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Roman über Eta-Terrorismus

War es das wert?

Von Paul Ingendaay
 - 11:50
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Damals, als die Terrorbande Eta noch Jahr für Jahr mehrere Menschen ermordete, erhielt ich bei meinen Besuchen im Baskenland Einblicke in ein rätselhaftes Universum. Die Wände der Altstadt von San Sebastián, der Eta-Hochburg, waren mit Parolen beschmiert. Köpfe von Politikern erschienen im Fadenkreuz. Durch die Gassen zogen Schweigemärsche für einsitzende Eta-Kämpfer. Es war eine verkehrte Welt, in der eine lautstarke gesellschaftliche Gruppe die Gewalt gegen Repräsentanten des „spanischen Staats“ guthieß und für die „Märtyrer“ des baskischen Nationalismus Kerzen aufsteckte. Was immer schieflief, war auch in der Sprache zu beobachten: Vom „Konflikt“ war die Rede, nicht von Mord. Man sehnte sich nach „Frieden“, nicht nach einem Ende des Tötens. Deutsche Nachrichtensendungen nannten Eta mit freundlicher Ahnungslosigkeit eine „Separatistenorganisation“.

Wenn es in der Stadt schon unangenehm sein konnte – in manchen baskischen Dörfern war die Atmosphäre erstickend. Porträts der „Etarras“ schmückten die Rathäuser. Ein Kiosk, der spanische Zeitungen geführt hätte, war nicht zu finden. Denn hier empfand man anders und las die Organe der „izquierda abertzale“, der nationalistischen Linken. Unwidersprochen galt ein trüber ideologischer Mix aus Marxismus und völkisch-agrarischem Denken, der jedem von draußen zeigte, wo er hingehörte: weit weg von hier. Wenn es einen Toten gab, nun ja – irgendetwas würde der Mann schon getan haben. Nicht der Täter, der Ermordete war schuldig.

Gewalt als ansteckender Virus

Von dieser Dorfwelt in der baskischen Provinz Guipúzcoa, nahe deren Hauptstadt San Sebastián, handelt Fernando Aramburus phänomenaler Roman „Patria“. Erzählt wird die Geschichte zweier ehemals befreundeter Familien, beide beherrscht von starken Müttern. Da ist einmal Bittori, die ihren Mann Txato durch ein Eta-Attentat verliert und darauf das Dorf verlässt – bis sie sehr viel später zurückkehrt, entschlossen, das einverstandene Schweigen zu stören. Und dann Miren, deren Mann Joxian der beste Freund des Ermordeten war – und deren Sohn Joxe Mari der Mörder.

„Patria“ ist ein Roman über das Eigene und das Fremde, über „uns“ und „die da“, über Stallgeruch, blinde Loyalität und über das, was in den letzten Jahren viele europäische Gesellschaften wie im Taumel erfasst hat: Identität und das Identitäre. Was verbindet mehr, die Utopie eines unabhängigen Baskenlands oder geteilte moralische Werte? Schlechte Zeiten für die EU-Norm, so viel steht fest.

Dass Bittori und Miren zuvor als beste Freundinnen durch die Gegend gezogen waren, gibt der Geschichte etwas von politischer Allegorie. In mehr als hundert Kapiteln eines dichten, spannenden und weit ausgreifenden Romans umkreist Aramburu den Mord, enthüllt Schritt um Schritt dessen Vorgeschichte und Folgen und liefert zusammen mit der intimen Soziologie eines Ortes, der für viele andere stehen könnte, ein seelisches Protokoll der Beteiligten, wie es so wohl noch nie geschrieben wurde.

Warum eigentlich nicht? Vielleicht, weil früher Bücher sich immer auf eines der beiden Lager konzentriert haben. Aramburu dagegen, Jahrgang 1959 und seit mehr als dreißig Jahren in Hannover ansässig, lässt auf siebenhundert Seiten seine neun Figuren sprechen und gibt jeder ihre persönliche Geschichte, als stünde jede mit dem Leser im direkten Zwiegespräch. Keine Master-Erzählung, kein Blick von oben, sondern das rohe Denken jedes Einzelnen – intim, ehrlich, oft ratlos oder verzweifelt. Gewalt als Virus, das alle ansteckt und alle deformiert.

Am Leben normaler Menschen interessiert

In diesem Panorama darf man die anonyme Mehrheit im Dorf getrost als eigenen Mitspieler betrachten, denn hier, wo nichts im Verborgenen geschieht, weiß natürlich auch jeder, wer über die politische Stimmung entscheidet. Einmal Patxi, der Kneipenwirt, unverhohlen ein Eta-Mann, der die Dorfjugend schon an der Tränke rekrutiert; aber auch Don Serapio, der ölige katholische Priester, der die nationalistische Causa mit frommen Sprüchen unterstützt.

Txato, der erfolgreiche Fuhrunternehmer, gehörte noch bis gestern dazu. Wie andere Männer des Dorfes, auch sein alter Freund Joxian, der sich zu seinen Kaninchen verzieht, wenn es brenzlig wird, hat er Karten gespielt, immer dieselbe Kneipe besucht und am Sonntag Touren mit dem Rennrad veranstaltet. Er hat auch die „Revolutionssteuer“ bezahlt, die Eta von den Vermögenden des Dorfes eintreibt. Als bald nach der ersten Zahlung aber eine neue Forderung eintrifft, beschließt Txato, sich zu verweigern. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil die Abgabe ihn finanziell überfordern würde. Möglicherweise hat sich jemand vertan, denkt er; vielleicht lässt sich ja mit den Leuten reden.

