Der zweite Teil: „Tintenblut“

Lesen ist gefährlich

Von Wilfried von Bredow
 - 11:46

Die guten Nachrichten zuerst: Mit „Tintenblut“ wird Cornelia Funke leicht an den phänomenalen Erfolg von „Tintenherz“ anknüpfen können. Der zweite Band ihrer Trilogie ist nämlich ungemein spannend ausgefallen. Viel action. Gegen Schluß werden reichlich Lese-Tränen aufs Papier tropfen, aber ganz am Ende blüht dann doch wieder die Hoffnung; und die Sehnsucht hat sich das Fell glattgestrichen. Am Ende des dritten und letzten Bandes könnte doch noch alles glücklich ausgehen. Bis dahin allerdings bleibt ganz viel in der Schwebe.

Die Lesemagie wirkt weiter. Private Blitzumfragen, hier und in Amerika, haben ergeben, daß junge Mädchen und Soziologieprofessoren gleichermaßen reihenweise in der Lektüre von Cornelia Funkes Parallelgesellschaften versunken sind. Die einen wie die anderen haben ihre - unterschiedlich motivierte - Furcht vor dicken Büchern ganz vergessen und sind Meggie, Farid, Staubfinger und all den anderen auf ihren Reisen in die Tintenwelt gefolgt.

Wer liest und vorliest, spielt auf einem mächtigen Instrument

Niemand versteht es, so glorios und mitreißend von der Kraft und Sinnlichkeit der Wörter zu reden wie Cornelia Funke, der niedergeschriebenen, aber dann auch der laut vorgelesenen Wörter. Mit einer einzigen Ausnahme kann keine Macht soviel bewirken wie die Wörter, im Guten wie im Schlechten. Wörter sind soft power schlechthin. Selbst die rohe Gewalt bäumt sich letztlich umsonst gegen diese Wörtermacht auf. Wer liest und wer vorliest, spielt auf mächtigen Instrumenten. Lesen und Vorlesen erweisen sich als mordsgefährliche Abenteuer. Mordsgefährlich jedenfalls für viele Figuren in diesem Buch: Ein falsches Wort, eine bei der Schilderung einer Person zufällig weggefallene Charaktereigenschaft, und schon schäumen Leidenschaften hoch, die schreckliche Folgen nach sich ziehen.

Der Grundeinfall der Autorin ist ebenso einfach wie indirekt plausibel: Manche Menschen, mehr, als man denkt, haben die Gabe, sich selbst und andere über eine Brücke aus Wörtern aus unserer Welt in eine Geschichte hinein- oder aus aufgeschriebenen Geschichten herauszulesen. Meggies Vater Mo, der Buchbinder, hat so aus Versehen Farid aus einer Geschichte in „1001 Nacht“ und den Feuerkünstler Staubfinger aus einem rätselhaften Roman, der „Tintenherz“ heißt, herausspringen lassen. Staubfinger will unbedingt zurück in seine Tintenwelt, und Farid und Meggie folgen ihm. Farid will ihn vor einem Feind warnen, und Meggie ist einfach widerstandslos neugierig auf die Wunderwesen und Abenteuer in der Tintenwelt, die sie als Leserin von „Tintenherz“ ganz gut kennt. Aber eben nur von außen. Auch andere Figuren geben ein kürzeres oder längeres Gastspiel in der fremden Welt, gehen über die Wörterbrücken in Geschichten hinein oder tauchen aus ihnen in unserer Welt auf. Selbst Fenoglio, der Erfinder der Tintenwelt, hat sich in seine eigene Geschichte begeben und lebt inmitten der von ihm ausgedachten Gestalten. Aber längst schon hat sich die erfundene Geschichte verselbständigt.

