Feridun Zaimoglus neuer Roman

Wer sind wir, wenn wir aus der Fremde kommen?

Von Lena Bopp
 - 13:33

Der neue Roman von Feridun Zaimolgu hat keinen Anfang. Einen Prolog, ja, aber der führt nicht hin zu diesem Buch, sondern legt gleich los. „Sie nennen mich Hitlers Sohn“, lautet der erste Satz. „Flüchtiger Arier. Kind mit Kraft. Sie nennen mich Windhundwelpe des Führers. Sie rufen mich den Gelben, die kleine Sonne, Zauberperle, lachendes glückliches Äffchen. Sie sagen: Verwandle dich nicht, und wir werden dich bewundern. Sie wollen mir schmeicheln, also lächele ich sie an.“ Aber wer sie sind? Und wer der Erzähler ist, der sich von der namenlosen Masse auf so rätselhafte Weise gespiegelt sieht? Fragen über Fragen, und Antworten sind erst mal keine in Sicht.

Denn was Zaimoglu anstelle einer klaren Antwort anbietet, ist eine lange Reise. Sie beginnt für den Leser genauso wie für die Hauptfigur, den, wie wir letztlich erfahren, zu Beginn des Romans sechs Jahre alten Ich-Erzähler Wolf, mit einem kräftigen Stoß hinein in eine fremde Welt. Wolfs Vater, ein Sozialdemokrat mit Prinzipien, muss seine deutsche Heimat 1939 verlassen und flieht nach Istanbul. Im Siebentürmeviertel, dem der Roman seinen Titel verdankt, findet er Unterschlupf, zieht selbst bald weiter, lässt seinen Sohn aber im Haus des Freundes Abdullah Bey zurück, der dem Jungen sofort zum zweiten (und bald auch zum eigentlichen) Vater wird. Wolf wächst in der Fremde auf. Seine Geschichte ist die einer Integration unter mehrfach umgekehrten Vorzeichen: Hier kommt kein Kind nach Deutschland, das so viel moderner ist als sein türkisches Vaterland. Hier muss sich ein Deutscher in einem Teil der Türkei zurechtfinden, der sich die kemalistische Fortschrittlichkeit der gerade erst ausgerufenen Republik bisher noch weitgehend vom Leib gehalten hat.

Die härteste Währung ist der Tod

Nicht ohne Grund schreibt Zaimoglu in seinem knapp achthundert Seiten starken Buch - dessen Vielschichtigkeit durch die ein oder andere Straffung allerdings auch nicht verloren gegangen wäre - immer wieder von einem „Istanbul des Jenseits“. Er meint damit witzigerweise aber nicht das Siebentürmeviertel, sondern jenes sich schon auf dem Weg in die Moderne befindende Istanbul, das von Wolfs Viertel aus nur über eine Brücke zu erreichen ist, die hier mehr trennt als verbindet. Denn das Siebentürmeviertel lebt nach anderen, uralten Gesetzen. Und sie machen Wolf, aber mehr noch dem Leser das Leben mitunter schwer.

Zum einen liegt das an der Vergangenheit, die für die Orientierung in diesem Mikrokosmos von entscheidender Bedeutung ist, sich aber nur über einzelne, lose eingestreute Sätze allmählich erschließt. Denn wie die vielen Bewohner, die gottlob auch in einem Personenverzeichnis am Ende des Buches aufgelistet sind, zueinander stehen, wem ihre jeweilige Loyalität gilt, wem sie Rache schworen, wen sie heimlich begehren, welchen Gott sie anbeten - das ganze komplizierte Gefüge von Freund- und Gegnerschaften beruht nicht nur auf teils uralten Geschichten und Traditionen. Genauso wichtig für die sich im Kleinen stets wandelnde Figurenkonstellation sind Gerüchte, Prophezeiungen, ein ausgeprägter Aberglaube und das Festhalten an einer Rechtslogik, die Gleiches nicht mit Gleichem, sondern mit Größerem bestraft. Die härteste Währung ist hier noch immer der Tod, eine Narbe ist die kleinste Münze.

