Der Schrecken ist ein leiser Schatten

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Wenn einer seinem Buch Zitate aus Dostojewskis "Dämonen" und Godards "Pierrot Le Fou" voranstellt, dann ahnt man schon, wie sein kleines Universum aussehen könnte, auch wenn man den Autor gar nicht kennt. Und wer ihn längst gelesen hat, der fühlt sich gleich zu Hause. Haruki Murakami, der in Japan ein literarischer Superstar ist und in Amerika auf dem etwas langsameren Weg dorthin, hat immerhin auch in Deutschland eine gewisse Durchschlagskraft bewiesen. Seine "Gefährliche Geliebte" sprengte seinerzeit das "Literarische Quartett", und gegen die erotische Detailfreude in manchen seiner Romane panzern sich Rezensenten und Rezensentinnen immer noch gerne, indem sie ihr Lob tadelnd mit dem bösen Adjektiv "trivial" versetzen, als bestünde nicht gerade eines von Murakamis Stilmitteln darin, triviale Mythen aus der Populärkultur ganz selbstverständlich aufzugreifen, weil sie nun einmal in seinen japanischen Großstadtwelten eine Rolle spielen. Bei einem Autor, der Chandler, Carver und Capote ins Japanische übersetzt hat, kann das auch nicht weiter überraschen.

Doch durch Murakamis Geschichten von Orientierungswaisen um die Dreißig zieht noch eine andere Grundstimmung wie ein leiser Schatten: Daß man sich nie zu sicher sein sollte, daß der Abgrund noch weit genug weg ist. "Ich habe mich immer wie jemand gefühlt", hat Murakami in einem Interview gesagt, "der das Unsicherwerden des Bodens, die Katastrophen vielleicht nicht prophezeit, aber doch vorausahnt. Daß unter der Oberfläche ein Chaos verborgen sein könnte, war mein Lebensgefühl von Beginn an, schon im fortschrittsgewissen Japan der Nachkriegszeit." Er hat davon fast hellseherisch in dem Roman "Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt" erzählt, der 1985 in Japan herauskam. Das war zehn Jahre vor den Monaten, die Japan erschütterten und Murakami dazu brachten, aus Princeton in seine Heimat zurückzukehren.

Im Januar 1995 bebte in Kobe die Erde, zwei Monate später verübte die Aum-Sekte ihren Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn, und der 50. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und Nagasaki fiel auch noch in dieses Jahr. Nach dem 11. September ist man geneigt, eine solche Katastrophen-Konjunktur in perspektivischer Verkleinerung wahrzunehmen. Doch in Japan war damals vieles nicht mehr, wie es gewesen war, und Murakami, der 1949 in Kyoto geboren wurde, aber in einem Vorort von Kobe aufwuchs, hat diese Verschiebung so beschäftigt, daß er mit "Untergrundkrieg" bereits ein Sachbuch schrieb, für das er mit Angehörigen und Behördenvertretern über das Erdbeben sprach.

In seinem neuen Erzählungsband, der einfach "Nach dem Beben" heißt, geht es um andere Erschütterungen. Die Richter-Skala mag objektive Werte zeigen, auch wenn sie nach oben hin offen ist; Murakamis Geschichten haben eine andere Skala, auf der Meßwerte nicht halb so leicht abzulesen sind. Es geht dabei gar nicht um eine Verschlüsselung: Das Erdbeben ist einfach präsent, auf dem Fernsehschirm, in Gesprächen, in Kontakt wie Nichtkontakt zu Angehörigen, die in der Region Kobe wohnen. Murakami erzählt nicht von Opfern, er erzählt von katastrophenfernen Lebenswelten, in denen sich die Nachbeben auf sehr unterschiedliche Weise bemerkbar machen - wie sich ein Lichtstrahl je nach Einfallwinkel und Oberflächenbeschaffenheit anders bricht. Natürlich sind da die vertrauten Koordinaten. Die Helden sind "Thirtysomethings", sie mögen klassischen Jazz, einer fliegt nach Hokkaido wie so viele Murakami-Helden, sie lesen amerikanische Bücher, aber auch Tolstoi und Dostojewski. Und nahezu jede der sechs Geschichten spielt mit einem kleinen Rätsel, einem scheinbaren Webfehler, der ihr eine phantastische, traumartige Tönung gibt. Das kann so explizit ausfallen wie der riesige, in jeder Hinsicht fabelhafte Frosch, der den bewährten Inkasso-Mann Katagiri heimsucht und mit ihm unter die Erde steigen will, um einen Wurm daran zu hindern, ein Erdbeben in Tokio auszulösen. Ist das ein Alb, ein Fiebertraum, der den in Ausübung seines Jobs angeschossenen Katagiri im Krankenhaus heimsucht? Wahrscheinlich - doch die Frage, die sich dem verwirrten Katagiri stellt, bleibt: "Bis wohin reichte die Realität, und was gehörte ins Reich der Illusion?"

