Erzählungen von Bov Bjerg

Warum Kopfschuss-Klaus immer so lachte

Von Jan Wiele
 - 13:18

Bov Bjerg bezeichnet sich auf seiner Internetseite als Schauleser. Das erinnert fast ein bisschen an Harry Rowohlts legendäre Selbstbeschreibung seines Berufs, „Schausaufen mit Betonung“. Auch den derberen Ton findet man gelegentlich bei Bjerg, es ist allerdings nicht der eines dirty old man, sondern vielmehr ein jung-naiver: „Schinkennudeln waren immer mein Lieblingsessen, aber einmal habe ich davon gekotzt“, lautet der erste Satz in Bjergs neuem Buch.

Es ist ein Schaulesesatz, mit dem gleich mehreres signalisiert wird. Er etabliert ein Ich, das entweder fast noch kindlich ist oder sich bewusst zurückversetzt. Er ruft archivarisch einen Lieblingsgegenstand auf und erinnert damit an Popliteratur. Er erzeugt durch diesen Gegenstand einen regionalen Bezug. Alles in allem also schwäbische Kinder-Popliteraur?

Das wäre ein Irrtum, denn das ist nur der erste, oberflächliche Eindruck von Bov Bjergs Prosa, die sehr leicht zugänglich ist. Für die Lesebühne taugt die Schinkennudelgeschichte bestimmt bestens, denn sie macht aus dem zu Beginn angekündigten Erbrechen am Ende ein Slapstick-Spektakel. Aber in der Komödie lauern Untiefen.

Pietistische Lateinlehrerschinkennudeln

Erzählt wird von einem Jungen aus einfachen Verhältnissen, dessen offenbar alleinerziehende Mutter bei den Eltern eines Mitschülers zu putzen beginnt – einem frommen Lehrerpaar, das mit seinen Kindern Latein spricht. Als wäre das nicht schon Erniedrigung genug, muss diese Mutter aus Höflichkeit dann auch noch das Lieblingsgericht ihres Sohnes nach einem Rezept der anderen Mutter zubereiten, sehr zu dessen Verdruss: „Zwiebeln, Schinken, Nudeln: Herrgott, seit wann brauchte man für Schinkennudeln ein Rezept?“ Die Speise, die dabei herauskommt, wird für den Erzähler zum Inbegriff all dessen, was an der anderen Familie verabscheuungswürdig ist: „Das waren Klavierspielerschinkennudeln, Lateinlehrerschinkennudeln“, ja, eine „vertrocknete, pietistische Schuldbewusstseinsjoghurtmasse“.

In dem grotesken, gar nicht mehr enden wollenden Erbrechen des Erzählers schließlich kommt nicht nur eine Abwehr gegen diese gesellschaftlich höhergestellte Familie zum Ausdruck, sondern auch das schmerzhafte Wiederhochwürgen einer ganzen Jugend („bald waren Substanzen dabei, die ich nicht mehr identifizieren konnte, Mahlzeiten, die Jahre zurückliegen mussten“), die vielleicht gar nicht so witzig war, wie es zunächst scheint. Das zeigt sich auch an der nur ganz am Rande erwähnten Figur eines pädophilen Mannes, der einem der Lehrerkinder zu nahe gekommen ist.

Ein drastisches Gegenmodell zu Proust

Und als Schlüsselszene des Eröffnungstexts in Bov Bjergs nun erschienenem Band mit Geschichten, die zumeist in ferner Zeit der alten Bundesrepublik spielen, hat die Würge-Orgie dann womöglich sogar emblematische Funktion: Im Ausspeien der Erinnerungsbrocken könnte man ein drastisches Gegenmodell zur lieblichen mémoire bei Proust sehen; an die Stelle süßer Madeleines treten halbverdaute Nudeln.

Bov Bjerg, der eigentlich Rolf Böttcher heißt und 1965 im Landkreis Göppingen geboren wurde, haben dieser Ton und diese Erzähltechnik im vergangenen Jahr zu einem großen Erfolg seines Romans „Auerhaus“ verholfen, der zeitweilig sogar vergriffen war. Auch darin geht es um eine Jugend in der süddeutschen Provinz, um eine schwäbische Dorfkommune von Abiturienten und den leider auch durch keine Erzähltricks abzuwendenden Suizid von einem aus ihrer Mitte.

