Die Weisheit der Badezimmerfliesen

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Es ist mittlerweile bekannt, daß Mobiltelefone eine zerstörerische Wirkung auf das Beziehungsleben von Menschen haben, und das nicht nur wegen der plötzlich menetekelhaft auf dem Display erscheinenden Doppeldeutigkeiten ("Anna - Verbindung beendet"). Es brauchte aber einen Schriftsteller wie Jean-Philippe Toussaint, um das Mobiltelefon zum Zentrum einer derart großen, absurden Liebesgeschichte zu machen, wie sie sich in seinem neuen Roman "Fuir" ("Fliehen") findet, der gerade in Paris erschien.

Da kommt der Erzähler nach Schanghai, um etwas Geschäftliches für seine Freundin Marie zu erledigen, taumelt schicksalsergeben durch China wie Bill Murray durch Tokio, denkt nachts, weil die Situation gerade danach ist, gerührt an seine Freundin und berührt trotzdem kurze Zeit später die Wange einer jungen Chinesin namens Li Qi. Mit ihr und seinem Geschäftspartner Zhang, der stets streng auf das herumliegende Mobiltelefon zeigt und "don't forget" ruft, was in den Ohren des Erzählers aber wie "don't fuck it" klingt, geht er auf eine lange, von emotionalen Unsicherheiten begleitete Zugfahrt nach Peking - und dann, in dem Moment, in dem er sich endlich mit Li Qi in der Toilette des Waggons einschließt, klingelt sein Mobiltelefon, er stürzt hinaus und hört schon Maries Stimme, während er noch Li Qi sieht: ein Kurzschluß zwischen zwei Welten. Eine gespenstische erotische Überblendung. Oder, wenn man so will, ein technisch herumgekrempelter Freud, der satellitengesteuerte Einbruch des verdrängten Eigenen ins Fremde.

Genau vor zwanzig Jahren erschien sein erster Roman "Das Badezimmer" und löste eine wahre Hysterie unter den Rezensenten aus. Der 1957 in Brüssel geborene Toussaint wurde als Begründer einer neuen Literaturbewegung, des "Nouveau nouveau Roman", gefeiert, sein lakonischer, ebenso eiskalter wie humorvoller Ton gerühmt. Im "Badezimmer" beschließt der Erzähler, sein Leben in der Wanne zu verbringen. Er verlegt seine Bücherregale ins Bad, Freunde bringen Essen, die besorgte Mutter taucht auf, ebenso ein polnischer Maler, der ihn vom Sex abhält ("Hinter der Tür ließ Kabrowinski mit ernster Stimme vernehmen, daß er bereits seit heute morgen auf die Farbe warte. Er sprach von einem verlorenen, zerfahrenen Tag. Als sei das das Selbstverständlichste der Welt, öffnete Edmondsson die Tür und schlug ihm vor, mit uns zu Abend zu essen") - und bald schon hält es ihn nicht mehr im Bad; er geht um so leidenschaftlicher auf Reisen.

Auch Toussaint ist ein großer Reisender: Er lebt abwechselnd in Korsika und Brüssel, wo man ihn hin und wieder an der Place Flageyplein im Café "Belga" treffen kann. Seine Frau Madeleine Santandréa ist Korsin, das Paar hatte sich kennengelernt, als Toussaint, um dem Militärdienst zu entgehen, als Französischlehrer ins algerische Médéa übersiedelte. In Algerien schrieb er auch "Das Badezimmer", das fünf Verlage ablehnten, bis das Exemplar seines Manuskriptes, das er Alain Robbe-Grillet zugeschickt hatte, Jérôme Lindon erreichte, den Verleger der "Éditions de Minuit", der es 1985 veröffentlichte.

Toussaint ist ein Meister der Anspielung, der heimlichen Dekonstruktion berühmter Vorbilder. Sein deutscher Verleger Joachim Unseld, der gerade "Das Badezimmer" in einer Toussaint ebenbürtigen Mischung aus Lakonie, Humor und sprachlicher Präzision neu übersetzt hat, schrieb vor kurzem in einem Essay, daß Musils "Mann ohne Eigenschaften" die Folie ist, vor der das "Badezimmer" zu verstehen sei; eine Nähe zu Musils Figuren hat auch der seltsam eigenschaftslose Mann in Toussaints zweitem Roman "Monsieur" von 1986, der aber auch Paul Valérys "Monsieur Teste" einiges verdankt.

Die vielen Echos aus der Geistes- und Literaturgeschichte haben an den romanistischen Seminaren eine ganze Toussaint-Geheimwissenschaft hervorgebracht, die sich unter anderem der Frage hingibt, warum eines der drei Kapitel des "Badezimmers" "Hypotenuse" heißt (und siehe da: Wenn man die Seitenzahlen der anderen beiden Kapitel - 28 und 35 Seiten - auf der x- beziehungsweise y-Achse eines Koordinatensystems einzeichnet, entspricht die Zentimeterzahl der Hypotenuse der Seitenzahl des Kapitels "Hypotenuse"). Wie der Maler Robert Rauschenberg einmal tagelang eine Zeichnung seines Idols Willem de Kooning ausradierte, was eine Respektlosigkeit, aber auch ein Versuch war, endlich zu verstehen, wie das Kunstwerk gemacht war, so nimmt Toussaint die Geistesgeschichte von Pascal bis Valéry auseinander und legt sie neu zusammen, als sei es ein Scrabblespiel (als Sechzehnjähriger war Toussaint tatsächlich Juniorenweltmeister im Scrabble geworden).