Doch dazu kommt es nicht. Plötzlich stehen Denunziationen an den Hauswänden. Txato, „Spitzel“. Txato, „Unterdrücker des Volkes“. Und schon rücken die Nachbarn ab und verweigern den Gruß, ein Terror der schweigenden Mehrheit wie im „Besuch der alten Dame“. Drohungen landen im Briefkasten, Unrat vor Txatos Haustür, das ganze Einmaleins der Einschüchterung, die ein halbes Jahrhundert lang zum Alltag im Baskenland gehörte und dazu geführt hat, dass Tausende Bürger ihre Heimat verließen und andere sich nur noch mit Leibwächter durch die Straßen bewegten. Ein sturer Kopf, dieser Txato. Überpinselt die Parolen und schickt allenfalls seine Tochter Nerea zum Studieren nach Saragossa, damit die toxischen Wellen sie nicht erreichen.

Fernando Aramburu ist am Leben normaler Menschen interessiert, nicht an der politischen Debatte um den „baskischen Konflikt“. Sein Roman, den Willi Zurbrüggen mit gewohnter Meisterschaft ins Deutsche gebracht hat, verlässt kaum je die private Ebene und ist ebendeshalb umso politischer. Miren, die glühende Nationalistin, erwartet vom heiligen Ignatius von Loyola Beistand für den Kampf um „Euskal Herria“ (das baskische Vaterland) und stellt die Motive ihres Sohnes für den bewaffneten Kampf nicht in Frage. Eines Tages jedenfalls taucht Joxe Mari nach Frankreich ab, zum klandestinen Training. Was ihn motiviert, bleibt vage – Langeweile, undefinierter Hass auf die spanische „Besatzungsmacht“ und ein bisschen Lust an prolliger Radikalisierung. Vermutlich war es für die meisten Eta-Leute wirklich so banal.

Zu gut für eine nette Versöhnungsgeschichte

Die Folter beim Verhör ist ein Thema, das immer noch propagandistisch ausgeschlachtet wird. Aber zum Teil wohl mit guten Grund. Aramburu stellt die Folter nach Joxe Maris Verhaftung als das Gängige dar, was alle Spanier nachdenklich machen sollte: Auch in diesen Spiegel müssen sie blicken und sich fragen, warum niemand ausbrechen konnte aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Erst 2011 erklärte Eta das „definitive Ende des bewaffneten Kampfes“. Und das war es. Bis heute.

Was aber war es genau? Warum mussten in einem halben Jahrhundert mehr als achthundert Menschen sterben? Für welches politische „Projekt“, um welcher Sache willen? Dieser Streit ist noch nicht beendet, und was die baskische Gesellschaft als Ganze erlitten hat, taucht in keiner Bilanz auf: Angst, Schweigen, Opportunismus. Aber auch betrogene Ideale, wie der siebzehn Jahre einsitzende Joxe Mari erkennt. Aramburus radikal unerschrockene Gegenüberstellung der Opferwelt und der Täterwelt könnte erklären, warum „Patria“ in Spanien mit bisher 700 000 verkauften Exemplaren zum Sensationserfolg des Jahres 2017 wurde – auch im Baskenland – und die wichtigsten Literaturpreise des Landes erhielt. In einer Zeit, die den Streit um die katalanische Unabhängigkeit auf einen vorläufigen Höhepunkt getrieben hat, wischt „Patria“ die ideologischen Spinnweben weg und zeigt: Menschen im Schmerz, Menschen im Zweifel, Menschen, die dennoch ein paar Schritte aufeinander zugehen.

Aramburu ist als Schriftsteller zu gut, um eine nette Versöhnungsgeschichte zu liefern. Gerade bei Figuren, die dem Konflikt auf die eine oder andere Weise ausweichen, entwirft er persönlichen Entscheidungsspielraum. Wie bei Arantxa, Mirens Tochter, die nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt und die Annäherung an Bittori auf ihre eigene Weise betreibt. Wie beim konfliktscheuen Xabier, einem Arzt in San Sebastián, der seine Einsamkeit heimlich im Cognac ersäuft. Oder wie bei Gorka, Mirens Jüngstem, der in die baskische Sprache flieht und der als Buchautor und Radiomoderator am Ende vielleicht das einzige glaubhafte „Projekt“ überhaupt vorzuweisen hat – die Pflege der eigenen Kultur.

In einer Szene von hinreißender Beiläufigkeit versucht Gorka, seinem Vater zu erzählen, dass er in Bilbao mit einem Mann zusammenlebt. Doch das Coming-Out verpufft; Joxian plappert weiter vor sich hin, weil sein Ältester, der bei Eta ist, immer das wichtigere Thema darstellt. So geschieht es eben mit dem Privatleben: Es wird von der Politik, dem höheren Gut, aufgefressen. Bis am Ende alles nur noch im Namen der Politik geschieht, jede Lüge gutgeheißen, jedes Verbrechen verteidigt, jedes Opfer gerechtfertigt wird. „Patria“, ein ebenso großmütiger wie leidenschaftlicher Roman, erhebt Einspruch gegen die alles durchdringende Ideologie des Nationalismus. Viel zu lange hat die baskische Gesellschaft – wie Bittori auf dem Friedhof – mit den Toten gesprochen. Zeit, sich um die Lebenden zu kümmern.

Quelle: F.A.Z.
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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