Die Prosatexte, die der Verlag nun kaum ein Jahr später hinterherschickt, wirken wie eine Fortsetzung, stammen allerdings schon aus der Zeit vor dem Roman: Sie etablieren geradezu den Erzählkosmos, in dem „Auerhaus“ dann einen Stern bildet, und sie dokumentieren die Produkte aus mehreren Jahren Engagement des Autors auf Lesebühnen und als Kabarettist. Berg hat auch für das Satiremagazin „Titanic“ geschrieben; einer der Texte („Wissenswertes über Göttingen“) ist wohl als Gruß an dessen früheren Kolumnisten Max Goldt gedacht, ist aber ebenso voraussetzungsreich wie hintergründig und nicht ganz leicht zu deuten.

Immer lauern Zynismus und Melancholie

Der anthologische Charakter des Bandes erklärt, warum vielleicht nicht jeder der zum Teil nur eine Seite langen Texte die Reife des Romans hat, offenbart zum anderen aber auch einen gelegentlich noch abgründigeren Humor als den des Erfolgsbuches. Manche Geschichten haben einen Zug ins Absurde, etwa die von einem Lohnschreiber für Horoskope, der aus Überdruss sehr befremdliche Elemente in seine Weissagungen einbaut, etwa für Menschen vom Sternzeichen Waage den Satz „Heute nach der Tagesschau müssen Sie sterben“. Als eine Zeitung ihn aus Versehen wirklich druckt, bringt es dem Erzähler kurioserweise ein Date mit seiner Arbeitskollegin ein, die fragt: „Woll’n wir die Tagesschau zusammen gucken?“ Und dann heißt es: „Im Fernseher trieben die dicken Windpfeile über die Deutschlandkarte. Wir tranken unseren ersten und letzten Schluck Wein zusammen.“

Mit einem Seitenblick auf Bergs 2008 erschienenen Roman „Deadline“ erklärt sich, dass er auch noch zu viel experimentellerer Schreibweise fähig ist, die manchmal sprachkritische, an der konventionellen Benennung von Gegenständen zweifelnde Züge trägt. Auch von den vorliegenden Geschichten sind längst nicht alle so zugänglich, manche bleiben kryptisch bei einem sehr sonderbaren Humor – immer aber lauern darin Zynismus und tiefe Melancholie. Bergs markanteste Qualität ist die der Zuspitzung von Sachverhalten oder Eigenschaften zu einzelnen lustigen Neologismen oder zusammengesetzten Substantiven.

Der Ton kann, was nur Literatur kann

Die zitierten Nudelstellen sind ein Beispiel dafür, aber am besten macht er es bei Figurennamen. So gibt es hier zum Beispiel einen Typ namens Kopfschuss-Klaus, dessen Spitzname verrät, dass er einen Suizidversuch mit Schusswaffe überlebt hat. Sein Gehirn sei mirakulöserweise fast unverletzt geblieben, heißt es, nur leide er an ein paar Symptomen, „die immer wieder durchbrachen“, darunter grundlose Euphorie, Reizbarkeit und Witzelsucht. „Witzelsucht, das kannte ich gut“, kommentiert der Erzähler dies noch. „Und das kam tatsächlich von einem Gehirnschaden?“

Dass im Herbst bereits die Uraufführung von „Auerhaus“ als Theaterstück in Berlin erfolgen wird und außerdem vor kurzem vermeldet wurde, dass die Filmrechte dazu an Constantin verkauft wurden, ist wirtschaftlich erfreulich für den Autor. Was mit der Umformung des Stoffes gewonnen werden soll, ist allerdings unklar, denn die Gefahr ist groß, dass dabei nur Kitsch über deutsche Jugend in den Achtzigern herauskommen wird, den es in Theater und Film ja wirklich schon zur Genüge gibt. Zwar schreibt Bov Bjerg auch überaus witzige Dialoge, die sich gut in Theater und Film machen werden – aber das Besondere seiner Kunst liegt eben in dem extrem lakonischen Erzählton, der etwas kann, was nur Literatur kann.

Bov Bjerg, „Die Modernisierung meiner Mutter“. Geschichten. Blumenbar Verlag, Berlin 2016. 160 S., geb., 16,- €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
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