Überidentifikation mit dem Siebentürmeviertel

Um diese archaische Welt ins Wort zu setzen, bedient sich Zaimoglu zum anderen einer Erzählkonstruktion, die das Figurengewimmel in eine Vielstimmigkeit überträgt, deren einzige stilistische Konstante ein überhöhtes, weihevolles Raunen ist, das an mythische Welten erinnert und mit dafür sorgt, dass Geheimnisse lange Zeit auch wirklich geheim bleiben. Dreh- und Angelpunkt dieser Stimmen ist zwar der Junge Wolf. Aber weil er nur einer unter vielen ist und als Fremder um seine Stellung immer wieder besonders kämpfen muss, vermag auch er nur schwer Orientierung zu verschaffen. „Große Worte“, heißt es beispielsweise einmal, nachdem er in einer druckreifen Brandrede seinen kleinen Freunden (vorübergehend) die Freundschaft gekündigt hat, „sie verfehlen ihre Wirkung nicht. Die Frauen in der Nähe schauen mich an, als wäre ich ein richtiger türkischer Junge. Sind sie mir fremd? Begreife ich es, wenn sie ergriffen sind? Wenn sie sagen: Der Kummer ist meine Würze? Sie essen scharf, sie essen süß, sie trinken braunschwarzen Tee und Kaffee, sie schneiden sich und andere auf. Sie sprechen: Der Himmel will Blut trinken.“ So konsequent und durchaus kunstvoll diese Siebentürme-Welt also dargestellt ist - dem Leser präsentiert sie sich wie eine archäologische Stätte: Wer sich aufs Graben einlässt, wird fündig. Wem das zu lange dauert, wird sich rasch abwenden.

Nachvollziehbar wäre das. Aber bedauerlich wäre es in gewisser Weise auch. Denn Zaimoglu, der 2006 mit dem Roman „Leyla“ über eine türkische Emigrantin in Deutschland seiner Mutter ein literarisches Denkmal gesetzt hat, erweist mit „Siebentürmeviertel“ nun seinem Vater eine ähnliche, wenn auch ganz anders gearbeitete Ehre. In Yedikule, so heißt das Viertel im Südwesten Istanbuls auf Türkisch, hat der Vater so lange gelebt, bis er auswanderte und 1965 seine Frau sowie den ein Jahr alten Sohn hinterher holte. Die Veränderungen, die nach Atatürks Reformen die türkische Gesellschaft so tiefgreifend veränderten, dürfte er noch mitbekommen haben. Sie und der von ihnen hervorgerufene Widerstand, der Kommunisten ebenso wie religiöse Fundamentalisten auf den Plan ruft, bringen jedenfalls auch das fragile Kräfteverhältnis im Siebentürmeviertel des Romans ins Wanken. Und Wolf erlebt diese Veränderungen unmittelbarer als andere - nämlich nicht nur als politischen, sondern als persönlichen Loyalitätskonflikt zwischen der aufgeklärten Welt seines leiblichen und der archaischen seines Ziehvaters.

Die toten Enden eines Bildungsromans

Von diesem Zeitpunkt an, der im Roman etwa mit dem zweiten, im Istanbul der Nachkriegsjahre spielenden Teil beginnt, verdichtet sich Zaimoglus Panoptikum zu einer Erzählung, die zwar einen spezifischen Lebensweg beschreibt, aber doch zugleich jene Dilemmata in den Blick nimmt, die charakteristisch für viele Exil- und Integrationsgeschichten sein dürften. Mehr noch: Zaimoglu überspitzt die sich aufdrängenden Fragen nach der Bedeutung der Herkunft und dem Stand der gefühlten Integration, indem er seinen Protagonisten, dem der Weg in die Zukunft durch das Geld und den Pass des leiblichen Vaters eigentlich offenstünde, eine Überidentifikation mit dem Siebentürmeviertel angedeihen lässt. Das ist natürlich weder Wolf noch dem Leser sofort klar. Aber Wolfs Irren durch das neue Istanbul, dem er vor allem in Gestalt von autoritären Lehrern, mehreren Frauen und einem Dichter begegnet, vermittelt auf geschickte Weise doch allmählich ein Gefühl für die mannigfachen Kräfte, die bei der Frage nach der Zugehörigkeit wirken. Denn erzählerisch präsentiert sich die Suche des Jungen nach dem ihm eigenen Lebensort in einer Vielzahl von Handlungssträngen, von denen sich die meisten so lange als tote Enden entpuppen, bis Zaimoglu sie wieder aufnimmt und zusammenführt - und sein Buch so zum Ende hin in einen Bildungsroman verwandelt, dessen Konzept er bedient, um es zugleich ad absurdum zu führen.

Und so bietet der Roman vielleicht nicht nur einigen Aufschluss für das Verständnis von Zaimoglus eigener sowie der Biographie seines Vaters. Er schärft bei aller und letztlich durch seine Komplexität auch den Blick, den wir beispielsweise auf die aktuellen Flüchtlingsströme in Europa werfen sollten.

Feridun Zaimoglu: Siebentürmeviertel. Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2015. 794 S., geb., 24,99 Euro

Quelle: F.A.Z.
Magdalena Bopp Portraitaufnahme für das Blaue Buch / FAZ.Net
Lena Bopp
Redakteurin im Feuilleton.
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