Deutlich sind Toussaints Verweise auf Blaise Pascal und dessen berühmtes Diktum, "daß alles Unglück der Menschen einem entstammt, nämlich daß sie unfähig sind, in Ruhe allein in ihrem Zimmer bleiben zu können". Toussaints Figuren scheinen das im Hinterkopf zu haben und betreten die alltägliche Welt mit einer hochbeinigen Vorsicht, wie man sie von Hunden kennt, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf Sand oder Schnee laufen: aufgeregt, respektvoll, erstaunt, überfordert und begeistert. Was Toussaints Figuren auch mit Jacques Tati verbindet, mit dem Toussaint oft und zu Recht verglichen wurde und dessen Filme auf ähnlich bohrende, grandios lakonische Art und Weise den lauernden Irrsinn in den Dingen zeigen.

Kein Wunder auch, daß die Frau, die der Erzähler in Toussaints schönstem Roman "Der Fotoapparat" kennenlernt, Pascale heißt und in einer Fahrschule arbeitet, die der Erzähler betritt, weil er endlich seinen Führerschein machen möchte. Auch hier wieder ein scheuer, weltkritischer Held, der am liebsten in seinem Zimmer bliebe, dann aber doch die Notwendigkeit entdeckt, mobil zu sein, und sich auf eine abenteuerliche Reise durch den Alltag begibt, die zu allem führt (in diesem Fall einer wilden Liebesgeschichte mit Pascale in London), nur nicht zu dem, was der Erzähler ursprünglich vorhatte (einen Führerschein zu machen). Die Vergeblichkeit aller Anstrengungen, die dann doch zu einem unerwarteten Glück führen, in einen Zustand größter Mattigkeit, der auf rätselhafte Art und Weise ein Moment von großer, phantastischer Klarheit ist: Dieses Thema durchzieht all seine Romane.

1993 verbrachte Toussaint ein Jahr auf Einladung des DAAD in Berlin. Lief durch die Stadt, entdeckte Charlottenburg, den Osten, den Potsdamer Platz, der ihm, wie er bei einem Kaffee im "Belga" erzählt, gut gefiel. - "Sie mögen den Potsdamer Platz? Fast niemand in Berlin mag den Potsdamer Platz!" - Doch, doch, er mag den Potsdamer Platz. So wie er auch der Pariser Banlieue, den Megamärkten von Créteil mit ihren Gasflaschendepots etwas abgewinnen kann. Fast einen ganzen Roman lang irrlichtern Toussaints Helden im "Fotoapparat" durch diese Banlieue, um eine Gaskartusche für die Fahrschule zu kaufen, und im Wirrwarr der Vorstadttristesse, und zwischen Parkdecks und Hochhäusern entsteht eine Verbundenheit, die wegen der erwartungsvoll auf Liebende lauernden, katalog- und klischeehaften Schönheit des Pariser Zentrums dort so gar nicht entstanden wäre.

"Fernsehen", das Buch, das nach seinem Berlin-Aufenthalt entstand, ist ein böser, präzise beobachteter Deutschlandroman über einen Tizianforscher, der in Berlin ein Buch schreiben will, statt dessen aber erstaunt durch die sommerlich seltsame Stadt spaziert und seine Tage nackt an den Berliner Badeseen verbringt; in einer Szene läuft er beim Versuch, einen schmerzhaften Sonnenbrand im Wasser abzukühlen, dem komplett bekleideten, im Sommeranzug einherflanierenden Cees Nooteboom in die Arme, der tapfer so tut, als sei dieses Textilgefälle völlig normal.

"Und wie fand Nooteboom das Buch?"

"Ich habe nicht mit ihm gesprochen. Aber ich habe gehört, die Szene habe ihm gar nicht gefallen."

In Berlin hat Toussaint auch einen Film gedreht, der "Berlin 10.46" heißt; wie er überhaupt unter den französischsprachigen Schriftstellern vielleicht der cineastischste ist. Er beherrscht die Technik des Zooms wie kein anderer, er kann die komplizierten, unmerklichen Bewegungen zwischen zwei Personen, die sich gerade kennenlernen, mit Naheinstellungen sichtbar machen, als wäre seine Sprache ein massives Teleobjektiv.

Er fahre bald wieder nach Asien, sagte Toussaint, während draußen vor dem Café "Belga" die Preßlufthämmer ihre tatiesken Tänze aufführten. Nebenan verabschiedeten sich ein paar junge Belgier, einer stolperte beim üblichen Wangenkuß gegen einen Stuhl und fing sich mit einer linkischen Bewegung an der Tischkante - was an eine der schönsten Szenen in Toussaints Roman "Fernsehen" erinnerte: Da ist die deutsche Nachbarin, die der Erzähler sehr attraktiv findet; sie will ihm, weil sie Frankreich mag und vielleicht auch ihn, drei Bisous geben, links, rechts, links, aber in diesem Moment gibt es ein Mißverständnis, beide neigen plötzlich den Kopf in die gleiche Richtung, so daß "unsere Münder sich für einen kurzen Augenblick streiften und unsere Lippen sich sachte berührten". So kann es anfangen. Das unerwartete Glück in der mißglückten Aktion: Das ist das Versprechen von Toussaints Romanen.

NIKLAS MAAK

Jean-Philippe Toussaint: "Fuir", Roman. Les Éditions de Minuit, 186 Seiten, 13 Euro

Jean-Philippe Toussaint: "Das Badezimmer", Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, 2004, 124 Seiten, 15,90 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.10.2005, Nr. 42 / Seite 30
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