisierten zustande. Nur hier gelingt die Fabrikation eines fiktiven Künstlers und eines fiktiven Werks. Die vorliegende mißgelaunte, mit Klischees überfrachtete Geschichte "Ich und Kaminski", die den Künstler als Figur eigentlich überhaupt nicht brauchte, endet damit, daß Kehlmann feststellen muß, daß er dem Erinnerungsspiel auf den Leim gegangen ist.

Die Recherche des Journalisten hört deshalb auf, weil der Maler die scheinbar so exklusiven Erinnerungen und Informationen, die er während der Reise auf Tonband spricht, bereits zuvor an einen anderen, den berühmten Konkurrenten Bahring, verkauft hatte. Kehlmann entsorgt die Tonbänder und Notizen im Meer. Ein schlichter Schluß für das, was auf dem Spiel stand. Die betrogene Reise in die Vergangenheit endet im Wohnzimmer der schließlich gefundenen Frau Lessing. Mit Alzheimerscher Deutlichkeit werden jede Erinnerung und jedes Renommee entwertet - dies deutet auf den Ekel schöpferischer Präpotenz, den das Buch, in seinem Lob der Lustlosigkeit, als erschwingbares Thema versäumt hat.

Daniel Kehlmann: "Ich und Kaminski". Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 176 S., geb., 18,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.04.2003, Nr. 97 / Seite 48
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