Ein quasimittelalterlicher Jahrmarkt

Die Tintenwelt muß man sich so vorstellen wie einen der vielen quasimittelalterlichen Jahrmärkte mit Warenständen, Schwertschluckern und Wahrsagerinnen, die es seit ein paar Jahren in vielen deutschen Städten gibt, allerdings erheblich vergrößert und in eine phantastische Landschaft versetzt. In dieser Welt leben die Menschen wie nach Ständen geordnet, Fürsten, Höflinge, Bauern und Bürger, aber auch viele Spielleute und Wanderkünstler. Diese spielen eine besonders wichtige Rolle. Man merkt, daß ihnen Cornelia Funkes Bewunderung gehört, denn sie beschreibt sie mit großer Sympathie, vor allem die Feuerschlucker.

Wer viel liest oder schreibt, wer das eigene Weltverständnis nicht hauptsächlich aus angelieferten Bildern aufbaut, muß vom mitreißenden Loblied der Autorin auf die Wörter ganz beglückt sein. Keine Frage. Jedoch fällt dieses Loblied nicht nur glorios aus, sondern es strahlt zuweilen auch eine gloriose Penetranz aus. Zuviel, zu oft, zu überschwenglich - wir wären andere Wesen, als wir sind, wenn da nicht eine gewisse Opposition wach würde. Erst ganz leise und gewissermaßen mit schlechtem Gewissen, aber im Verlauf der Lektüre immer häufiger meldet sich eine Art Skepsis, zum Beispiel wegen der Dosierung der Wörter im Text. Eines der am häufigsten gebrauchten Substantive in „Tintenblut“ ist das Wort „Angst“. Mehr oder weniger alle Figuren in dem Roman haben permanent damit zu tun, ihre Angst zu bekämpfen. Intelligente Angst ist sicherlich besser als blöder Mut, aber wenn man das allzuoft und immer wieder gesagt bekommt, will man der Autorin gerne zurufen, daß man es längst kapiert hat.

Eher zweidimensional

Cornelia Funke traut ihren Lesern nicht genug zu. Sie sagt alles, was ihr wichtig ist, lieber noch mal und noch mal. Sie traut auch ihrer eigenen Sprache nicht recht. Es genügt ihr nicht, einen Sachverhalt zu schildern, wie er sich darstellt. Immer wieder trägt sie Ausschmückungen herbei. Wenn etwas rot ist, dann ist es „rot wie Klatschmohn“, wenn etwas kalt ist, dann ist es „kalt wie Eis“, und wenn etwas auf der Zunge brennt, dann „wie glühende Kohle“. Ganze Nebensätze werden in den Dienst von Ausschmückungsvergleichen gestellt. Eine alte Frau geht „mit kleinen hastigen Schritten, als wäre sie ein Eichhörnchen in einem langen, grob gewebten Kleid“. Wer weiß schon genau, wie glühende Kohle auf der Zunge brennt oder ob Eichhörnchen, gesetzt, sie haben ein Kleid an, sich mit kleinen hastigen Schritten fortbewegen würden. Solche Ausschmückungen, Verstärkungen, Veranschaulichungen machen die Sprache nicht klarer, sondern, ganz im Gegenteil, undeutlicher. So entsteht Wort-Plüsch.

Im übrigen sind nicht wenige der Figuren in „Tintenblut“, teils absichtlich, teils unabsichtlich, eher zweidimensional angelegt. Die Dreiecksgeschichte Resa - Staubfinger - Roxane, die skurrile Burschikosität von Meggies Großtante Elinor, die Bosheit des Natternkopfes, des grausamsten Fürsten der Tintenwelt, all das bleibt eine Art Grisaille-Geschichte, zwar kunstvoll angelegt, aber blutleer. Vielleicht sollten die wortreichen Ausschmückungen diesen bleichen Unterton überdecken. Die Spannung leidet darunter allerdings nicht, und auch das sehr geschickt konstruierte Erzählgebäude bleibt bis zum Schluß bewundernswert standhaft. Das von der Autorin liebevoll illustrierte Buch ist sozusagen nur fast ein Meisterwerk.

Cornelia Funke: „Tintenblut“. Mit Illustrationen der Autorin. Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2005. 729 S., geb., 22,90 Euro \. Ab 10 Jahre

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