Was einer selbst nicht weiß, das wissen andere Menschen über ihn, wie das junge Mädchen auf Hokkaido, das Komura, den erfolgreichen Verkäufer teurer Stereoanlagen, verführt, nachdem seine Frau fünf Tage stumm vorm Fernsehgerät gesessen und Bilder aus Kobe angeschaut hat, um danach zu verschwinden und die Scheidung einzureichen. Das späte Nachbeben hat hier sein Epizentrum in der Romantik, wenn das Mädchen Komura erklärt, der kleine Kasten, den er für einen Kollegen nach Hokkaido transportiert hat, enthielte sein Inneres: "Ohne es zu wissen, hast du es selbst hierhergebracht . . . Jetzt wirst du es nie mehr zurückbekommen." "War doch nur ein Scherz", sagt sie ein paar Minuten später zu dem verstörten Angestellten.

Es ist eine Verstörung, deren Ursachen die Protagonisten meist nur sehr unvollständig begreifen; sie führt zu etwas, was sich mit den Standardformeln Katharsis oder Happy-End gerade mal vage andeuten läßt. Sie spüren, daß etwas in ihrem Leben in Bewegung geraten ist, daß in der Tektonik ihrer Psyche etwas nicht stimmt. Junpei, der von seinen Stories ganz ordentlich leben kann, sagt: "Aber die Kurzgeschichte gerät immer mehr aus der Mode, wie der bedauernswerte Rechenschieber." Er ist sechsunddreißig. Er ahnt die Chance, die Frau, die er seit gemeinsamen Studententagen liebt und die er an seinen forschen besten Freund verloren hat, wiederzugewinnen, weil sein Freund sich scheiden lassen will. Er zögert, und er begreift erst, wie ihm geschieht, als die nie erloschene Liebe zu Sayoko zusammenfällt mit der Liebe zum Erzählen. Das traurige Märchen von den zwei Bären, das er Sayokos Tochter erzählt, wird ein Happy-End bekommen. Der Schrecken ist nur noch ein leiser Schatten, den der "Erdbebenmann" auf das kleine Mädchen wirft, und Junpei beschließt in dieser Nacht, während er über den Schlaf von Sayoko und Sara wacht, künftig andere Geschichten zu schreiben, "auch wenn der Himmel einstürzte oder die Erde krachend barst".

Die Ausläufer der Schockwelle sind der Katalysator, der das Leben fern von Kobe verändert, der auf schwer beschreibliche Weise auf Prozesse einwirkt, die ihren Ursprung unabhängig von den Katastrophen haben. Er beschleunigt Brüche, und er läßt das Leben auf einmal in verlangsamter Geschwindigkeit vorbeiziehen, wenn die ledige Ärztin Satsuki nach einem Kongreß in Thailand ausspannt und eine Wahrsagerin trifft. Murakami überblendet beides, die emotionalen Nachbeben und die fragilen Zustände seiner Figuren, ohne beides ineinander aufgehen zu lassen. Und womöglich ist die Kurzgeschichte genau die richtige Form für diese Überblendung, weil sie vieles nur skizzieren kann und noch mehr offenlassen muß. Die Figuren sind nicht festgeschrieben wie im Koordinatenkreuz eines Romans, es gibt auch nicht die Mäander, in denen Murakamis Romane bisweilen fließen; da ist auch keine Kausalität, da sind nur die randscharfen Momentaufnahmen eines unübersichtlichen Prozesses.

Noch dort, wo seine Helden skurril oder fast ein bißchen lächerlich agieren, behandelt Murakamis Prosa sie mit einer melancholischen Zärtlichkeit, für die man diese Geschichten einfach mögen muß. "Was man mit den Augen sieht, ist nicht unbedingt wirklich", sagt Frosch zu Katagiri. Und als Satsuki im Flugzeug nach Japan sitzt, vergißt sie plötzlich die Worte, welche ihr Leben versteinern. "Sie lehnte sich in ihren Sitz zurück und schloß die Augen. Auf einmal hatte sie die Farbe des Himmels vor sich, den sie in Thailand beim Rückenschwimmen gesehen hatte, und ,I'll Remember April' von Erroll Garner kam ihr in den Sinn. Ich möchte schlafen, dachte sie. Nur schlafen. Und auf den Traum warten." Wie wirklich ist da schon die Wirklichkeit?

Haruki Murakami: "Nach dem Beben". Erzählungen. Aus dem Japanischen übersetzt von Ursula Gräfe. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2003. 192 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2003, Nr. 232 / Seite L8
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